Von Frank Patalong

Steven Spielberg ließ beim "Design" des Raptors Phantasie walten - und nahm Forschungsergebnisse vorweg
Steven Spielberg hatte ein Problem. Die Zeiten, in denen Kinozuschauer starr vor Schrecken in ihren Sitzen zurückgelehnt den donnernden Schritten eines sich in Godzilla-Manier bewegenden Tyrannosaurus Rex folgten, waren vorbei. Das Potenzial für den stimulierenden Nervenkitzel sah Spielberg in einer anderen Bestie: Vergleichsweise klein sollte sie sein, hoch intelligent und atemberaubend schnell. Ein Teamjäger, der dem Opfer keine Chance lässt. Der "Raptor" wurde zum Star des Dino-Klassikers "Jurrasic Park", der 1993 die letzte große Dino-Mania auslöste.
Der Horror der "schrecklichen Echse" war neu definiert worden. Während man der Attacke des T-Rex im Zweifelsfall schon entkommen konnte, indem man reglos verharrte, verkörperte der "Raptor" das absolute, heimtückische Böse. T-Rex war groß und mächtig dämlich, der Raptor flink und tödlich schnell.
Ein "Velociraptor" sollte dieser Rudeljäger sein. Spielbergs wissenschaftliche Berater wiesen darauf hin, dass der aber sehr klein sei: Bis zum Abschluss der Dreharbeiten war nie ein Velociraptor gefunden worden, der Mannshöhe erreicht hätte. Das, befand Spielberg, geht nicht: Klein, schnell und schlau lag wohl im zeitgeistigen Trend, doch zu klein durfte die Bestie nicht geraten. Dem intelligenten Räuber Mensch sollte ein ebenbürtiger Antagonist entgegengestellt werden. Also veränderte Spielberg die Rezeptur.
Das Rezept:
Man nehme einen Velociraptor, gebe ein wenig Utahraptor hinzu und verklone das Ganze mit einem Deinonychus - fertig ist der annähernd zwei Meter große, ultimative Mörder. Selbst Paläontologen entwickeln bei so etwas eine kräftige Gänsehaut - wenn auch aus anderen Gründen. Spielbergs Saurier waren "up to date", wurden erstmals als die trickreichen Jäger gezeigt, als die Paläontologen sie mittlerweile erkannt hatten. Und dann ging dieser Mann am Ende hin und erlaubte sich, per "künstlerischer Freiheit" die Zeugnisse der Vergangenheit zu verfälschen!
Doch zu Spielbergs Glück wurden wenige Wochen nach dem Filmstart Paläontologen fündig: Ein Velociraptor von annähernd 1,90 Metern Stehhöhe wurde gefunden. Spielbergs "Raptor" hörte auf, ein Phantasieprodukt zu sein.
Wie in keiner anderen Wissenschaft kommt es in der Paläontologie immer wieder zu einer gegenseitigen Befruchtung zwischen Science und Fiction. Das eine lebt mit vom anderen: Undenkbar, dass eine Wissenschaft mit so begrenztem unmittelbaren Nutzwert wie die Paläontologie selbst die bescheidenen Mittel zur Verfügung gestellt bekäme, über die sie heute verfügt, wenn sie nicht den ultimativen Popstar zu bieten hätte: den Saurier.
So trugen seit den Anfangstagen der Paläontologie vor allem Bilder zu ihrer Popularisierung bei: 1842 setzte Sir Richard Owen die Worte "deinos" und "sauros", "schrecklich" und "Echse", zu "Dinosaur" zusammen - und begründete einen Mythos. Abbildungen einer archaisch-chaotischen Umwelt ließen in den Köpfen von Jung und Alt eine Welt der Monstren und Drachen entstehen, wie sie exotischer kaum sein konnte. Die Urängste des Menschen schienen sich in den Donnerechsen zu manifestieren.
Kaum fiel dabei auf, wie sehr das Bild des Sauriers dabei herrschenden Moden unterworfen war, dem jeweiligen Zeitgeist. Jede Zeit hatte ihre Scheuklappen, die das Gesichtsfeld der Forscher einschränkte und sie in ihrem Versuch, wissenschaftliche Wahrheit in der Rekonstruktion zu finden, schlicht auf den Holzweg führte.
