Oktober 2001, Robert-Koch-Institut: Laborantin Iris Klein untersucht eine Probe auf Anthrax-Spuren
Ende 2000 entwickelte ein Team um den australischen Biologen Ian Ramshaw bei dem Versuch, ein Verhütungsmittel für Mäuse zu finden, versehentlich eine Biowaffe: Ein relativ harmloses Mäuse-Virus mutierte zu einem tödlichen Killer. Der löste im Sinne des Wortes binnen weniger Tage die inneren Organe der damit geimpften Mäuse auf - Überlebende gab es nicht.
Der Mechanismus, mit dem das gelang, war für ein entsprechend ausgerüstetes Labor mit Leichtigkeit nachzumachen. Selbst die versehentliche Entwicklung von Killern, sagte Ramshaw damals, läge im Bereich des Möglichen. Er zog daraus im Januar 2001 die Konsequenz, seine Ergebnisse zu veröffentlichen: Als Warnung an die weltweite wissenschaftliche Gemeinde.
Die darauf folgende Debatte war vorhersehbar. Ramshaws Kritiker verurteilten lautstark, dass er damit eine Gebrauchsanweisung zur Schaffung von Biowaffen in die Welt gesetzt habe. Die Argumente beider Seiten hatten viel für sich, und die Debatte zog sich bis in den Herbst 2001.
Hätte Ramshaw seine Erkenntnisse ein Jahr später erlangt, wäre es zur Veröffentlichung wahrscheinlich nicht mehr gekommen.
11. September 2001: Wendepunkt auch in der Wissenschaft
Seit dem 11. September 2001, informierten nun die Chefredakteure der führenden Wissenschaftsmagazine "Nature", "Science", "Proceedings of the National Academy of Science" und "The New England Journal of Medicine", üben die wissenschaftlichen Fachzeitschriften Selbstzensur.
Dieses Eingeständnis verbinden sie in dieser Woche mit einem offenen Brief an Wissenschaftsredakteure, Autoren und die so genannten Peer Reviewer, die jeden Beitrag auf seine Plausibilität prüfen, künftig keine Informationen mehr zu veröffentlichen, die "gekidnapped werden könnten, um damit Schaden anzurichten".
Wörtlich heißt es in dem Statement: "Wir erkennen an, dass ein Redakteur mitunter entscheiden muss, dass der durch eine Veröffentlichung möglicherweise verursachte Schaden größer ist als der mögliche Nutzen für die Gesellschaft."
Missbrauchsgefahr wissenschaftlicher Erkenntnisse: Fließende Grenze zwischen notwendiger Forschung und Waffentechnik
Der Schritt, öffentlich zur freiwilligen Selbstzensur aufzurufen, bedeute, die Wissenschaft selbst stärker in die gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu nehmen. Leicht sei das nicht, weil die Interessen der Wissenschaft hier mit dem Interesse der Gesellschaft, vor dem Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse geschützt zu werden, kollidiere. Der wissenschaftliche Fortschritt aber brauche die Veröffentlichung hinreichend detaillierter Ergebnisse, um Erkenntnisse und Ergebnisse nachvollziehbar zu machen - ein Ballanceakt. Bisher, gab Atlas zu, sei es auch der Selbstzensur übenden Gruppe nicht gelungen, hier verbindliche Handlungsrichtlinien zu entwerfen.
Diese, so führt das gemeinsame Statement des von 32 führenden Wissenschaftspublizisten unterzeichnete Papier, sollten sich an folgenden Leitsätzen orientieren:
Eine Sprecherin der "Proceedings" gab bekannt, dass das Fachmagazin bereits an einem entsprechenden Screening-Prozess arbeite und eine Fachgruppe Biodefence ins Leben gerufen habe, die Beiträge künftige auf Sicherheitsrelevante Aspekte abklopfen solle.
Im letzten Jahr empfingen die elf Fachzeitschriften der American Society of Microbiology 224 Manuskripte zu Anthrax und ähnlichen Themenkomplexen. 134 davon seien veröffentlicht worden, so weit wie möglich um sicherheitsrelevante Informationen zensiert. Atlas: "Manchmal ist das nur ein Detail in einem Manuskript, das darauf hinweist, dass eine kleine molukulare Änderung in einem Gift nicht mehr 10.000, sondern Millionen Menschen töten könnte".
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