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14.01.2010
 

Problemfluss Ganges

Heilung des heiligen Stromes

Von Joachim Hoelzgen

Selbst im Winter baden Hindu-Pilger im Ganges, erhoffen sich seelische und körperliche Reinigung. Doch tatsächlich dümpeln in Indiens größtem Strom Müll, Abwässer - und Leichenteile. Jetzt soll ein milliardenschweres Säuberungsprogramm den Fluss retten.


Auch in der großen nordindischen Tiefebene herrscht strenger Winter - mit kalten Nebeln über Neu-Delhi und frierenden Menschen, die sich Tücher um die Schultern wickeln, damit sie ein wenig vor dem Frost geschützt sind. Und auch Indiens längster Strom, der Ganges, wirkt in der kalten Welt abweisend und noch schlammfarbiger als sonst auf seinem Weg durch Bundesstaaten wie Uttar Pradesh, Bihar und West-Bengalen, wo er zusammen mit dem Brahmaputra das größte Flussdelta der Welt bildet.

Doch wie so oft in Indien wirken auch jetzt bunte Kontraste und Luftgebilde dem rauen Alltag entgegen. Am Donnerstag beginnt in der Stadt Hardwar das religiöse Mammut-Festival Mahakumbha Mela, an dem zehn Millionen tiefgläubige Hindus teilnehmen. Die meisten von ihnen wollen trotz des frostigen Wetters ein Bad im Ganges nehmen und sich dabei mit Wasser bespritzen - im Gedenken an einen mythischen Kampf zwischen Göttern und Dämonen, die sich um heiligen Nektar stritten. Den Siegern sollte der Nektar ewigwährendes Leben garantieren.

Und auch weiter flussabwärts wird gebadet: In Varanasi, der Zitadelle des Hinduismus am Ganges, die Gläubige für einen Hort des Lichts und der Erlösung halten. Vor der Kulisse alter Tempel und Paläste schreiten unverdrossen Pilger über Treppen hinab zu dem Fluss - Frauen im Sari und manche der Männer in weißen Lendenschurzen.

"Ganga mata", Mutter Ganges, wasche die Badenden von ihren Sünden rein, so lehrt es die Hindu-Mystik. Die Zauberkraft des Stromes gilt auch Sterbenden, denen noch ein letzter Schluck mit Flusswasser gereicht wird. Und ein finaler Glaubensakt ist die Verbrennung auf Holzstößen und das Verstreuen der Asche im Ganges. Nur so kann man dem Kreislauf des Sterbens und der Wiedergeburt entkommen, wähnen die Hindus.

Dem Glaubenssatz von der Reinheit des Ganges steht indessen ein weltliches Übel entgegen: Das Wasser des Flusses ist so sehr verschmutzt, dass sich Premierminister Manmohan Singh persönlich des Problems annimmt. Er hat die Säuberung des Stromes angeordnet und dem Ganges den Ehrentitel "nationaler Fluss" verliehen - als einzigem unter den großen Wasserläufen, die sich in Indien dahinwälzen.

Generalüberholung geplant

Im Dezember hat auch die Weltbank angekündigt, sich an der Säuberung des Ganges zu beteiligen - zunächst mit einem Kredit in Höhe von einer Milliarde Dollar, dem die Regierung in Delhi noch drei weitere Dollarmilliarden hinzufügt.

Bis zum Jahr 2020 soll der Ganges dank moderner Kläranlagen wieder sauber sein wie im indischen Abschnitt des Himalaja, wo er türkisfarbig aus den Bergen sprudelt.

Dringend notwendig ist das Programm wegen des Bevölkerungswachstums und des Wirtschaftsbooms auf dem Subkontinent. Das Einzugsgebiet des Ganges umfasst eine Million Quadratkilometer mit 400 Millionen Menschen. Die Großstädte lassen Abwässer in den Ganges, die nur mangelhaft gereinigt sind und auf den ersten Blick wie Rohabwässer aussehen. Und gefährlich sind Laugen mit Arsen und Schwermetallen, die von Industrieanlagen in den Fluss geschleust werden.

Nun, mit dem neuen Großvorhaben zur Sanierung des Ganges, hofft man endlich auf die Wende. Man erinnert sich an einen ähnlichen Versuch, den Mitte der achtziger Jahre der damalige Premier Rajiv Gandhi lanciert hatte. Doch dessen sogenanntes Ganges-Aktionsprogramm erwies sich mangels finanzieller Masse als Stückwerk und verpuffte praktisch wirkungslos.

