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04.04.2010
 

Schizophrenie

Wurzeln des Wahns

Verlorenes Terrain: Manche Hirnregionen haben bei Schizophrenen ein verringertes VolumenZur Großansicht
Gregory R.Samanez-Larkin /Joshua W. Buckholtz

Verlorenes Terrain: Manche Hirnregionen haben bei Schizophrenen ein verringertes Volumen

Etwa 13.000 Menschen werden in Deutschland Jahr für Jahr mit der Diagnose Schizophrenie konfrontiert. Mediziner wie Thomas Nickl-Jockschat von der RWTH Aachen versuchen herauszufinden, welche Genvarianten zu der Erkrankung beitragen und wie die Störung sich im Gehirn auswirkt.

Das Wort "schizophren" weckt irreführende Assoziationen. Der Name der Krankheit (von altgriechisch: schizein = spalten; phren = Seele) suggeriert eine gespaltene Persönlichkeit - doch mit "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" hat die Schizophrenie nichts zu tun. Als der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857 - 1939) zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Begriff einführte, hatte er vielmehr das Auseinanderfallen von Denken, Fühlen und Wollen der Betroffenen im Sinn.

Tatsächlich handelt es sich bei den schizophrenen Psychosen um eine ganze Gruppe neuropsychiatrischer Störungen mit teils recht unterschiedlichen Kennzeichen. Meist gliedern Psychiater die von Fall zu Fall erheblich variierenden Krankheitsbilder nach sogenannten Positiv- und Negativsymptomen. Zu ersteren zählen Sinnestäuschungen, Wahnvorstellungen und ein gestörtes Ich-Erleben, bei dem die Betroffenen die Grenze zwischen Selbst und Umwelt nicht mehr klar ziehen können. Diese Krankheitsanzeichen treten häufig schubweise auf und lassen sich medikamentös verhältnismäßig gut in den Griff bekommen. Lang anhaltende Negativsymptome wie Antriebsmangel, fehlende Konzentrationsfähigkeit, Schlafstörungen und Gefühlsarmut, welche den Patienten oft erheblich zu schaffen machen, sind dagegen nur schwer behandelbar.

Ursachen und Mechanismen der immer noch unheilbaren Erkrankung sind bis heute rätselhaft. Doch nur wer versteht, wie Schizophrenien entstehen und was dabei im Gehirn geschieht, kann den Patienten wirkungsvoll helfen. Um das Übel an den Wurzeln zu packen, versuchen daher Mediziner unter anderem herauszufinden, welche Genvarianten zu der Störung beitragen und welche physiologischen Veränderungen im Gehirn von Schizophrenen auftreten.

Dass die Krankheit zumindest zum Teil vererbt wird, offenbart bereits ihre familiäre Häufung - je näher eine Person mit einem Betroffenen verwandt ist, desto höher liegt ihr Erkrankungsrisiko. Besonders drastisch zeigt sich dies bei eineiigen Zwillingen: Leidet eines der genetisch identischen Geschwister an Schizophrenie, dann trägt das andere ein Risiko von schätzungsweise 45 bis 75 Prozent, ebenfalls zu erkranken. Bei zweieiigen Zwillingen, die ja wie normale Geschwister miteinander verwandt sind, liegt die Erkrankungswahrscheinlichkeit zwischen 4 und 15 Prozent.

Fatales Erbe oder ungünstige Umwelt?

Demnach spielen genetische Faktoren zwar eine Rolle bei der Krankheitsentstehung, sie entscheiden aber keineswegs allein über den Ausbruch. Sonst müssten eineiige Zwillinge ein exakt übereinstimmendes Erkrankungsrisiko tragen. Neben dem biologischen Erbe mischen also auch Umwelteinflüsse mit.

Da eineiige Zwillinge relativ selten sind - und von diesen wiederum nur ein bis zwei Prozent eine psychotische Episode erleiden -, beruhen Zwillingsstudien zur Schizophrenie meist auf sehr geringen Fallzahlen. Deshalb erweist sich die Quantifizierung der genetischen Komponenten als schwierig. Wissenschaftler greifen daher auf Metaanalysen zurück, welche die Ergebnisse mehrerer Studien zusammenfassen. So hat 2003 Patrick Sullivan von der University of North Carolina in Chapel Hill (USA) gemeinsam mit seinen Kollegen zwölf Zwillingsstudien ausgewertet. Dabei erwies sich die Genetik als wichtigste Größe. Sie macht demnach bis zu 80 Prozent des Erkrankungsrisikos aus. Andere Wissenschaftler kamen zu ähnlichen Größenordnungen und schätzen den Einfluss von Umweltfaktoren auf 20 bis 50 Prozent.

