Der Ton macht die Musik - diese Binsenweisheit hat nicht nur eine soziale, sondern auch eine linguistische Komponente. Denn neben den reinen Worten übermittelt vor allem die Satzmelodie, die sogenannte Prosodie, eine Menge Informationen, beispielsweise über die Gefühlslage des Sprechers. All das wird in einem speziellen Areal des Großhirns, dem sogenannten Temporallappen, verarbeitet. Unklar war bisher allerdings, wann sich dort die Fähigkeit zur Dekodierung von Emotionen ausbildet.
Jetzt aber haben Forscher herausgefunden, dass Kleinkinder schon im Alter von sieben Monaten menschliche Stimmen und die mit dem Stimmklang übermittelten Emotionen erkennen können.
Ein internationales Team führte am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften zwei Experimente durch. Zuerst spielten die Wissenschaftler Kleinkindern im Alter von vier und sieben Monaten Töne von menschlichen Stimmen und andere Geräusche vor. Dabei maßen sie im Temporallappen die Gehirnaktivität mit der Methode der Nahinfrarot-Spektroskopie: Der Schädel wird mit Licht nahe dem Infrarotbereich bestrahlt, und aus den reflektierten Informationen wird der Sauerstoffgehalt im Blut bestimmt. Die Methode ist ungefährlich, die Babys müssen auch nicht fixiert werden.
Nur bei den sieben Monate alten Kindern zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen der Gehirnaktivität beim Hören menschlicher Stimmen und dem Hören anderer Geräusche, schreiben Tobias Grossmann von der University of London und seine Kollegen im Fachmagazin "Neuron". Viermonatige Kinder trafen dagegen keine Unterscheidung.
Das zweite Experiment zielte auf Reaktionen ab, die in der Satzmelodie mitschwingende Gefühlslagen auslösen. Die Forscher spielten den siebenmonatigen Kindern Stimmen mit einer neutralen, einer glücklichen und einer wütenden Betonung vor. Auf die emotionalen Satzmelodien hätten die angesprochenen Hirnregionen deutlich anders als auf die neutrale Stimme reagiert. Je nach Unterton gebe es sogar eine spezifische Verarbeitung. Das Hirn selektiere so weit, dass Signale, die Gefahr bedeuten, vorrangig verarbeitet würden.
"Unsere Studie zeigt, dass die stimmensensitiven Gehirnregionen bereits im Alter von sieben Monaten Stimmen und die damit verbundenen Emotionen erkennen", erklärt Grossmann. Das könnte wichtig sein für die frühzeitige Diagnose von Entwicklungsstörungen. Autismus etwa ist auch dadurch charakterisiert, dass die Patienten Gefühle anderer Menschen nicht wahrnehmen und einordnen können.
mbe/ddp/dpa
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