Von Cinthia Briseño
Washington - Es war eine seiner ersten Amtshandlungen als neuer Präsident der vereinigten Staaten: Barack Obama wollte die Stammzellforschung in den USA auf einen neuen Kurs bringen - jetzt kassiert er eine herbe Niederlage: Ende August hatte ein US-Gericht per Eilentscheid und auf Antrag einer christlichen Organisation die staatliche Förderung für die Forschung mit bestimmten menschlichen embryonalen Stammzellen vorerst gestoppt. Dagegen hatte sich die US-Regierung zwar zur Wehr gesetzt. Doch der US-Bundesrichter Royce Lamberth lehnte am Dienstag in Washington einen entsprechenden Antrag des Weißen Hauses ab.
Einwände der Regierung seien unbegründet, erklärte Lamberth zur Begründung. Die Regierung hatte angeführt, dass durch die Gerichtsverfügung viele Forschungsprojekte im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar und über 1300 Arbeitsplätze gefährdet würden.
Ein weiteres Argument der Gegner der Stammzellforschung: Bei der Nutzung embryonaler Stammzellen würden Embryonen - nach Ansicht der Kläger also menschliches Leben - zerstört. Zudem nehme die Förderung dieser Forschung anderen Wissenschaftlern Gelder weg, die mit adulten Stammzellen arbeiteten (siehe Kasten links).
Stammzellforscher freilich sehen das anders: Wie das Wissenschaftsblatt "Nature" berichtet, gefährde die Entscheidung des Gerichts viele internationale Kooperationen. Roger Pederson etwa, ein britischer Stammzellforscher von der University of Cambridge, der mit der University of California in San Francisco zusammenarbeitet und ein Projekt geplant hatte, das von den US National Institutes of Health (NIH) hätte gefördert werden sollen, sieht schwarz: Nicht nur internationale Forschungskooperationen seien in Gefahr, sagt er gegenüber "Nature". Vielmehr hätten auch jene Wissenschaftler ein Problem, die mit Hilfe von US-Mitteln in die USA gegangen seien und deren Projekte durch den plötzlichen Förderungsstopp auf dem Spiel stünden - und möglicherweise eingefroren werden müssen.
Abschreckende Politik
Selbst wenn die US-Regierung den richterlichen Beschluss anfechtet: Die juristische Schlacht könnte sich noch Monate hinziehen - wertvolle Zeit, in denen die Stammzellforschung in den USA überschattet sei von Unsicherheit. "Die Tatsache, dass sich die US-Politik mehr oder weniger nach Ablauf einer Legislaturperiode alle vier Jahre komplett ändern kann, ist für die embryonalen Stammzellforscher besonders abschreckend und behindert den Fortschritt", sagte Pederson. Er wechselte 2001 von der University of California nach Cambridge nachdem George W. Bush zum Präsidenten gewählt wurde: Sein Förderungsantrag bei der NIH über ein Projekt mit embryonalen Stammzellen wurde zurückgestellt, und der gebürtige Amerikaner hatte keine andere Wahl, als sein eigenes Land zu verlassen.
Die Spitzenposition der USA in Sachen Stammzellforschung könnte also möglicherweise auf dem Spiel stehen. In Zukunft könnten hoch talentierte, gut ausgebildete Stammzellexperten aus dem Ausland ihre Karriere in anderen Ländern statt der USA fortsetzen, fürchtet auch Stewart Anderson vom Weill Cornell Medical Institute in New York. Nicht nur die Qualität des wissenschaftlichen Fortschritts könnte darunter leiden - "Der Fortschritt wird weitergehen - nur nicht in den USA", sagt Anderson.
Die Frustration seiner US-Kollegen kennt Hans Schöler, Stammzellforscher am vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin. Er glaubt, dass nun "noch mehr private und durch Bundesstaaten geförderte Forschung betrieben wird", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Vor allem die Top-Laboratorien würden Wege finden, um sich ihre Forschung weiter finanzieren zu lassen.
Beispiel: 2008 hatte das California Institute for Regenerative Medicine (CIRM) bekanntgegeben, 271 Millionen Dollar in die Förderung von zwölf Forschungseinrichtungen zu stecken. Die Gelder stammen aus einem Milliardentopf zur Förderung der Forschung an embryonalen Stammzellen, der 2004 von den kalifornischen Wählern befürwortet worden war. Inzwischen ist die Antragsliste beim CIRM noch weiter gewachsen.
Schwerwiegende Auswirkungen auf deutsche Projekte sieht Schöler dagegen nicht: In Deutschland habe sich die Lage in den letzten zwei bis drei Jahren beruhigt. Zum einen erlaube es das deutsche Stammzellgesetz, mit bis zum Stichtag (1. Mai 2007) etablierten Zelllinien zu forschen. Zudem stehe inzwischen die sogenannte iPS-Technologie (siehe Kasten links) weitaus mehr im Vordergrund. Dabei nutzen Forscher die Möglichkeit, gewöhnliche Körperzellen in Stammzellen umzuprogrammieren.
Deutschland sei in Bezug auf alternative Stammzelltechnologien in der Lage, weltweit eine Spitzenposition einzunehmen, sagt Schöler. "Durch den US-Gerichtsentscheid sind wir momentan sogar in einer noch etwas besseren Position."
Mit Material von AFP
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So langsma finde ich, dass in den USA ja gar nicht regiert werden kann.. Jegwelcher Vorstoss des Präsidenten, ANGEBLICH mächtigster Mann der Welt, wird von irgendeinem Gericht zunichte gemacht. Die Amis sollten sich besser [...] mehr...
Zum Glueck scheint die Mehrheit der Leser dieses Artikels noch nicht in den Wahn von (religioesen) Pseudoargumenten abgedriftet! Aber das koennte natuerlich auch daran liegen, dass die Menschen, die sich rational mit der Forschung [...] mehr...
Heute sind Forscher gezwungen Ratten Ohren auf dem Rücken wachsen zu lassen um überhaupt Fortschritte zu machen bei der Erforschung des Zellwachstums und der Differenzierungsmechanismen die steuern ob aus Embryonalzellen Haut- [...] mehr...
Liebe Autorin... Im 5. Absatz muß es statt „anfechtet“ „anficht“ heißen. Logischerweise lautet das Imperfekt „focht“ und nicht „fechtete“. mehr...
`schade, daß in Deutschland die Diskussion um embryonale Stammzellen genau wie um Gentechnik an sich wenig sachlich und meist aus christlich-religiösem Blickwinkel diskutiert wird. Da jede Religion auch gleichzeitig immer ein [...] mehr...
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