Von Angelika Franz
Wahrscheinlich verschwand dieses Volk unbemerkt, bevor es in die Annalen der Eroberer eingehen konnte, die im Kielwasser von Christoph Columbus in die neue Welt segelten. Denn etwas war schneller als die Conquistadores: die Viren und Bakterien des alten Europa, die als blinde Passagiere auf den spanischen und portugiesischen Schiffen mit in die neue Welt eingewandert waren. Schnell und tödlich breiteten sie sich unter diesem unbekannten Volk aus und rafften es dahin, noch bevor die behäbigen Eroberer es je zur Notiz nehmen konnten.
Der undurchdringliche Amazonas-Urwald aber holte sich bald jene Schneisen zurück, die das Volk ihm als Straßen abgetrotzt hatte. Jahrhundertelang hütete er so das Geheimnis dessen Existenz. Erst die rücksichtslose Rodung zu Gunsten von Viehhaltung, die im Amazonas-Becken Urwald unwiederbringlich vernichtet, entblößte die Monumente der sogenannten "Geoglyphen-Kultur".
Einige Hochkulturen sind berühmt für ihre Geoglyphen
Geoglyphen sind große geometrische Figuren, die nur aus der Luft in ihrer vollen Gestalt sichtbar werden. Das Wort setzt sich zusammen aus den griechischen Begriffen "geo-" für "Erd-" und "-glyphen" für "-zeichen". Berühmtestes Beispiel für diese Erdzeichen sind die Nazca-Linien, jene teils kilometerlangen Motive, die in die peruanische Wüste gescharrt sind.
Als in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten wuchsen, mit dem Dienst Google Earth auch entlegene Gebiete aus der Luft studieren zu können, kam eine spanisch-brasilianische Wissenschaftlergruppe auf die Spur der Geoglyphen-Bauer. "Und es hört gar nicht mehr auf", sagt Denise Schaan von der brasilianischen Federal University of Pará in Belém, "jede Woche entdecken wir neue Strukturen."
Über 200 dieser Erdzeichen haben Schaan und ihre Kollegen bereits gefunden. Einige sind rechteckig, andere bestehen aus konzentrischen Kreisen, Sechs- oder Achtecken. Der Durchmesser der Figuren beträgt zwischen 90 und 300 Meter. Meistens bestehen sie aus einem etwa elf Meter breiten Graben. Zwar sind die Gräben heute verlandet, dennoch sind sie einen bis drei Meter tief, der Aushub ist auf einer Seite meist einen halben bis einen Meter zu einem Wall aufgeschüttet.
Zwischen den Scharrwerken verlaufen breite, gerade Straßen. Im Süden der Region waren die Kreise die bevorzugte Form, die nördlichen Nachbarn bauten vermehrt in Rechtecken. Insgesamt überzieht dieses Geoglyphen-Netz ein Gebiet mit über 250 Kilometern Durchmesser. "Aber es ist gut möglich, dass wir noch nicht einmal ein Zehntel aller Geoglyphen gefunden haben", sagt Schaan.
200 Jahre vor Christoph Columbus
Erste Untersuchungen bringen ein wenig Licht in das Mysterium der Geoglyphen-Kultur. An der Helsinki Universität haben Chemiker eine Holzkohlenprobe aus einer Geoglyphe bei Fazenda Colorado am Rio Branco untersucht. Demnach war der Ort um etwa 1283 bewohnt - gut 200 Jahre vor Columbus. Andere Geoglyphen könnten aber durchaus auch schon 1000 Jahre vorher gebaut worden sein. Das Datum, so Schaab und ihre Kollegen in einem Artikel der britischen Zeitschrift Antiquity, passe gut zu der Entwicklung anderer komplexer Kulturen Südamerikas in dem Zeitraum.
Aber mit wem waren die Geoglyphen-Bauer verwandt? Nur rund zweihundert Kilometer weiter westlich in den Anden entwickelten sich vom zwölften Jahrhundert an die Inka zu einer Hochkultur. Doch die Archäologen fanden in den Geoglyphen keine einzige Scherbe Inka-Keramik oder andere Anzeichen für einen möglichen Kontakt zwischen den beiden Völkern. Auch zu den anderen großen Geoglyphen-Bauern, den Nazca, gibt es keine stilistischen Parallelen.
