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14.08.2010
 

Vulkanforschung

Im Dauerfeuer des Stromboli

Frühwarnsysteme: Heißer Job am Stromboli
Fotos
Klemen Zaksek

Alle zwanzig Minuten spuckt der Stromboli-Vulkan vor Sizilien Lava und Asche. Dort testen Wissenschaftler aus aller Welt neue Frühwarnsysteme - und streiten über die Lehren aus dem Eyjafjallajökull-Chaos. "Zeit Wissen"-Autor Max Rauner hat die Forscher im Dauerfeuer begleitet.

Es ist, als wäre alle zwanzig Minuten Silvester, hatte Matthias Hort gesagt. Das war vor ein paar Wochen, sechs Studenten saßen in seinem Büro an der Universität Hamburg, und Hort klärte sie über die Risiken der Expedition auf. Manchmal, sagte er, fielen Bomben vom Himmel, so nennen Vulkanforscher faustgroße glühende Steine, und vor ein paar Jahren sei sogar eine ganze Bergflanke ins Meer gerutscht. Man werde nicht leichtsinnig sein, versprach er schließlich, er habe eine Frau und zwei Kinder, die wolle er wiedersehen. Seine Studenten nickten.

Jetzt sind sie hier, in Süditalien, auf dem Stromboli, einem der aktivsten Vulkane der Welt. Über ihnen die Mittagssonne, im Rucksack die Messgeräte, am Horizont Sizilien. Unter den Füßen 3000 Meter Vulkan, davon etwa 1000 über dem Meeresspiegel, und vor ihnen, in hoffentlich sicherer Entfernung, der Schlot. Vier Tage lang haben sie Instrumente, Kabel und Batterien hier hochgeschleppt, zwei Stunden dauert ein Aufstieg. Heute wollen sie alles aufbauen und dem Vulkan mit einem umgebauten Radargerät direkt in den Rachen spähen.

Der Berg spuckt plötzlich eine schwarze Wolke und Lavafetzen aus. Blinzelnd stehen die Geophysiker vom Klimacampus Hamburg im Rauch, das Schwefeldioxid beißt in den Augen, Asche rieselt auf ihre Helme. "Teufelsküche", sagt Hort, "jeder Vulkan hat seine Macken, aber auch ein paar allgemeine Charaktereigenschaften."

Um diese herauszufinden, hat er das Radargerät mit seinen Studenten auch schon auf den Mount Erebus in der Antarktis getragen, auf den Yasur in Vanuatu (Südpazifik), den Colima in Mexiko und den indonesischen Merapi. Wer Vulkane versteht, kann ihre Ausbrüche vorhersagen - und möglicherweise ein Chaos verhindern, wie es in Europa nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull entstand. Damals wurden Tausende Flüge wegen der Aschewolke abgesagt.

Der Stromboli ist eine Pilgerstätte für Vulkanforscher

Der Stromboli dient den Forschern als Übungsgelände, um ihre Instrumente als Frühwarnsysteme zu mit Seismometern abgehorcht, inzwischen kommen die verschiedensten Geräte zum Einsatz, vom Radar bis zum Gas-Sensor. "Der Ausbruch eines Vulkans lässt sich heute in 80 Prozent der Fälle vorhersagen", schätzt Hort. Mehr sei knifflig. Versiegt der Vulkan, oder waren die ersten Eruptionen nur ein Vorspiel zum großen Ausbruch? "Da stehen wir noch am Anfang." Mehr Daten müssen her.

Der Stromboli - seit der Antike als Leuchtturm des Mittelmeers bekannt - ist eine Pilgerstätte für Vulkanforscher. Eine ganze Klasse von Ausbrüchen ist nach ihm benannt, auch der Eyjafjallajökull zeigte "strombolianische Aktivität": Dabei bildet sich in regelmäßigen Zeitabständen eine Gasblase in der unterirdischen Magmakammer und steigt durch den Schlot nach oben. Wenn die Blase die Oberfläche erreicht, platzt sie und katapultiert Asche und Lava in die Luft. Weil der Stromboli so regelmäßig Dampf ablässt, ist die Wucht der Eruptionen einigermaßen vorhersehbar und das Risiko, ihn zu erforschen, eher gering.

