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24.06.2010
 

Stammzellen-Streit

Forscher zanken um vermeintliche Wunderzellen

Von Cinthia Briseño

Schale mit Stammzellkulturen: Eine Frage der WachstumsbedingungenZur Großansicht
AP

Schale mit Stammzellkulturen: Eine Frage der Wachstumsbedingungen

Es schien ein spektakulärer Durchbruch: Tübinger Wissenschaftler hatten Stammzellen aus den Hoden erwachsener Männer gezüchtet. Doch Kollegen melden Zweifel an, offenbar handelt es sich um schlichtes Bindegewebe. Zwischen den Forschern ist nun ein heftiger Streit entbrannt.

Die Naturwissenschaften nehmen es mit ihren Erkenntnissen eigentlich sehr genau. Einem Forscher, der eine bahnbrechende Entdeckung an die Öffentlichkeit bringt, ist nur dann die Anerkennung der wissenschaftlichen Gemeinde sicher, wenn ein Grundsatz erfüllt ist: Auch andere Forscher müssen in der Lage sein, dessen Ergebnisse zu reproduzieren - erst dann gelten sie wirklich als relevant und gesichert.

Was aber passiert, wenn anderen Forscherkollegen genau das nicht gelingt?

In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" liefern sich derzeit zwei Forscherteams aus Münster und Tübingen deswegen einen Schlagabtausch. Im Kern geht es dabei um Stammzellen, die Wissenschaftler um Thomas Skutella vom Zentrum für Regenerationsbiologie und Regenerative Medizin (ZRM) in Tübingen vor zwei Jahren aus Hodengewebe von erwachsenen Patienten gezüchtet haben wollen.

Jetzt stellt sich jedoch heraus, dass es sich bei diesen Stammzellen offenbar nur um schlichtes Bindegewebe handelt.

Vom vermeintlichen Durchbruch zum Schlagabtausch

Ihrer Studie zufolge, die Skutellas Team im Jahr 2008 ebenfalls in "Nature" veröffentlicht hatte, war es ihnen gelungen, aus diesem Gewebematerial Stammzellen zu züchten. Und zwar sogenannte pluripotente Stammzellen. Das sind Zellen, die auch als Alleskönner bezeichnet werden, weil sie sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln können - so wie embryonale Stammzellen auch (siehe Kasten links).

Schnell wurde ein Durchbruch gefeiert. Schließlich war man der Vision so nah wie nie zuvor, aus Zellen eines Erwachsenen - ohne genetische Trickserei, und ohne dafür Embryos im Blastozystenstadium töten zu müssen - eine unerschöpfliche Quelle für funktionierendes Ersatzgewebe schaffen zu können, mit der man eine Reihe von Krankheiten heilen könnte. Auch SPIEGEL ONLINE hatte seinerzeit darüber berichtet.

Doch ebenso schnell kam Skepsis in der wissenschaftlichen Gemeinde auf. Auch darüber hatte SPIEGEL ONLINE bereits berichtet: Renommierte Stammzell-Experten, darunter vor allem Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin, waren nicht in der Lage, Skutellas Arbeiten mit dem gleichen Ergebnis zu wiederholen. Außerdem weigerte sich Skutella nach mehrmaliger Aufforderung seitens anderer Wissenschaftler, Proben seiner gezüchteten Stammzellen an andere Forscher abzugeben, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist.

Nach einem monatelangen Hin und Her publizierte Skutella schließlich ein "Corrigendum" in "Nature", in dem er im Nachhinein erklärte, dass er über keine Einverständniserklärung der Patienten verfüge und er deshalb die Zellen nicht an Dritte habe weitergeben können.

Hans Schöler und einigen weiteren Stammzell-Experten aber reichten diese Erklärungen nicht. Sie forschten nach. Wie jetzt in der "Nature"-Rubrik "Brief Communications Arising" nachzulesen ist, konnte Schöler dabei nachweisen, dass es sich bei Skutellas Zellen offenbar nur um schlichtes Bindegewebe, sogenannte Fibroblasten handelt.

Überraschung in den Datensätzen

Dazu analysierten Schöler und seine Kollegen, darunter auch Martin Zenke von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen (RWTH), die Originalergebnisse von Skutellas Gruppe. Dabei handelt es sich um jene Datensätze, die Skutellas Team aus den Stammzellproben gewinnen konnte. Solche komplexen Datenreihen müssen von jedem Forscher in eine öffentlich zugängliche Datenbank gestellt werden.

In den Daten stießen die Forscher auf mehrere Überraschungen: Zum einen ist das sogenannte Genexpressionsmuster von Skutellas Zellen mit demjenigen von normalen Bindegewebszellen identisch. In seiner Antwort, die ebenfalls jetzt in "Nature" erschienen ist, argumentiert Skutella dagegen, der Vergleich der Datensätze sei gar nicht zulässig: Skutellas Zellen seien zu einem anderen Zeitpunkt gezüchtet worden als diejenigen Zellen, deren Daten Schöler zum Vergleich heranzieht. Doch Datensätze von getrennten Experimenten würden systematische Effekte hervorbringen, so dass ein Vergleich beider Datensätze sinnlos sei.

"Das ist Unsinn", sagt Schöler. "Wie können 40.000 Gene zufällig so abgelesen werden, dass sie identisch wie Fibrobalsten aussehen?" Bei der Genexpressionsanalyse wird gleichzeitig die Aktivität von rund 40.000 Genen bestimmt. Egal ob Haut-, Leber- oder embryonale Stammzelle - jede Art zeigt darin ein unverwechselbares Profil. Skutellas Zellen aber, ähneln in ihrem Profil eben nicht pluripotenten embryonalen Stammzellen - sondern schlicht Fibroblasten.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE wehrt sich Skutella gegen die Vorwürfe Schölers. Solche Genexpressionsvergleiche könne man durchaus so hindrehen. Nur den direkten Vergleich lasse er gelten.

