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17.06.2010
 

Fußball-Netzwerkforschung

So spielen Champions

Sind Südeuropäer tatsächlich Ballzauberer? Netzwerkforscher haben die Leistung von Teams mit Rechenmodellen hinterfragt - und zwei erstaunliche Dinge herausgefunden. Fußballexperten liegen oft richtig. Und Spaniens EM-Sieg war einfach logisch.


Teamwork ist für viele menschliche Aktivitäten fundamental. Derzeit erlebt es die ganze Welt: bei der Fußball-WM.

Doch kann man gute Teamplayer und Mannschaften auch rein wissenschaftlich bewerten? Forscher um Luís Nunes Amaral von der Northwestern University in Evanston, Illinois, haben sich an eine Antwort auf diese Frage gemacht. Und jetzt mit mathematischen Modellen demonstriert, dass es funktioniert. Im Fachmagazin "PloS One" schreiben sie, sie könnten nicht nur die Leistung ganzer Mannschaften ermitteln - sondern auch feststellen, welcher Fußballspieler Starqualitäten hat und welcher nicht.

Die Milliarden Fußballexperten auf dem Sofa glauben zwar, die Leistung der Spieler relativ gut beurteilen zu können. Objektivität erreichen sie dabei aber nicht, zumindest nicht zu 100 Prozent. Die Forscher wollen jetzt jegliche Emotionalität bei der Spielanalyse ausschalten. Dafür haben sie ein Auswertungssystem entwickelt, das eine möglichst neutrale Bewertung von Mannschaften und einzelnen Spielern ermöglichen soll.

Die Methode der Forscher beruht auf Daten der Europameisterschaft 2008. Das Grundprinzip: Die Spieler werden als Knotenpunkte innerhalb eines Netzwerks betrachtet. Die Gesamtleistung der Mannschaft ist umso besser, je mehr Verknüpfungen sie zwischen diesen Knotenpunkten herstellt, je mehr Spieler also in die Spielzüge einbezogen werden und den Ball weitergeben. Einzelne Spieler werden hingegen daran gemessen, wie häufig sie während eines Spielzugs oder eines Sturms aufs Tor Ballkontakt haben.

Genauso gut wie die Realität

Mit dieser mathematischen Methode rekonstruierten die Forscher die Leistung der Mannschaften und Spieler bei der Fußball-EM 2008. Dabei kamen sie zu einer Einschätzung, die - wer hätte es gedacht ? - ziemlich genau dem Resultat der Europameisterschaft entsprach.

Der Rechner spuckte aus: Spanien hat während der gesamten EM 2008 die beste Figur gemacht. Es sei aus mathematischer Sicht nicht weiter überraschend, dass die Mannschaft den EM-Titel geholt habe.

Bei der Suche nach den besten Einzelspielern der EM kamen die Forscher auf eine 20-köpfige Liste. Auf Platz eins: Xavi Hernández - er wurde auch zum MVP ("Most Valuable Player") der EM gekürt.

Im Endeffekt habe die Rangliste, die das System errechnete, ziemlich genau mit jener übereingestimmt, die von verschiedenen Experten nach der Europameisterschaft erstellt worden war, berichtet Amaral.

Das heißt: Die Einschätzung durch eine Gruppe von Trainern, Sportreportern und anderen Spezialisten war auch ziemlich objektiv. Außerdem sei umgekehrt durch die Übereinstimmungen bewiesen, dass das Programm ziemlich gut funktioniere, sagt Amaral. Er und seine Kollegen sind sich sicher, ihre Methode auch auf andere Gebiete anwenden zu können. Zum Beispiel könnte so die Teamleistung einzelner Unternehmensmitarbeiter evaluiert werden.

Nur eines wurde nicht erfasst - wenn der Zufall die Schlechten belohnt

Vor kurzem hatten Netzwerkforscher nach einem ähnlichen Prinzip schon gesellschaftliche Beziehungen untersucht und als Ergebnis festgestellt: Wer viele soziale Kontakte hat, ist reicher. Im Kern wurde nun versucht, das Gleiche mit Fußball und Team- oder Starqualitäten zu untersuchen.

Das wesentliche Problem ist dabei im Übrigen, dass mathematische Modelle zwar vollkommen objektiv sind, gerade beim Fußball aber sehr schwierig zu entwickeln. Unter anderem, weil es für die meisten Spieler am Ende eines Spiels nur wenige statistisch verwertbare Daten gibt. Die Forscher um Amaral nutzten für ihr Modell deshalb einen neuen Ansatz: Sie verwendeten ein theoretisch-mathematisches Prinzip, mit dem auch die Struktur sozialer Netzwerke analysiert wird (zum Beispiel um die Ausbreitung von Infektionskrankheiten vorherzusagen). Mit diesem System erfassten sie die Leistung aller Spieler der EM. Dazu erstellten sie ein Netzwerk, dessen einzelne Knotenpunkte aus den Spielern bestanden. Das Torgehäuse wurde als Fixpunkt des gesamten Spiels ebenfalls in die Messungen einbezogen, ebenso wie der Torschuss als Ziel eines jeden Spielzugs. Die Pässe und Flanken, die sich die Fußballer zuspielten, bildeten die Verbindungen zu den einzelnen Elementen des Netzwerks. Auf diese Weise konnten die Forscher sowohl den Ballfluss als auch die Rolle der einzelnen Spieler bei Spielzügen berechnen.

Nur eines haben die Forscher in ihrem Modell nicht bedacht - dass am Ende nur ein Sieg zählt. Und den erzielt nicht immer die bessere Mannschaft.

cib/ddp

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insgesamt 26 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
18.06.2010 von serafino:

Simple Erklärung: Die EM war 2008. Die statistischen Daten standen kurz danach zur Verfügung. Auf denen wurde das Modell gebaut. Die Studie wurde im Dezember eingereicht. Also knapp über ein Jahr dafür gebraucht. Das ist schon [...] mehr...

18.06.2010 von SalvadorDali: .

Stimmt nicht ganz: England und dann USA geht nicht. Entweder England oder USA (oder ein anderer aus Gruppe C) im Achtelfinale, und dann im Viertelfinale einer aus den Gruppen A und B. Aber dort ist Argentinien wohl die mit [...] mehr...

18.06.2010 von SalvadorDali: .

Mit Italien wirds leider (oder Gott sei dank) nix vor dem Halbfinale ... und davor steht erstmal noch aller Wahrscheinlichkeit nach Argentinien an! Es sei denn, Deutschland wird Gruppenzweiter, was eventuell gar nicht so dumm [...] mehr...

18.06.2010 von titeroy: .

Ich hatte Mathe im Physikstudium und diese sog. Modellierung ist einfach nur Unfug, aber im Leben kein Modell. mehr...

18.06.2010 von a1001:

Ich zitiere mal aus dem Artikel: "In der psychologischen Fachliteratur spielt sie bislang kaum eine Rolle, wohl aber in Publikationen außerhalb der Psychologie, sowie in Blogs und Diskussionsforen des Internets." [...] mehr...

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