Das Beispiel "Raptor": Raubsaurier stellte man sich bis in die neunziger Jahre hinein zumeist als aufrecht gehende, mehr oder minder schwerfällige Gesellen vor, die allenfalls zu kurzen Sprints in der Lage seien. Sie liefen - menschenähnlich - auf zwei Beinen durchs Gehölz, während ihr Schwanz Furchen in den Boden zog.
Solche Fehleinschätzungen führten zeitweilig zu grotesken Rückwirkungen auf die Paläontologie. Richard Owen stellte sich Mitte des 19. Jahrhunderts das pflanzenfressende Iguanodon als Tier vor, das sich trotz leicht verkürzter Vorderläufe vor allem vierbeinig bewegte. Sein Iguanodon trug ein Horn auf der Nase, weil er die Daumenkralle des Tieres zunächst nicht anders einordnen konnte. Spätere Forscher richteten das Iguanodon auf, erklärten es zum "Zweibeiner" - ein Erkenntnischritt, der es beim Iguanodon (und anderen Sauriern!) teils nötig machte, noch den fossilierten Skeletten die Knochen zu brechen, um sie in die aufrechte Haltung zu verfrachten. Heute ist das Iguanodon wieder vornehmlich Vierbeiner - und "Star" des kommenden Disney-Filmes "Dinosaurs".
Prototyp der tapsenden Sauriergruppe à la Godzilla wurde der T-Rex. Noch vor wenigen Jahren diskutierte man ihn zum reinen Aasfresser und Lauer-Jäger hinab. Das Verdikt: zu dick, zu schwer, zu unbeweglich und zu dämlich, um wirklich "fürchterlich" zu sein.
Für den kapitalen T-Rex war all das plausibel. Doch wie hatte man sich je die kleineren Raptoren als aufrecht gehende "Spaziergänger" vorstellen können? Nein, spätestens seit den siebziger Jahren war zumindest der Fachwelt klar: Das waren Jäger, die ähnlich wie Straußenvögel große Geschwindigkeiten entwickeln konnten. Weg vom Modell "Godzilla", hin zum Prinzip "Bügelbrett": Raubsaurier bewegten sich im absoluten Gleichgewicht, wobei der lange, ausgestreckte Schwanz das Gewicht des Kopfes ausglich. Tödliche Wölfe der Urzeit.
Oder auch nicht. Die Debatte darüber, ob und in welchem Maße Saurier und Vögel miteinander verwandt seien, begann Mitte des 19. Jahrhunderts - wie auch die über die Frage, ob Saurier kalt- oder warmblütig waren. Beide Debatten sind entschieden: Zumindest viele Saurier waren Warmblüter - und Vögel sind direkte Nachfahren bestimmter Saurier.
Aus Echse wird "Vor-Vogel"
Inzwischen geht es weiter: Spielbergs Velociraptor verändert sich. Raptoren sind Top-Kandidaten, als "Vor-Vorfahren" der Vögel zu gelten. Die Frage ist nun: Wie viel Vogel-Charakteristika wiesen sie bereits auf? 1997 bis 1999 häuften sich wissenschaftliche Artikel, die gerade den Velociraptor "feder-verdächtig" machten. 1999 setzte der junge Künstler Chris Srnka aktuelle Forschungserkenntnisse zu einem neuen Bild des Raptors zusammen: Sein Raptor trägt ein Kleid aus "Vor-Federn", irgendwo zwischen Haar und Feder angesiedelt.
Das Resultat sah eher aus wie Urmel aus dem Eis, hatte viel von dem Schrecken verloren, den das "kalte" Reptil erweckt. Srnkas Raptor ist eine Art Raubvogel mit Schwanz und Zähnen. Doch wie kommt es zu solchen Abbildungen, die die Vorstellung, die wir von der Vorzeit haben, formen?
Über eine Kombination von Information und Imagination, gibt Srnka im Interview zu. Srnka ist Grafiker, seine Methode ist Science Fiction: eine haarige Methode?
Aber nein, meinten die Kuratoren des American Museum of Natural History in New York - und nahmen Srnkas Vision des Raptors in ihre Sammlung auf. Seit einigen Monaten steht dort eine Statue, die Srnkas Bild des Raptors nachempfunden ist. Anfang 2000 fanden Paläontologen in einem Velociraptoren-Fossil einen Knochen, den man bisher nur vom Vogel kannte. Fiction makes Science move, manchmal.
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