Als zweites Argument führen Schöler und seine Kollegen jedoch an, dass Skutellas Zellen gar keine Teratome bilden würden. Die Ausbildung dieser Art von Geschwülsten ist ein weiterer Nachweis für die Pluripotenz von Stammzellen. Dazu spritzt man die Zellen unter die Haut lebender Mäuse. Sind sie pluripotent, bilden sich Teratome, die verschiedene Typen von Körperzellen enthalten. Es ist ein wenig so, als würde ein kleiner Embryo unter der Haut der Maus heranwachsen. Wichtig ist, dass darin Zelltypen aller drei Keimblätter, den grundlegenden Zellschichten in einem Embryo, enthalten sind.

In der 2008 erschienenen Publikation hatte Skutellas Gruppe Bilder der vermeintlichen Teratome veröffentlicht. Doch Schöler bezweifelt, dass es sich dabei um echte Teratome handelt. Um sicher zu gehen, zog Schöler die Histopathologin Rebekka Schneider von der RWTH zu Rate. Auch sie ist davon überzeugt: Skutellas gezüchtete Zellen bilden keine Teratome aus - und können somit keine pluripotenten Stammzellen sein.

Ein Versehen?

Was für Zellen haben Skutella und seine Kollegen dann aus dem Hodengewebe gezüchtet? "Naheliegender ist, dass Skutellas Team statt Stammzellen versehentlich Fibroblasten gezüchtet hat", sagt Schöler. Tatsächlich weiß man seit mehr als 35 Jahren, dass sich solche Zellen leicht aus menschlichem Hodengewebe gewinnen und vermehren lassen. Bei der Suche nach einer Erklärung, züchtete Schöler genau solche Fibroblasten aus Hodenzellen und verglich deren Eigenschaften mit denen der Tübinger Zellen. Das Ergebnis: In allen Tests glichen sich beide Zellarten wie ein Ei dem anderen.

Skutella erwidert, Schöler habe dafür nicht das Protokoll aus Tübingen verwendet, weshalb die Forscher aus Münster auch nicht die in Tübingen gewonnenen Zellen erhalten haben könnten. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagt Schöler, er habe nur darstellen wollen, dass man kein ausgeklügeltes Protokoll benötige, um Fibroblasten aus Hodengewebe zu züchten. Seiner Gruppe sei es bisher jedenfalls nicht gelungen, Stammzellen aus erwachsenem Hodengewebe zu kultivieren.

Derweil wartet die wissenschaftliche Gemeinde darauf, dass Skutellas Team erneut pluripotente Stammzellen aus menschlichem Hodengewebe züchtet. Skutella aber erklärt SPIEGEL ONLINE, dass es damit noch eine Zeit dauern könnte. "Hodengewebe aus gesunden Spendern zu bekommen ist in Deutschland fast unmöglich", sagt Skutella. Zum Heranzüchten pluripotenter Stammzellen reiche eine Biopsie nicht, vielmehr müsse man das gesamte Hodengewebe entnehmen. Deshalb sei man auf Spender angewiesen, die vor ihrem Tod ihre Keimzellen der Wissenschaft zur Verfügung stellen.

Skutella räumt ein, dass er sich und seiner Arbeitsgruppe mit seiner Vorgehensweise geschadet hat. Ihm sei deshalb sehr daran gelegen, möglichst bald die neuen Stammzellen heranzuzüchten und erneut zu publizieren - und der Stammzell-Gemeinde zu beweisen, dass seine Erkenntnisse als relevant und gesichert gelten.

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insgesamt 11 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
27.06.2010 von dr_tone: Bindegewebe ist nicht schlicht.

Ein paar Richtigstellungen. Erstens. Spektakulärer Durchbruch? Die Zellbiologie ist nach wie vor extrem beschreibend. Es gab lange keinen Durchbruch mehr, keinen jedenfalls, der das Verständnis betrifft. Skutellas [...] mehr...

25.06.2010 von Dumme Fragen: Ja, "üblicherweise"...

aber an deutschen Krankenhäusern wird es auch schon mal vergessen, den Patienten darauf hinzuweisen... Zum Glück darf man ja wenigstens unterschreiben, dass man umfassend über die Risiken aufgeklärt wurde... mehr...

25.06.2010 von andrej s.: ..

Das hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Abhängig vom Alter, sonstigen Gesundheitszustand sowie genetischen Effekten kann man generell nur schwer eine Aussage treffen ob sich das Spermien-nicht-bilden revidieren lässt, sich von [...] mehr...

25.06.2010 von HB8: Zweifel sind immer gut...

...allerdings auch, was die aktuelle Arbeit der Überprüfung von den Tübinger Ergebnissen angeht. Skutella hat recht, wenn er argumentiert, dass der vorgenommene Vergleich der Genexpressionsprofile nicht zulässig ist (oder [...] mehr...

25.06.2010 von Dynamike: Hallo Dumme Fragen

, üblicherweise lässt man sich vor der Chemotherapie Spermien entnehmen und lagert diese dann, so das in Zukunft noch eine künstliche Befruchtung vorgenomen werden kann. mehr...

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Stammzellen - die Multitalente

Embryonale Stammzellen (ES)

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DPA
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.

Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)

Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)

Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)

Adulte Stammzellen

Ethik und Recht


Chronik der Stammzellforschung

1998 - Embryonale Stammzellen

Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.

2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)

2007 - Menschliche iPS-Zellen

Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen

März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt

März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut

April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen

Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen

Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln

Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen

Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen

Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen





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