ThemaSoziale NetzwerkeRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
26.12.2009
 

Netzwerkforschung

So tickt das Wir

Von Max Rauner

3. Teil: Finanzwelt als Spielwiese der Netzwerkforscher

Die Finanzwelt ist derzeit die größte Spielwiese der Netzwerkforscher. Hier finden sie Unmengen an Daten vor, ein Geflecht von Beziehungen und eine sanierungsbedürftige Wissenschaft. Die orthodoxe Finanzmarkttheorie rechnet bislang mit mathematischen Modellen, in denen Aktienhändler, Banken oder Unternehmen durch Vertreter ersetzt werden, "repräsentative Agenten" genannt. Außerdem sehen die Modelle keine großen Kurssprünge vor, die Wissenschaftler rechnen mit einer Normalverteilung. Dumm nur, dass die Börse nicht normal ist.

Statt repräsentativer Agenten treten in Bouchauds Simulationen Tausende von Händlern auf, die an der Börse aktiv sind. Jeder wird von der Meinung der Mehrheit beeinflusst - der Herdentrieb -, außerdem passt er seine Handelsstrategie der Entwicklung von Inflation, Zinsen und Wechselkursen an. Obwohl diese sich nur langsam verändern, treten im Modell starke Kurssprünge auf. Potenzgesetz statt Normalverteilung. "Das Modell ist stark vereinfacht", gibt Bouchaud zu, "aber die Ähnlichkeiten mit den Spekulationsblasen sind offensichtlich."

Thomas Lux hat mit ähnlichen Methoden das Auf und Ab von Stimmungsbarometern simuliert. Mit solchen Expertenumfragen versuchen die großen Wirtschaftsinstitute in Deutschland regelmäßig, die Zukunft vorherzusagen. Meistens liegen sie daneben, und Lux glaubt jetzt auch zu verstehen, warum. Sein Modell zeigt die Rückkopplung der Mehrheitsmeinung mit der des einzelnen Experten - diese verstärkt den Herdeneffekt. Als nächstes will Lux soziale Netzwerke in sein Modell integrieren, denn Aktienhändler, sagt er, "gehen auch mal nach Börsenschluss einen trinken und tauschen dann Informationen und Gerüchte aus". Wahrscheinlich beeinflussen diese Gerüchte auch den nächsten Broker und den übernächsten. Der Investment-Unternehmer Warren Buffett formulierte es in seinem diesjährigen Aktionärsbrief so: "(Markt-)Teilnehmer, die Ärger aus dem Weg gehen wollen, stehen vor dem gleichen Problem wie jemand, der sich vor Geschlechtskrankheiten fürchtet. Es geht nicht nur darum, mit wem sie selbst schlafen, sondern auch darum, mit wem die anderen schlafen."

Vorhersage von Börsencrashs

Sozialphysiker an der ETH Zürich wagen sich nun am weitesten vor. Dort hat Didier Sornette ein "Financial Crises Observatory" gegründet und am 1. November ein Experiment zur Vorhersage von Spekulationsblasen gestartet. Sornette hat früher untersucht, wie Treibstofftanks der "Ariane"-Rakete zerbersten, wenn der Druck zu sehr ansteigt. Kurz vor dem Brechen knistert und knackt der Tank, je mehr Druck, desto lauter. Die Energie dieser Schallwellen, stellte Sornette fest, lässt sich - da war es wieder - mit einem Potenzgesetz beschreiben. Nun versucht er, Börsencrashs ähnlich vorherzusagen wie damals die Materialermüdung: indem er die Kurse statistisch analysiert und nach der Potenzstatistik Ausschau hält.

Manchmal lag er damit schon richtig. Im Juni prophezeite Sornette den Absturz des Shanghai Composite Index, des wichtigsten Aktienindex Chinas, für Ende Juli. Das stimmte nicht ganz, aber am 4. August ging der Index tatsächlich in den Sinkflug über und verlor bis zum 31. August mehr als 20 Prozent. Mit anderen Prognosen lag Sornette schon daneben, Thomas Lux findet dessen Methode "nicht wirklich überzeugend ". Außerdem könnten solche Vorhersagen den Crash erst auslösen. Sornette stellt seine Prognosen daher nun verschlüsselt ins Netz, mit drei Vorhersagen hat er begonnen ( arxiv.org/abs/0911.0454). Am 1. Mai 2010 will er den digitalen Schlüssel veröffentlichen, dann wird sich zeigen, ob er richtig lag.

