05. April 2005, 11:57 Uhr

Sprachtraining für Ärzte

Kampf dem Kauderwelsch

Von Chris Löwer

Wenn der Arzt ins Fachchinesisch abgleitet, versteht der Patient oft nur noch eins - gar nichts. Das soll sich jetzt ändern: An ersten Unikliniken wird angehenden Medizinern in Sprachtrainings beigebracht, wie man mit Patienten redet - und schlechte Nachrichten überbringt.

Arzt bei der Sprechstunde: Wie sage ich es dem Patienten?
DPA

Arzt bei der Sprechstunde: Wie sage ich es dem Patienten?

Husten, Heiserkeit, Halsschmerzen. Mit den üblichen Erkältungswehwehchen machte sich die Berlinerin auf zum Hausarzt. Nichts Ernstes, dachte sie. Aus dem Mund des ernst dreinblickenden Doktors aber klang die Diagnose deprimierend: Er redete von "bronchialer Reizung" und "merklichem Tussis", weswegen ein Antitussivum nicht schlecht sei und man bei dieser Gelegenheit auch gleich etwas gegen die drohende Aphonie und Pharyngitis tun sollte. Mit Rezept und Krankschreibung verließ die Patientin die Praxis - und fühlte sich gleich schlechter. Dabei spiegelten die bedrohlichen Worte des Mediziners nichts weiter als die Eigendiagnose: Husten, Heiserkeit, Halsschmerzen.

So verlassen täglich Tausende Deutsche verwirrt die Arztpraxen, erkrankt an einer exotisch klingenden Erysipel (Wundrose) oder an einer infektiös klingenden Myocardinsuffizienz, bei der es sich allerdings um eine Herzmuskelschwäche handelt.

Manch Mediziner, so scheint es, scheint nicht nur unter akuter Fachsimpelei zu leiden, sondern auch unter insuffizientem Fragen, Zuhören und Einfühlen. Doch Prävention naht: Angehende Ärzte lernen mittlerweile in speziellen Gesprächstrainings, wie sie Panik beim Patienten vermeiden.

Schauspieler nerven Ärzte

An der Uniklinik Heidelberg etwa werden Medizinstudenten mit polternden Handwerkern und hysterischen Hausfrauen konfrontiert. Die Schauspieler konfrontieren als "standardisierte Patienten" die angehenden Ärzte mit diversen Symptomen und Charakteren. Da stöhnt der massige Schreiner mit Basecap: "Ich habe solche Bauchschmerzen, ich halt's kaum noch aus!" Da plaudert die füllige Frau pausenlos drauflos, obgleich sie angeblich Probleme mit der Pumpe hat. Da ist der Mann, Modell Stockfisch, dem überhaupt nichts zu entlocken ist.

Das sogenannte Kommunikations- und Interaktionstraining für Medizinstudenten (Medi-KIT) ist nach einer freiwilligen Testphase nun zum verpflichtenden Teil des Heidelberger Medizinstudiums geworden. "Gelernt wird, einfühlsam und verständlich mit Patienten zu sprechen, um für die Anamnese wichtige Informationen zu erhalten", erklärt Arzt und Medi-KIT-Leiter Jobst Schultz. Die Gespräche werden per Video aufgezeichnet, um danach besser mit einem Fachkollegen und Kommilitonen den Verlauf analysieren zu können.

Es tut so weh: Echter Kopfschmerz oder eingebildete Krankheit?
DPA

Es tut so weh: Echter Kopfschmerz oder eingebildete Krankheit?

Noch erhellender ist meist das unmittelbare Feedback der Simulationspatienten. Vernichtend sind Sätze wie: "Sie waren sehr nett, aber verstanden habe ich nichts." Gut meinend, aber schlecht wirkend ist ein lapidares "Wird schon wieder, Herr Müller!" Nicht jedem in die Wiege gelegt ist auch der Umgang mit Depressiven, Suizidgefährdeten und unheilbar Erkrankten. Weil es leider später zum Alltag gehören wird, muss der Nachwuchs auch das Überbringen einer Todesnachricht proben.

Das ist auch in den Trainings an der Uniklinik Göttingen und an der Berliner Charité so. Dort, im Reformstudiengang Medizin, werden mit Hilfe von Simulationspatienten sogar während der gesamten zehn Semester zwei Stunden pro Woche alle erdenklichen Situationen durchgespielt. Wie spricht man mit Demenzpatienten? Wie beruhigt man einen Alkoholiker auf Entzug? Wie fühlt man sich in einen Schizophrenen ein?

Klare Sprache soll Kosten senken

Das Team von Isabel Mühlinghaus sorgt im eigens dafür geschaffenen Bereich Interaktion dafür, dass richtiges Reagieren geübt wird. Und dafür, dass Arztkauderwelsch, Arroganz und Taktlosigkeit künftig seltener werden in Kliniken und Praxen. "Den Erkrankten stärker in die Behandlung einzubeziehen macht den Arzt und vor allem den Patienten zufriedener, so dass es zu weniger Arzt-Hopping und Verschreibungen kommt", sagt Mühlinghaus.

Ihren Erfahrungen zufolge findet der medizinische Nachwuchs zwar meist den richtigen Ton, dafür aber hapert es am Einfühlungsvermögen - etwa wenn die schauspielernde Schizophrene unter eingebildetem Haarausfall leidet und dem Medizinstudenten zum Beweis einen Umschlag mit gesammelten Haaren überreicht, der künftige Arzt diesen jedoch achtlos zur Seite legt. Aufmachen, Interesse zeigen, Nachfragen wäre besser gewesen.

"Die Hauptprobleme bestehen darin, sich auf den Patienten einzustellen, seine Sprache zu treffen, ihm Zeit zu geben, weniger Fachbegriffe zu verwenden und gezielt nachzufragen", sagt Jobst Schultz.

Zu viel Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen können allerdings auch den Erfolg schmälern, speziell wenn es um hypochondrische Jammerpatienten geht. Weinerliches Wehklagen scheint auch gestandene Mediziner einzulullen, wie eine Studie der Abteilung für Allgemeinmedizin an der Uni Düsseldorf zeigt.

Schauspielerisch begabte, kerngesunde Mitbürger suchten 52 Hausärzte auf und klagten unterschiedlich nachdrücklich über Kopfschmerz. Das Ergebnis: Besonders Besorgte erhielten eine besonders aufwändige Behandlung. So wurden Simulanten nicht nur an den Facharzt überwiesen, sondern teilweise gleich zu einer sehr teuren Untersuchung im Computertomografen angemeldet. "Patienten sollten ihre Sorgen und Befürchtungen offen und realistisch ansprechen", meint Professor Heinz-Harald Abholz, Koordinator der Studie. "Aber die Hausärzte sollten auch gezielt fragen."


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