Von Peter Sandmeyer
Wer aus Europa kommt, erreicht die Insel tief in der Nacht. Air New Zealand, von Los Angeles nach Auckland, Zwischenlandung in Apia um 4 Uhr morgens, Ende eines 25-Stunden-Fluges. Zeitunterschied zum Startort Hamburg: zwölf Stunden. Wie aus der Realität geschüttelt, passiert man mit kleinen Augen die kurze, freundliche Passkontrolle des Malo Sa'oloto Tuto'atasi o Sa moa - des unabhängigen Staates von Samoa.
Das Taxi in die 30 Kilometer entfernte Hauptstadt fährt langsam. Die Fenster sind offen, warme Außenluft wird hereingefächelt, schwer von süßlichen Düften und unvertrauten Aromen. Dazwischen stoßweise der salzige Atem des nahen Meeres. Die Tropennacht ist mondlos und teerschwarz, die Kegel der Autoscheinwerfer schneiden Details aus der Finsternis. Slow-Motion-Bilder, die einen Moment aufblitzen und dann wieder in der Nacht versinken.
Eine Palme. Weiß bemalte Steine, mit denen die Straße eingefasst ist. Üppiges Dschungel-Grün. Eine helle Kirche. Herabgefallene Kokosnüsse. Wieder eine Kirche. Eine Fale, eines der luftigen, allseitig offenen Wohnhäuser. Keine weggeworfenen Dosen. Kein wehendes Altpapier. Kein Schmutz. Der Fahrer telefoniert leise. Es klingt, als ob er singt. Jedes Wort im Samoanischen endet auf einen Vokal, und es erscheint absolut unmöglich, in dieser Sprache Beschimpfungen oder Aggressionen zu formulieren. Bilder und Töne fügen sich zu einem Film. Er sagt: Gute Menschen. Heile Welt.
Sehnsucht nach dem Paradies
Wo sind wir gelandet? Auf einer Südseeinsel oder im Paradies? Samoa: neun Krümel Land inmitten gigantischen Wassers, 362 Dörfer, 180.000 Einwohner, so viele wie in Hamm oder Herne. Durchschnittstemperatur 27 Grad, keine Kälte, keine Hitze, viel Sonne, ausreichend Regen. Fruchtbare Plantagen und weiße Strände, Dschungel und Wasserfälle. Keine giftigen Tiere. Keine Tropenkrankheiten. Ein winziger Flecken im weiten Pazifik, an dem der Sündenfall vorübergegangen und der Garten Eden erhalten geblieben zu sein scheint. Samoa, ein klassisches Sehnsuchtsziel, wie es schon Goethe erträumt hatte, wo sich "das menschliche Dasein, ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein genießen lässt".
Noch nie wollte sich die Menschheit mit dem Gedanken abfinden, das Paradies sei unwiederbringlich verloren. Immer gab es welche, die auf der Überzeugung beharrten, es sei als irdisches Paradies irgendwo auf der Erde zu finden, eine "wartende Vorhandenheit", wie Ernst Bloch formulierte. Und immer wieder tauchte auch der Gedanke auf, dieses Paradies sei dort zu entdecken, wo Menschen die Gelegenheit hätten, unverdorben aufzuwachsen und sich ohne die Verkrümmungen und Verklemmungen zu entwickeln, die ihnen Erwachsenenvorbild und Erziehung in den westlichen Gesellschaften zufügten. Denn von Natur aus sei der Mensch durchaus edel, hilfreich und gut. Nur die Deformationen, die er in seinen Kinder- und Jugendjahren von Eltern und Erziehern erleide, verursachten Aggressivität, Rivalität, Eifersucht und Konkurrenzdenken, kurz: all das, was ein mögliches Paradies dann zur Hölle werden ließe.
Demnach wäre der Mensch ein reines Produkt von Kultur und Gesellschaft und kein grimmiger Überlebender eines Existenzkampfes, nicht von den Fegefeuern der Evolution gehärtet, ihren Auslese- und Überlebenskämpfen geprägt; nicht genetisch vollgepumpt mit Egoismus und Adrenalin und von dem glühenden Wunsch besessen, das geilste Weibchen, den potentesten Kerl zu erobern, um mit diesem Partner eigene potente Nachkommen in die Welt zu setzen, und dafür alle Konkurrenten wegzubeißen. Was also ist es, das den Menschen prägt - nature oder nurture, Natur oder Aufzucht?
Was ist entscheidend: Natur oder Aufzucht?
Zwei wissenschaftliche Auffassungen standen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegenüber, die sich wechselseitig nur mit dröhnendem Gelächter wahrnahmen. Zur ersten Gruppe gehörte eine junge Amerikanerin, dunkelhaarig, sehr schlank und überaus eifrig. Sie war Studentin des aus Deutschland stammenden Anthropologen und Ethnologen Franz Boas an der New Yorker Columbia University, und sie war mit ihm eine strikte Anhängerin des Kulturdeterminismus.