Doch welches sind die entscheidenden Gene? Erste Hinweise brachten Chromosomenveränderungen, die bei Schizophrenien gehäuft auftreten. In einer Studie von 2002 fanden der Isländer Hreinn Stefansson von der Firma deCode Genetics in Reykjavik und seine Kollegen auf dem achten Chromosom einen Erbfaktor, der bei der Krankheit eine Rolle zu spielen scheint: Das Gen Neuregulin-1 (NRG1) übernimmt im Zentralnervensystem zahlreiche Aufgaben. Unter anderem unterstützt es die Wanderung von Neuronen während der embryonalen Reifung der Großhirnrinde, sorgt dafür, dass die Hirnzellen mit Myelin ummantelt werden - was die Erregungsleitung beschleunigt - und fördert die Entwicklung der Gliazellen. Mutationen dieses Gens scheinen die neuronale Entwicklung im Embryo zu stören, was zum späteren Ausbruch einer Schizophrenie beitragen könnte. Metastudien wie die von Wissenschaftlern um Lin He von der chinesischen Universität Schanghai aus dem Jahr 2006 bestätigten den Einfluss von NRG1 auf die Entstehung von Schizophrenie.

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Auf einen Blick

Risikogene und Hirnanomalien

1 Bei schizophrenen Patienten treten Mutationen bestimmter Gene häufiger auf als bei Gesunden. Ob und wie diese Veränderungen die Psychosen auslösen können, ist allerdings noch unklar.

2 Vor allem im Stirn- und Schläfenlappen zeigen Schizophreniepatienten verringertes Hirnvolumen.

3 Schizophrenie entsteht höchstwahrscheinlich im Wechselspiel von genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren. Nur wenn beide zusammenwirken, kommt es zur Erkrankung.

Diagnosekriterien schizophrener Psychosen

Um eine Schizophrenie zu diagnostizieren, müssen mindestens zwei der folgenden Symptome über längere Zeit bestehen:

Einzelne Symptome müssen mindestens sechs Monate lang anhalten und das Sozialleben oder die berufliche Leistung merklich beeinträchtigen. Andere Ursachen der Symptomatik sollten ausgeschlossen sein – zum Beispiel, dass das Störungsbild auf Drogenkonsum zurückgeht.

1. Wahn

2. Halluzinationen

3. desorganisierte Sprechweise

4. grob desorganisiertes Verhalten

5. negative Symptome


Hirnveränderungen durch Medikamente

Therapiestudien belegen, dass bestimmte Psychopharmaka zu Veränderungen der Hirnstruktur führen können. Dies gilt vor allem für ältere Wirkstoffe, die so genannten typischen Antipsychotika: Nach deren mehrwöchiger Einnahme nimmt das Volumen der Basalganglien zu, das verschiedener anderer Hirnregionen hingegen ab. Neuere, atypische Antipsychotika scheinen diese Veränderungen allenfalls in geringem Ausmaß zu verursachen.

(Scherk, H., Falkai, P.: Effects of Antipsychotics on Brain Structure. In: Current Opinion in Psychiatry 19(2), S. 145 – 150, 2006)

Globales Leiden

Schizophrenien treten weltweit auf. Bislang sind keine Kulturen oder Bevölkerungsgruppen bekannt, die vor dieser seelischen Störung gefeit wären. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch im Lauf seines Lebens an Schizophrenie erkrankt, liegt bei etwa ein bis zwei Prozent.

Epigenetik: Gene sind nicht alles

Gehirn & Geist / Art for Science

Auch wenn etliche Gene bei schizophrenen Psychosen eine Rolle spielen, bestimmen sie allein noch längst nicht, ob die Krankheit ausbricht oder nicht. Entscheidend ist, wann welche Erbinformationen in welchem Maß aktiv sind. "Epigenetische" Faktoren steuern die Genaktivität und beeinflussen somit auch psychische Störungen.

Ein wichtiger epigenetischer Mechanismus ist die DNA-Methylierung: Angelagerte Methylgruppen verhindern, dass der entsprechende DNA-Abschnitt abgelesen werden kann. Tatsächlich fanden kanadische Forscher bei eineiigen, also genetisch identischen Zwillingen, von denen nur ein Geschwister an Schizophrenie erkrankt war, Unterschiede im Methylierungsgrad des Gens DRD2, das für einen Dopaminrezeptor kodiert. Während beim gesunden Zwilling Methylgruppen das Gen lahmlegten, war es bei seinem schizophrenen Geschwister besonders aktiv. Die Folge: Das Gehirn produziert mehr Dopaminrezeptoren, was wiederum als Risikofaktor für Schizophrenie gilt.

(Petronis, A. et al.: Monozygotic Twins Exhibit Numerous Epigenetic Differences: Clues to Twin Discordance? In: Schizophrenia Bulletin 29(1), S. 169 –178, 2003)

Quelle

Nickl-Jockschat, T. et al.: Korrelation zwischen Risikogenvarianten für Schizophrenie und Hirnstrukturanomalien. In: Der Nervenarzt 80(1), S. 40 – 53, 2009.

Weitere Originalquellen im Internet:
www.gehirn-und-geist.de/artikel/1021703

Literaturtipp

Javitt, D. C., Coyle, J. T.: Wenn Hirnsignale verrückt spielen. In: Spektrum der Wissenschaft 12/2004, S. 62 – 68.
Die Psychiater Daniel Javitt und Joseph Coyle beschreiben die Rolle von Hirnbotenstoffen bei Schizophrenie.




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