Stromausfälle bringen das Krematorium ins Stocken

Das galt auch für Varanasi, das frühere Benares, wo immerhin drei Kläranlagen gebaut wurden - und ein elektrisch betriebenes Krematorium zur Feuerbestattung frommer Hindus. Doch die Kläranlagen, so beschreibt es der indische Filmemacher Gaurav Bhagat in dem Online-Magazin "EcoWorld", halfen nicht viel: Wegen der großen Menge von Abwässern und weil immer wieder mal der Strom ausfällt, entsteht ein Rückstau bis hin zu den religiösen Badeplätzen. Auch das Krematorium kommt wegen Stromausfalls beim Einäschern oft ins Stocken.

All das könnte sich dank des Milliarden-Programms der Regierung und der Weltbank ändern, meint Veer Bhadra Mishra, 67, eine Kapazität auf dem Feld der religiösen und wissenschaftlichen Betrachtung des Ganges. Mishra setzt sich seit über einem Vierteljahrhundert für die Reinigung des Flusses ein und genießt dank einer Doppelrolle hohes Ansehen. Er ist emeritierter Professor für Wasserbau und zugleich Hauptpriester des Sankat-Mochan-Tempels, eines wichtigen Heiligtums in Varanasi, das dem Poeten und Hindu-Philosophen Tulsi Das gewidmet ist - einem Meister von Hindu-Texten aus dem 16. Jahrhundert.

Früher hat Mishra jeden Tag mit einem Bad im Ganges begonnen. Nur er durfte es wagen, am Reinheitsgebot des Flusses zu zweifeln - auf Demonstrationen von Ganges-Schützern, die Banner mit einer provokanten Aufschrift vorantrugen: "Ist der Ganges ein Fluss der Erlösung oder macht er krank?"

Dem Ganges-Programm Rajiv Gandhis setzte er eine Umweltstiftung entgegen, die auch heute noch den Namen seines Tempels trägt: die Sankat Mochan Foundation. Ihr Ziel ist das "swatcha", die Säuberung des heiligen Stromes.

Mishras Anhänger säubern den Fluss an Swatcha-Tagen mit Rechen von Treibgut und Leichenteilen, die nicht vollständig verbrannt wurden. Sie verteilen an Schulen Material zum Thema Gewässerkunde, und sie legen flussabwärts in Dörfern Brunnen mit reinem Trinkwasser für die Bewohner an. Und schließlich, an einem Uferplatz der Hindu-Universität in Varanasi, hat er ein Labor errichtet, das Wasserproben untersucht.

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insgesamt 11 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.01.2010 von brenfan: Fundamentaler Fehler

"Nur so kann man dem Kreislauf des Sterbens und der Wiedergeburt entkommen, wähnen die Hindus." Mich wundert, dass die hier versammelten profunden Kenner Indiens über diesen peinlichen Fehler im Artikel noch nicht [...] mehr...

14.01.2010 von snickerman: Fazit?

wieder mal "Westen"-Bashing, oh, wir Bösen, Bösen Westler.. SIE wollen also allen Ernstes, das alles so bleibt? Wenn keiner hinkuckt, wird der Ganges wieder sauber? Jetzt hören sie mal gut zu, sie [...] mehr...

14.01.2010 von luckyfrank: Hae?

Weil es eben keine Reportage ueber Indien ist, sondern sich mit dem Muell-/Verunreinigungsproblem des Ganges befasst? Muell scheint mir eher das zu sein, was Sie schreiben... mehr...

14.01.2010 von azelmatti: Problemfluss Ganges

Schon zu Zeiten von Mark Twain war der Ganges eine Kloake, so nachzulesen in seinem Buch "Following the Equator". Da kann man in meiner deutschen Ausgabe von 1965 auf Seite 317 einen überzeugenden Versuch mit [...] mehr...

14.01.2010 von mavoe: Jetzt erst?

Es ist einsehbar, dass vor Urzeiten Lord Shiva seinen Dreizack in den Gangotri-Gletscher, etwas nördlich von Rishikesh, rammte. Dadurch entstand die Ganga welche die nordindische Ebene fruchtbar machte und deswegen als [...] mehr...

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