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15.06.2010
 

Verblutungs-Risiko

Billigmedikament könnte Zehntausende vor dem Tod bewahren

Schwerer Autounfall (am 8. Juni 2010 bei Freiburg): Unfalltod als sehr reales RisikoZur Großansicht
dpa

Schwerer Autounfall (am 8. Juni 2010 bei Freiburg): Unfalltod als sehr reales Risiko

Sie kostet pro Patient weniger als zehn Euro und könnte Zehntausende von Leben retten: Mediziner haben in einer Großstudie eine Substanz getestet, die tödliche Blutungen rechtzeitig stoppen soll - und fordern jetzt sogar die Aufnahme in die WHO-Liste der unentbehrlichen Medikamente.

London - Autounfälle, Gewaltausbrüche, Verletzungen durch Landminen: In vielen Entwicklungsländern ist das Leben mehr als gefährlich. Doch auch in wohlhabenderen Gegenden der Welt ist der Unfalltod gerade für jüngere Menschen ein sehr reales Risiko. "Jedes Jahr verbluten weltweit etwa 600.000 Patienten", sagt der Epidemiologe Ian Roberts von der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM). Für die Gruppe der 5- bis 45-Jährigen seien Verletzungen sogar die zweithäufigste Todesursache nach der Immunschwäche Aids - und die Todeszahlen steigen.

Dabei könnte eine einfache Injektion möglicherweise zehntausende Unfallopfer pro Jahr vor dem Verbluten retten. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine vom Pharmakonzern Pfizer mitfinanzierte Studie, die im Medizinjournal "The Lancet" veröffentlicht wurde. Das Autorenteam hatte die Wirkung der sogenannten Tranexamsäure (TXA) untersucht.

Die Substanz ist mit knapp vier Euro pro Gramm verhältnismäßig günstig, patentfrei und von verschiedenen Anbietern zu haben. Weil sie nicht kühl gelagert werden muss, ist sie auch in Krankenstationen mit niedrigen Standards einsetzbar. Der Stoff wird bereits als blutungshemmendes Mittel etwa bei Zahnfleischbluten und größeren Operationen angewandt.

Das Medikament bremst die Auflösung von Blutgerinnseln und fördert so die Gerinnung bei schwer verletzten Unfallopfern. Allerdings sind Blutgerinnsel auch die Auslöser von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Lungenembolien. Mediziner hatten daher befürchtet, dass eine TXA-Gabe das Risiko dieser schweren Komplikationen erhöht. Eine Studie mit 20.211 Unfallopfern in 274 Krankenhäusern in 40 Ländern ("CRASH-2") ergab jedoch, dass die hemmende Substanz die Todesfälle durch Verblutung vermindert, ohne dass gleichzeitig die Zahl der befürchteten Komplikationen ansteigt.

Todesrisiko um ein Sechstel gesunken

Durch die Verabreichung von TXA verringerte sich das Todesrisiko wegen starker Blutverluste um ein Sechstel. Die Forscher folgern daraus, dass allein in Europa und den USA jeweils 2000 Leben pro Jahr gerettet werden könnten. Doch vor allem Menschen in Entwicklungsländern könnten massiv davon profitieren, hieß es. In Indien und China prognostizierten die Wissenschaftler die Zahl von jeweils 12.000 vermeidbaren Todesfällen pro Jahr.

Die Patienten in der Studie hatten zunächst eine Spritze mit einem Gramm TXA erhalten, dann über einen Zeitraum von acht Stunden ein weiteres Gramm als Infusion. Im Anschluss daran sei der Körper wieder in der Lage gewesen, sein eigenes Programm zur Auflösung von Gerinnseln auszuführen. Die Substanz müsse nun auf die Liste der unentbehrlichern Medikamente der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesetzt werden, fordern die Wissenschaftler. Darauf stehen als Empfehlung all die Arzneistoffe, die ein Land zur dringendsten Versorgung seiner Bevölkerung braucht.

chs/dpa

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