Ob die Sozialphysik für eine Revolution taugt, steht damit freilich nicht fest. "Das große Projekt des 21. Jahrhunderts fängt gerade erst an", sagt der Mediziner Christakis. "In den vergangenen vier Jahrhunderten haben wir das Leben zerlegt in Organe, dann Zellen, dann Moleküle, dann Gene. Wir haben alles erfunden, vom Mikroskop bis zum Teilchenbeschleuniger. Jetzt fügen wir die Teile wieder zusammen."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 41 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.01.2010 von lachender lemur: Modellrelevanz

Viele, mag sein - jedoch die in den sozialwissenschaften relevanten Netzwerke eben oft gerade nicht. z.B. epidemiologisch relevante sexuelle Kontaktnetzwerke, oder für 'opinion dynamics' relevante Freundschaftsnetzwerke, oder [...] mehr...

02.01.2010 von lampeauftisch: Zeit der Synthese

Ich bin überzeugt, dass es Zeit für eine im Artikel angedeutete Synthese ist. Nach Jahrhunderten der Wissenschaft der Unterteilung und Zerlegung in Einzelteile (und der wachsenden Überzeugung, dass dies nicht zur letzten [...] mehr...

31.12.2009 von heinrichp: transdisziplinäre Integrationsmethode:

Vielleicht hilft uns das weiter Allgemeine Systemtheorie als transdisziplinäre Integrationsmethode: http://www.itas.fzk.de/tatup/052/ropo05a.htm von Günter Ropohl, Karlsruhe mehr...

30.12.2009 von lampeauftisch: Realistischere Modellannahmen in der Komplexitätsforschung

Richtig. Modelle sollten sowohl auf der Seite der Annahmen als auch auf der Seite der Resultate empirisch untermauert sein. Ich verstehe allerdings nicht warum gerade scale-free Netzwerke dafür ein Problem darstellen. Fakt [...] mehr...

29.12.2009 von lachender lemur: Complexity Science Unmasked

Ja. ---Zitat--- Ist es nicht gut, dass die (erstmals so klar formalisierte) Netzwerktheorie oder auch Komplexitätswissenschaft (Complexity Science) weitergehen will als die Kybernetik? ---Zitatende--- Auch Ja. Das Problem [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch
alles zum Thema Soziale Netzwerke

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Gefunden in ...

ZEIT Wissen
Heft 1/2010

Inhalt

Heft bestellen

www.zeit-wissen.de


Total vernetzt

Glück

Glücksgefühle stecken an: Das Bild links zeigt ein Netzwerk von 1020 Menschen, eine Momentaufnahme aus der Kleinstadt Framingham im Jahr 2000. Jedes Quadrat steht für einen Mann, jeder Kreis für eine Frau. Gelb heißt: Diese Person ist glücklich; Blau: Sie ist unglücklich; Grün: dazwischen; rote Linien: verheiratet oder befreundet; schwarze Linien verbinden Geschwister. Glückliche und unglückliche Menschen bilden oft Cliquen. Sie ziehen sich nicht nur gegenseitig an, sagen Forscher, sondern infizieren ihre Freunde und sogar die Freunde von Freunden von Freunden.

Kommunikation

Kooperation

Reisen

Muster im sozialen Gewusel

Panik

Wenn Menschen panisch aus einem Raum fliehen, drängeln und schubsen sie. Dadurch verkeilen sie sich an Türen und Engstellen, es bildet sich ein Pfropfen. Würden sie langsamer gehen, wäre der Raum schneller evakuiert. Eine Säule in der Nähe des Ausgangs kann die Situation entschärfen, fanden Panikforscher heraus.

Sex

Politik

Gemeinschaft

Geld






TOP



TOP