ThemaKunstfälschungenRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
06.09.2010
 

Kunstfälschern auf der Spur

Der blaue Himmel, so falsch

Von Gerald Traufetter

Gefälschte Kunstwerke: Pigmente und Schichten als verräterische Spuren
Fotos
The National Gallery, London

Sie verstehen etwas von Chemie und machen sich mit Röntgenstrahlen und Mikroskopen an die Arbeit: Kunstdetektive fahnden in der Londoner National Gallery nach gefälschten Gemälden. Eine Schau zeigt, wie sie mit modernster Technik Kopien enttarnen - oder Meisterwerke neu entdecken.

Wenn sich Ashok Roy die Gemälde berühmter Maler anschaut, dann reichen ihm schon ein paar Millimeter. Dürer, Rembrandt, Raffael, bei ihm landen die Meisterwerke unter dem Mikroskop.

An diesem Sommermorgen, die Pforten der National Gallery in London sind noch verschlossen, ist ein Tizian an der Reihe: Bacchus und Ariadne. Mit einem Skalpell hat er einen hauchdünnen Schnitt durch die Farbschicht des Renaissance-Klassikers geritzt. "Genau dort", sagt der 60-jährige, "wo die Ölfarbe durch den Alterungsprozess aufgeplatzt ist."

In einem kleinen Kästchen aus Plastik steckt die Probe, entnommen von Ariadnes wehendem Schal. Eine Schicht roter Pigmente wechselt sich mit blauen Pigmenten ab. "Das ist Ultramarin", sagt Roy und ist über den Anblick sichtlich zufrieden. Denn das Blau ist zugleich ein Beweis dafür, dass es sich um einen echten Tizian handelt.

Roy reckt sich hoch zu einem gläsernen Wandschrank und greift nach einem blauschimmernden Stein. "Aus so einem Stein stammen die Pigmente", erklärt er. Es stamme aus dem heutigen Afghanistan und gelangte über die Seidenstraße einst nach Italien. "Ein kostbares Material, aber gleichzeitig das intensivste Blau, was es zu dieser Zeit gab." Roy hat die Pigmente vom Bild mit der speziellen Charakteristik des afghanischen Ultramarins verglichen. Die Übereinstimmung ist eindeutig. "Wäre das Bild in den letzten zwei Jahrhunderten kopiert worden, hätte der Fälscher ein synthetisches Blau verwendet", erklärt Roy, dessen Interesse an der Malerei nicht gegenständlicher sein könnte.

Meisterwerke erkennt man mitunter nur unter dem Rastertunnelmikroskop

Der hagere Mann ist Leiter der Wissenschaftsabteilung an der National Gallery. Für Kunsthistoriker mag der Tizian Sinnbild sein für den Kampf zwischen Verführung und Scham, von Ausschweifung und Tugend.

Unter seinem Hightech-Instrumentarium präsentieren sich Roy nicht minder spannende Geschichten, manche sind sogar echte Kriminalgeschichten. Schon häufig in seiner 30-jährigen Karriere hat er Fälschungen aufgespürt, Manipulationen entdeckt oder auch das Gegenteil davon. Ein Bild, das alle für eine billige Kopie hielten, entpuppte sich unter seinem Rastertunnelmikroskop als echtes Meisterwerk.

Nun hat das Museum, das eine der umfassendsten und bedeutendsten Sammlungen der Welt beherbergt, der stillen Arbeit von Roy und seiner Abteilung eine eigene Ausstellung gewidmet: "Kunst unter der Lupe - Fälschungen, Fehler & Fundstücke". "So eine Schau hat es noch nie in dieser Form gegeben", sagt der Forscher und läßt dabei für einen Moment seine Bescheidenheit beiseite: "Als wir die Ausstellung präsentiert haben, sagte ein französischer Kunstkritiker, dass so etwas in seinem Land undenkbar wäre."

Denn gewöhnlich verschwinden Gemälde, die sich als Plagiat herausgestellt haben, schamhaft in den Asservatenkammern der Museen. "Man muss zu seinen Fehlern stehen", findet Roy hingegen, und die langen Schlangen am Eingang geben ihm recht, dass man mit seinen eigenen Schwächen sogar echte Erfolge feiern kann.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 5 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.09.2010 von fxe1200: "Craquwlure"

...ist das jetzt die aktuelle Fälschung des SPON, oder ein Falsifikat des Autors??? mehr...

06.09.2010 von n.holgerson: ...

Da können sie sich auch fragen, warum gehen Menschen ins Museum? Jedes Bild gibt es doch auch als Druck zu kaufen. Kein Mensch muss nach Paris fahren ums ich die Mona Lisa anzuschauen. Sie kaufen sich einen Nachdruck und hängen [...] mehr...

06.09.2010 von artpate: Aktuelle Kunstfälschungsfälle

Der Artikel passt ja ganz gut zu den aktuellen Kunstfälscher Ereignissen in Deutschland. Sei es der groß angelegte Betrugsversuch mit Werken von Heinrich Campendonk oder mit Skulpturen von Giacometti. Besonders der Fall des Malers [...] mehr...

06.09.2010 von loncaros:

Die Menschen, die Bilder anfertigen sind Maler. der Mahler sitzt bei der NPD! mehr...

06.09.2010 von AlbertGeorg: Was ist ein Meisterwerk

Ich werde es im Leben nicht verstehen, warum - ein schlecht gemahltes Bild ein Meisterwerk ist, weil es von Dürer stammt - ein gut gemahltes Bild aber Schund ist, weil es von Kunze stammt Kunstwerke werden doch fürs Auge [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch
alles zum Thema Kunstfälschungen

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen

Wie falsch ist falsch?

Kopie (Meisterkopie): Eine Kopie eines bestehenden Werkes, ohne den (falschen) Hinweis, es sei das Original. Ein Bild darf erst (auch in Originalgröße, mit Originalunterschrift) 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers kopiert werden.

Fälschung (Identfälschung): Eine Kopie eines bestehenden Werkes, mit dem (falschen) Hinweis, es handele sich um das Original.

Falsifikat (Stilfälschung): Ein Werk, das im Stile eines Künstlers gemalt wurde, mit dem (falschen) Hinweis, es sei ein Original des Künstlers.

Plagiat: Ein fremdes Werk, von dem jemand (beispielsweise der Besitzer) behauptet, es sei sein eigenes Werk.

(Quelle: Fälschermuseum Wien)






TOP



TOP