Dem stand in der jungen Zunft der Anthropologen und Ethnologen das Lager der Eugeniker gegenüber. Die einen waren der Auffassung, dass das kulturelle und soziale Umfeld den Heranwachsenden präge, die Bedeutung der Erbanlagen dagegen zu vernachlässigen sei; die anderen sahen es genau umgekehrt: Biologische Faktoren bestimmen das Sozialverhalten des Menschen, soziale Einflüsse sind sekundär. Franz Boas war Wortführer der einen Fraktion, Charles B. Davenport der der anderen.
Es war ein reiner Streit der Meinungen. Keine Seite hatte Belege für ihre Hypothese. Also entschloss sich die junge Studentin, nach solchen Beweisen zu suchen. Sie hatte schon ihren Magister in Psychologie gemacht, jetzt wollte sie mit den Ergebnissen einer eigenen Feldforschung bei Franz Boas promovieren und dabei das Material sammeln, das die Welt von der Wahrheit seiner Lehre überzeugen würde. Sie war 24, ausgestattet mit einem Stipendium von 150 Dollar monatlich, einer halbstündigen Einweisung in die Feldarbeit durch ihren Doktorvater und brennendem Ehrgeiz. Sie hieß Margaret Mead. Am 25. August 1925 kam sie auf Samoa an, dem Ziel ihrer Feldforschung. Sie hatte den östlichen Teil des kleinen Archipels ausgewählt, den, der bis heute amerikanisch ist - in seiner Geschichte, Kultur und Bevölkerung aber keine Unterschiede zu West-Samoa aufweist.
Kirchenglocken wecken nach kurzem Schlaf. Es ist Sonntag und die Bevölkerung der Insel tritt zum Kirchgang an. Jung und Alt, Männer, Frauen, Teens und Twens und Kinder kommen nahezu synchron aus den Fale, den rundum offenen, bis in fast jeden Winkel von außen einsehbaren Wohnhäusern, in denen man keine Geheimnisse vor anderen haben kann; die Frauen in langen weißen Kleidern, die Männer in Lava-Lava, dem klassischen Wickelrock, zu dem sonntags Jackett und Krawatte getragen wird, alle mit dem Gesangsbuch in der Hand. Ihre Spenden werden vor dem Kircheneingang öffentlich abgeliefert und protokolliert. Später verliest der Prediger von der Kanzel, wer wie viel gespendet hat und spart nicht an Kritik, wenn es ihm zu wenig war. "Gottes Segen ist nicht umsonst", sagt er mahnend. Die Rigorosität der sozialen Kontrolle ist beeindruckend.
Margaret Mead setzte auf die kleine, im Osten des Archipels gelegene Insel Ta'u über, bezog dort Quartier bei einem amerikanischen Marine-Apotheker, beschaffte sich eine Dolmetscherin und begann ihre Arbeit. Mit 50 Mädchen und heranwachsenden Frauen im Alter zwischen zehn und 20 Jahren sprach sie über Pubertätsprobleme, Sexualität und das Verhältnis der Geschlechter. Die Feldforscherin erwartete, in dieser spannungs- und konfliktreichen Lebensphase, in der jeder Mensch einen biologischen Wandel seiner Identität erlebt und ihn mit den Normen seiner Umwelt abstimmen muss, das ideale Material für den Wahrheitsbeweis ihrer Hypothese zu finden. Andere Menschen als das halbe Hundert junger Frauen bezog sie in ihre Untersuchung nicht ein. Sie sprach weder mit älteren Frauen noch mit Männern, sie hatte keinen Zugang zu den Matai, den Häuptlingen der Inseln, und sie suchte ihn auch nicht.
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Nun ja ... Ob das wirklich ein preiswürdiger Beitrag ist? Ich lebe seit fast 14 Jahren in Samoa und kann nur feststellen, dass es weder Magret Mead noch Derek Freeman gelungen ist, die Realität dieser Gesellschaft auch nur [...] mehr...
Nun ja ... Ob das wirklich ein preiswürdiger Beitrag ist? Ich lebe seit fast 14 Jahren in Samoa und kann nur feststellen, dass es weder Magret Mead noch Derek Freeman gelungen ist, die Realität dieser Gesellschaft auch nur [...] mehr...
Sowas gibts nur in der Mathematik und in der Theorie von Vater Einstein. Er behauptete, das der Alte(GOTT) nicht würfelte, sondern das Weltall mit Determinismus ausgestattet hat...?? Auch zeigenStudien, dass der Mensch ein [...] mehr...
Werte/r meerkatzeM Wie kommen Sie darauf, dass die Gesellschaftsform in Samoa genetisch determiniert ist? Das hieße doch, man nimmt ein Baby aus Samoa und bringt es in eine andere Umwelt, und es entwickelt trotzdem ein [...] mehr...
Zitat aus dem Artikel: »Alles in allem seien die Samoaner "eines der liebenswertesten, friedfertigsten und am wenigsten streitsüchtigen Völker der Welt".« Diese Illusionen gibt es doch heute auch noch, siehe [...] mehr...
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