"Im Moment würde ich sagen, dass die größte Ähnlichkeit der gefundenen Keramik zu den Moxos in Boliven besteht", sagt der Co-Autor Alceu Ranzi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir sind hier ja auch ganz nahe an der Grenze zu Bolivien." Die Moxos sind eine Amazonas-Kultur, die unter dem Einfluss der Inkas stand. Noch heute leben etwa 30.000 von ihnen in Nord-Bolivien. Die meisten sind mittlerweile glühende Katholiken - obwohl ihre Vorfahren den Spaniern einst erbitterten Widerstand leisteten.
Wer auch immer die Geoglyphen-Bauern waren, es müssen viele von ihnen gewesen sein. In ihrem Aufsatz rechnen die Wissenschaftler vor, dass für den Bau einer einzigen Geoglyphe von 200 Meter Durchmesser 8000 Kubikmeter Erde bewegt werden mussten. Geht man davon aus, dass ein Mensch am Tag einen Kubikmeter Erde schafft, wäre das Bauwerk mit 8000 Mann am Abend eines Arbeitstages fertig. Bauen nur 80 Leute an der Geoglyphe, bräuchten sie entsprechend 100 Tage. Doch diese 80 Mann haben nach der anstrengenden Schufterei Hunger und Durst - also müssten noch weitere Leute ihnen Nahrung beschaffen und zubereiten, um sie bei Laune zu halten.
Gräben als Verteidigungsanlage?
Wahrscheinlich, so die Annahme der Wissenschaftler, sei eine Zahl von rund 300 beteiligten Menschen pro Geoglyphe. Diese müssten auch dort gewohnt haben, denn in und rund um die Erdwälle fanden Archäologen die Reste von Hütten mit Keramik darin und Alltagsgegenständen wie Mahlsteinen. Allein schon bei den bis heute entdeckten Geoglyphen würde das bedeuten, dass 60.000 Menschen in jener Region lebten, die bisher als völlig unbewohnbar galt.
Warum aber bauten sie ihre Gräben und Erdwälle in geometrischen Formen? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Eine Möglichkeit wäre, dass es sich schlicht um Verteidigungsanlagen handelte. Verteidigungsgräben und -wälle sind durchaus auch aus anderen Teilen des Amazonas-Gebietes bekannt. Allerdings ist es sinnvoller für Verteidiger, wenn der Graben vor dem Wall zu liegen käme - und nicht, wie bei den Geoglyphen am Purús-Fluss, dahinter.
Oder diente der Graben, so ein anderer Vorschlag, im Verteidigungsfall als eine Art Speisekammer für Frischfleisch, in der zum Beispiel Wasserschildkröten gehalten wurden? Gegen die Funktion als Verteidigungsanlage spricht allerdings auch die strikte Einhaltung der Geometrie. Ein Verteidigungswall würde die natürlichen Vorteile der Landschaft ausnutzen, die Geoglyphen jedoch sind akkurat wie mit dem Lineal gezogen. "Wenn man sich verteidigen will, baut man einfach einen Wall oder gräbt einen Graben", sagt Schaan, "aber man stellt keine genauen Berechnungen an, um die Anlage kreisrund oder exakt quadratisch zu bauen." Viele der Geoglyphen sind auffällig nach Norden ausgerichtet.
Zu untersuchen, ob die Scharrwerke vielleicht eine astronomische Bedeutung haben, steht als nächstes aus der Agenda der Wissenschaftler.
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Weshalb wird hier einfach Schluß gemacht? Ich kann mich nicht entsinnen, mit meinem letzten Beitrag gegen die Net-ikette verstoßen zu haben. Oder ist SPON aufgefallen, dass der Artikel selbst gräulich schlecht recherchiert ist und [...] mehr...
versteht man glaube ich eine Kultur, welche die ursprüngliche "Jaeger und Sammler" Stufe hinter sich gelassen hat. wenn es auch noch eine Schrift gibt, ist es eine Hochkultur. Im amerikanischen Doppelkontinent gab es [...] mehr...
Hat meine örtliche Bibliothek leider grad nicht da... ;) ---Zitat--- beschreibt und zeichnet der Autor den kunstvollen Palisadenschutz um die Dörfer der Tupinamba mit Schutzvorrichtungen gegen Schleudersteinen und [...] mehr...
Im Buch Hans Staden Zwei Reisen nach Brasilien 1548-1555 erschienen 1557 in Marburg beschreibt und zeichnet der Autor den kunstvollen Palisadenschutz um die Dörfer der Tupinamba mit Schutzvorrichtungen gegen [...] mehr...
Eine umfassende Sammlung und Aufarbeitung historischer Quellen über die Besiedlung Südamerikas ist im Werk von John Hemming Red Gold MacMillan, London 1978 enthalten. Dort gibt es auch plausible Schätzungen über [...] mehr...
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