SPIEGEL ONLINE: "Das Erhabene in Wissenschaft und Kunst" heißt ein Sammelband, den sie mit herausgegeben haben. Ein provokanter Titel. Wie reagiert ein Saal voller Wissenschaftler, wenn sie denen erzählen, dass Wissenschaft nicht nur rational und logisch sein kann - sondern auch erhaben wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich?
Hoffmann: Zunächst einmal herrscht meist eisiges Schweigen, wenn ich in Wissenschaftlerkreisen meine Thesen vortrage. Viele denken, ich bin verrückt. Dann fange ich einfach an, zu beschreiben, wie oft wir bei der Forschung auf Phänomene stoßen, für die uns einfach die Worte fehlen. Dinge, die uns zwingen, stumm zu staunen. Ich frage die Wissenschaftler dann: Ihr kennt doch alle das Gefühl, Neuland zu betreten, und als erster etwas zu entdecken oder ein Molekül zu synthetisieren, das so noch niemand gesehen hat auf der Erde. In solchen Heureka-Momenten fühlt man sich einfach high.
SPIEGEL ONLINE: Dieses High-Gefühl - das ist für Sie das Erhabene?
Hoffmann: Man fühlt sich einfach eins mit dem jeweiligen Lebewesen, diesem Molekül, mit dem Universum. Dieses Gefühl, das ist für mich das Erhabene. Ich wünschte, wir hätten mehr solcher Erlebnisse im Forschungsalltag.
SPIEGEL ONLINE: Und wie reagieren Künstler, wenn sie denen erzählen, dass ein Molekül so erhaben wirken kann wie ein Gemälde?
Hoffmann: Künstler reagieren meist ähnlich skeptisch wie Wissenschaftler auf meine These, schließlich haben viele das Stereotyp verinnerlicht: Ein Wissenschaftler ist trocken und sachlich und zeigt keine Gefühle. Ich erzähle dann von meinen Erlebnissen und ich sage ihnen: Wissenschaftler sind genauso emotional wie ihr und empfinden ebenso tiefe Gefühle bei ihrer Arbeit - aber sie sitzen im Gefängnis einer starren, prosaischen Sprache.
SPIEGEL ONLINE: Das Erhabene ist ein Begriff aus der Ästhetik und Philosophie. Wo kann ich es in der Wissenschaft finden?
Hoffmann: Nehmen Sie zum Beispiel das Hämoglobin, die eisenhaltigen Proteine im Blut, die den Sauerstoff transportieren. Auf den ersten Blick ist ihre Struktur einfach in ihrer äußeren Form schön - sie löst eine subjektive Empfindung des Wohlgefallens aus, wie es Immanuel Kant in der "Kritik der Urteilskraft" beschreibt. Wenn ich mir dann aber vorstelle, wie das Hämoglobin funktioniert, und wie seine Untereinheiten miteinander kommunizieren, dann spricht das obendrein noch meine geistigen Fähigkeiten an. Meine Wahrnehmung übersteigt gleichsam den reinen Gegenstand - das ist das Erhabene. Wenn ich daran denke, wie elegant diese Moleküle Sauerstoff binden, bekomme ich eine Gänsehaut. Dann empfinde ich Glück und Dankbarkeit, ein Chemiker zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Physiker und Astronomen melden sich oft in philosophischen Debatten zu Wort, Chemiker sind da deutlich zurückhaltender. Haben Chemiker so etwas wie einen Erhabenheitsneid den anderen Disziplinen gegenüber?
Hoffmann: Da ist ein bisschen was dran. Die Physik dreht sich ums Winzigkleine, die Astronomie ums Riesengroße, der Chemie dagegen fehlt diese mühelose Leiter zum Erhabenen, die das Grenzenlose bietet. Aber dafür haben wir Chemiker unsere eigene Form des Erhabenen: die Isomerie. Wenn also Moleküle, die eigentlich aus denselben Bausteinen aufgebaut sind, aber durch die unterschiedliche Stellung der Atome unterschiedliche räumliche Strukturen annehmen und daher auch völlig unterschiedliche chemische und physikalisch Eigenschaften haben. Allein das Hämoglobin hat so viele unterschiedliche Stereoisomere, dass in unserem Körper kaum ein Isotopomer dem anderen gleicht. Die Vielfalt ist fast unendlich. Das ist erhaben.
SPIEGEL ONLINE: Ein Aufsatz in dem Buch stellt Ihr gesamtes Konzept in Frage. Der Kunsthistoriker James Elkins kritisiert: "Wörter wie Erhabenheit, Transzendenz und Präsenz sollen, in Wolken säkularer Kritik gehüllt, religiöse Bedeutungen andeuten, ohne sie explizit zu machen."
Hoffmann: Super, Sie haben ja das Buch gelesen. Aber im Ernst. Jim Elkins ist einer der klügsten Köpfe, die ich kenne, der außerdem ein starkes wissenschaftliches Verständnis hat. Und er ist ein Bilderstürmer. Er stellt unser gesamtes Konzept in Frage. Ich glaube aber, dass wir und das Erhabene stark genug sind, um diese Kritik auszuhalten.
SPIEGEL ONLINE: In einem anderen Kapitel deutet der Biologe John Onians an, dass "viele menschliche Emotionen, auch das Erhabene, ihre Wurzeln in der menschlichen Biologie haben". Das Erhabene erklärt er damit, dass "Individuen, die auf große und gefährliche Dinge stark reagierten, größere Überlebenschancen hatten". Ist das nicht vielleicht ein bisschen reduktionistisch?
Hoffmann: Es gibt heutzutage Biologen, die ernsthaft die genetischen und biochemischen Grundlagen der ästhetischen Wahrnehmung untersuchen. Das sind faszinierende Arbeiten. Aber haben Sie keine Angst, dass das Erhabene sich je reduktionistisch wegrechnen lassen wird. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, Zeilen von Ingeborg Bachmann: "Im Keller des Herzens, schlaflos, finde ich mich wieder / auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit." Wenn Sie diese Zeilen lesen, feuern Ihre Neuronen, ausgelöst durch biochemische Signale. Wenn Sie diese Vorgänge beschreiben und entschlüsseln, winkt Ihnen vielleicht ein Nobelpreis. Herzlichen Glückwunsch. Aber Sie werden durch derlei Forschung nie das Gedicht selbst verstehen, nie die Art und Weise nachempfinden, wie die Autorin ihren Schmerz besingt. Dies Gefühl, diese Sprache sind immun gegen Reduktionismus.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass das Erhabene zum Beispiel in einen Chemie-Lehrplan gehört?
Hoffmann: Ja, vielleicht könnte man so verhindern, dass junge Menschen die Welt in zwei separate Sphären aufteilen: hier das Gefühl, da der Geist. Wer über das Erhabene in der Chemie spricht, kann vielleicht auch eher vermitteln, warum das Wissen, wie ein Molekül funktioniert, unglaublich spannend und emotional sein kann.
Das Interview führte Hilmar Schmundt
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