Der Berg ist bei den Forschern auch deshalb so beliebt, weil sie hier morgens einen Espresso trinken, mittags Eruptionen beobachten und abends in der Pizzeria fachsimpeln können. Und so traf sich Matthias Hort vor neun Jahren hier mit drei Kollegen, Jon Dehn aus Alaska, Andrew Harris aus Hawaii und Maurizio Ripepe aus Florenz. Bei Rotwein heckten sie unten im Dorf den Plan aus, ihre Instrumente gleichzeitig auf den Vulkan zu richten. Seitdem finden auf Stromboli regelmäßig Gipfeltreffen statt. Ihre Messdaten fügen sie wie ein Puzzle zusammen, um das Gesamtsystem besser zu verstehen.

Ein internationales Team von Forschern will dem Vulkan seine Geheimnisse entlocken

Die internationale Kooperation ist beispielhaft - und doch hat jeder der Männer den Ehrgeiz, mit seinen Messgeräten den entscheidenden Beitrag zu liefern. Jon Dehn vom Vulkanobservatorium Alaska bringt heute in Sichtweite der Hamburger Geophysiker eine Infrarotkamera in Stellung. Er will die Wärmestrahlung der glühenden Steine messen, um aus den Werten die Stärke der Eruptionen zu berechnen. Nur 17 Stunden brauche er von seinem Haus in Fairbanks bis zur Ferienwohnung auf Stromboli, schwärmt er. "So schnell komme ich auf keinen Alaska-Vulkan."

Neben ihm hockt Andrew Harris, ein stiller Brite von der Universität Hawaii, und skizziert die Kratergeometrie in sein Notizbuch. "Schön", flüstert er, als wieder eine Aschewolke emporsteigt, "sieht aus wie im Lehrbuch." Nachher will er sich etwas näher an den Schlot wagen und eine Plane ausbreiten, um Asche und Steine aufzufangen.

Auch Maurizio Ripepe von der Universität Florenz ist wieder mit dabei, braun gebrannt und schwarz gelockt, ein Experte für Infraschallmessungen, der so häufig hier ist, dass man unten im Ort schon eine Pizza nach ihm benannt hat.

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insgesamt 5 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
18.08.2010 von ra-live: Hort schmückt sich mit fremden Federn

Die Idee Doppler-Radarmessungen am Stromboli durchzuführen stammt meines Wissens nicht von M. Hort selbst, sondern von R. Seyfried, einem Doktorand von HUS Schmincke. Er hat das Thema nur später aufgegriffen. mehr...

18.08.2010 von ra-live: alter Hut

Mit dem Radargerät waren wir schon vor über 10 Jahren am Stromboli. Hat der Spiegel auch damals schon drüber berichtet. Dem Hort fällt einfach nichts Neues mehr ein. Das ist doch n alter Hut. mehr...

16.08.2010 von taiga: ----

Ganz meinerseits, war schon als Student dort, dann später öfter mal. Oben am Krater übernachtet, Asche rieselt auf den Schlafsack, die Eruptionen rumpeln während des leichten Schlafs. 1997 gab’s eine heftigste Gasexplosion, das [...] mehr...

14.08.2010 von glücklicher südtiroler: Temperamentvoller Vulkan... ;)

Danke für den schönen Artikel... :) Was den Ausbruch von 2002 mit dem Sturz von Felsen und Gestein ins Meer mit anschliesendem kleinen Tsunami angeht, ist dieser Artikel interessant; beachten Sie die Luftbildaufnahme und den [...] mehr...

14.08.2010 von lpino: Klimasünder

Nach folgender Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,472828,00.html geht ein Vielfaches an CO2 Ausstoß auf vulkanische Aktivität zurück, verglichen mit der durch Menschen verursachten Menge. Wenn man [...] mehr...

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