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12.02.2010
 

Heikle Lebensmittelwerbung

Glaub dich gesund!

Von Cinthia Briseño und Jens Lubbadeh

"Hilft beim Wachsen", "stärkt die Abwehrkräfte", "senkt den Cholesterinspiegel": Immer öfter bewerben Lebensmittelfirmen ihre Produkte mit medizinischen Heilsversprechen. Eine neue EU-Verordnung soll falsche Verheißungen verhindern - doch die Prüfbehörde ist überfordert.


Mutti und Vati sitzen in der Küche und spielen Schach. Da platzt der kleine Sohn herein und stürmt zum Kühlschrank: "Und jetzt ein kleines Steak!" Verdutzt schaut Vati auf: "Was, ein kleines Steak?". Mutti bleibt gelassen. Als ob Vati die dümmste Frage der Welt gestellt hätte, sagt sie: "Ja! Fruchtzwerge hat viele Proteine und wichtige Aufbaustoffe." Fröhlich löffelt Sohnemann den Super-Quark, greift anschließend zum Springer und setzt Vati schachmatt.

So sah ein Werbespot im Jahr 1984 aus. Damals sollten Fruchtzwerge von Danone noch stark und schlau machen. In vielen Werbesprüchen aus jener Zeit dominierten Adjektive wie "frisch", "leicht" oder "zart". Zwanzig Jahre später wurde dem kleinen Quark ein ordentliches Gesundheitsimage übergestülpt. Weniger Fett und Zucker soll er enthalten, dafür aber - dank der Zusätze an Vitamin D und Kalzium - Kinder "knochenstark" machen.

Das Bewusstsein für Gesundheit ist in der Bevölkerung gestiegen. Längst hat die Industrie darin eine lukrative Nische im ansonsten gesättigten Lebensmittelmarkt entdeckt. Die Nahrung von heute soll nicht mehr nur einfach schmecken, sondern auch eine Funktion haben: gesund machen. Functional Food eben.


So wird mittlerweile in Nahrungsmittel und Werbung eine Menge Wissenschaft und Medizin gemischt: Joghurts sollen bei der Verdauung helfen oder die Abwehrkräfte aktivieren. Margarine soll den Cholesterinspiegel senken und das Herz-Kreislaufsystem schützen. Omega-3-Fettsäuren sollen bei der Hirnentwicklung helfen (Übersicht über die häufigsten Zusätze in Functional-Food-Sparten: siehe Kasten in der linken Spalte).

Klingt gut, nur - stimmt das auch?

Dem Wildwuchs an Gesundheitsversprechen der Lebensmittelindustrie will die EU nun einen Riegel vorschieben. Lebensmittelkonzerne müssen wissenschaftlich beweisen, dass ihre Produkte gesund machen - genauso wie Pharmakonzerne das bei ihren Pillen tun müssen.

Die EU wurde mit Tausenden Health-Claim-Anträgen überschüttet

Seit 2007 ist die vom europäischen Parlament beschlossene Health-Claim-Verordnung in Kraft. Oberste Prüfinstanz ist die Europäische Behörde für die Lebensmittelsicherheit (Efsa). Deren Vorgabe lautet: Nur Lebensmittel, die "echte gesundheitliche Vorteile" bieten, dürfen entsprechend etikettiert oder beworben werden.

Doch der Teufel steckt im Detail:

  • Wie formuliert man allgemeine Gesundheitsaussagen wissenschaftlich korrekt?
  • Und welche Aussagen sind überhaupt haltbar?

Ziel der Efsa: Eine Positivliste von Werbesprüchen zu erarbeiten, auf der klipp und klar alle allgemeinen Health Claims stehen, die Nahrungsmittelhersteller auf ihre Produkte drucken dürfen.

Soweit der Plan - doch es kam anders: Sage und schreibe über 40.000 Werbeclaim-Anträge reichten die Lebensmittelhersteller ein. Damit hatte niemand gerechnet. "Es war nicht abzusehen, dass die Mitgliedstaaten derart viele Claims einreichen würden", sagte Lars Korsholm von der Europäischen Kommission der "Lebensmittelzeitung" bereits im Mai 2009.

Zwar hat die Europäische Kommission die Liste mittlerweile auf ein Zehntel zusammengekürzt, doch sie umfasst immer noch über 4000 Claims mit "gesundheitsbezogenen Angaben zu allgemeinen Funktionen", wie etwa "Kalzium ist gut für Ihre Knochen" (für die wichtigsten Punkte der Health-Claim-Verordnung siehe den Kasten links).

Die muss die Efsa alle prüfen. Martin Rücker von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sieht darin ein Problem: "Damit ist die Efsa überfordert", sagt der Sprecher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Knapp 1000 Anträge sind in der öffentlich einsehbaren Liste erst bearbeitet.

Eigentlich sollte die vollständige Positivliste Ende Januar dieses Jahres veröffentlicht werden. Doch mit der Hälfte der Sprüche, die die Europäische Kommission zusammengestellt hatte, war sie unzufrieden und gab sie zur Überarbeitung zurück. Die Begründung: zu unklar formuliert. Nun wird es wohl bis 2011 dauern, wie eine Sprecherin der Europäischen Kommission sagt.

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19.02.2010 von trehalose: Der Titel

Was soll denn jetzt der Unterschied sein zwischen "falschem" und "gutem" Calcium ?? mehr...

19.02.2010 von trehalose: Der Titel

Ist schon klar. Das hat aber bei mir - und hoffentlich auch bei vielen anderen - dazu geführt, dass ich der Werbung grundsätzlich mit einem - in diesem Falle gesunden - Misstrauen begegne. Wobei ich durchaus zugeben muss, dass [...] mehr...

19.02.2010 von Ylex: Dreck fressen...

Wieder ein EU-Monster, das als Bettvorleger enden wird. Die Botschaften der Lebensmittelwerbung sind oft gesundheitsgefährdend und die reine Verdummung der Konsumenten - ähnlich, vielleicht noch verdummender ist die Werbung [...] mehr...

19.02.2010 von Gaztelupe: ...

Ich frage mich schon seit langem ob es nicht ein Schulfach Medienkunde geben müßte, in dem unter anderem deutlich gemacht wird, daß es keinen Anspruch auf Wahrheit gibt; nicht bei Werbung, nicht bei anderen Formen der [...] mehr...

19.02.2010 von frubi: .

Ich mache mir keine Sorgen um die erwachsenen Menschen sondern eher um Kinder und Jugendliche. Hier sollte es meiner Meinung nach auch eine Art Schulfach oder Projektwoche geben. Schulfach wäre eventuell zu viel des Guten aber [...] mehr...

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Die Health-Claim-Verordnung der EU

Seit 2007 ist die "Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel" der EU in Kraft. Hersteller von Lebensmitteln können seitdem Health-Claim-Anträge bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) einreichen. Ziel der Verordnung: Jede Angabe auf einem Etikett über den gesundheitlichen Nutzen des Produkts muss durch wissenschaftliche Nachweise abgesichert sein. Diese werden von der Efsa überprüft.

Health Claims nach Artikel 13.1

Health Claims nach Artikel 13.5

Health Claims nach Artikel 14

Was passiert, wenn ein Health Claim abgelehnt wurde?

Functional Food - die wichtigsten Zusätze

Heutzutage regulieren Joghurts die natürliche Verdauung, und Margarine schützt das Herz. Funktionelle Lebensmittel seien für die Gesundheit förderlich, finden die einen. Andere Experten sind skeptisch.

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