Von Dirk Husemann
Der Kaiser hat einen schweren Kopf. 4,5 Tonnen wiegt sein Marmorschädel, eines der berühmtesten Stücke der Kapitolinischen Museen in Rom und als Kopie derzeit in Deutschland unterwegs. Majestätische zwölf Meter war das Standbild einst hoch. Heute ist die Statue des Kaisers Sinnbild der Konstantinforschung: Viele Fragmente sind erhalten, aber das Bild bleibt Stückwerk.
Liebstes Glied der Forschung ist die rechte Hand Konstantins. Ein ausgestreckter Finger weist nach oben, die anderen sind zusammengelegt, kein Redegestus also, bei dem stets die ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger klarmachten, wer das Wort hatte. Konstantin schien etwas anderes zu meinen. Zeigte er den mahnenden Finger in Richtung Himmelreich? War es der Finger Gottes, der hier auf der Hand des Christenfreundes saß?
Die Wahrheit ist ernüchternd. In der Renaissance hatten Übereifrige die Hand der Statue falsch ergänzt. Der Finger krümmte sich ursprünglich nämlich um ein Zepter. So ließ sich Konstantin als Jupiter darstellen. Heidnische Geste statt christlicher Mahnung also - ein Kaiser schwebt zwischen antiker Wahrheit und christlichem Wunschdenken.
"Konstantin ist als Charakter heute in Vergessenheit geraten", sagt Eckart Köhne, Geschäftsführer der Konstantin-Ausstellungsgesellschaft in Trier. "Jeder erinnert sich an Nero und Caligula, aber nicht an ihn. Dabei hat er mit seinem Lebenswerk den üblichen Rahmen gesprengt." Tatsächlich: Mit 31 Jahren Regierungszeit belegt Konstantin Platz zwei der Liste römischer Dauerherrscher hinter Augustus, der es auf 41 Jahre brachte. In diesen drei Jahrzehnten erbrachte der Kaiser ein Leistung, die so beeindruckend war wie seine Statue.
Zunächst sah es gar nicht gut aus für den jungen Konstantin. Sein Vater, der römische Feldherr Constantius, hatte sich in Bithynien im Nordwesten Kleinasiens mit einer Stallmagd namens Helena eingelassen. Der Makel blieb haften: Noch im 12. Jahrhundert verurteilte der Mönch Zonaras in Byzanz die Amour fou und bezeichnet Konstantin als "Produkt erotischer Gelüste".
Dieses "Kind der Liebe" war in eine Zeit des Umbruchs hineingeboren. Kaiser Diokletian führte die Tetrarchie ein und benötigte für seine Reichsarchitektur drei der Herrschaft fähige Mitregenten. Einer von ihnen war Constantius. Er heiratete Theodora, die Stieftochter seines Koregenten Maximian, die ihm legitime Kinder schenkte. Konstantin wuchs als Bastard unter drei Brüdern und drei Schwestern auf.
Nur die Macht zählt
Welche Dramen sich zwischen den Geschwistern, den beiden Frauen und dem Vater abspielten, hat niemand aufgeschrieben. Mutter Helena aber setzte sich durch: Konstantin durfte Karriere machen. Er schlug die Offizierslaufbahn ein und erwarb sich einiges Ansehen auf Feldzügen in Ägypten, Persien und Britannien. Schließlich wurde Diokletian auf den viel versprechenden Spross aufmerksam und setzte ihn als Cäsaren ein. Kaum hatte Konstantin im Machtkarussell Platz genommen, riss die Sicherheitsleine.
Diokletian trat 305 ab, ihn lockte das Leben eines Privatmanns in seinen Riesenpalast in Spalato, dem heutigen Split in Kroatien. Der Regierungsmüde hinterließ als Erbe ein schier unüberschaubares Chaos. Zwei Jahre nach seinem Abgang gab es fünf Kaiser, die gegeneinander zu Felde zogen. In den folgenden fünf Jahren erlebte das Reich ein Gemetzel nach dem anderen. Mitmischen wollte jeder. Bis ins Jahr 310 stieg die Zahl der Regierungswütigen auf sieben. Maximinus Daia in Syrien, Galerius in Thrakien, Licinius in Pannonien und Raetien, Konstantin und Maximian in Gallien, Maxentius in Italien und Alexander in Afrika. Niemand war mehr daran interessiert, einer von vier Tetrarchen zu sein. Was zählte, war die totale Macht.
Nur mit List und Brutalität war dieses Ziel zu erreichen. Konstantin brachte alle Voraussetzungen mit. Maximian fand man erhängt auf. Die Hintergründe des Dramas bleiben unklar. Nach dem vermeintlichen Selbstmord beherrschte Konstantin jedenfalls Spanien, Gallien und Britannien. Auf Rom rollte eine militärische Lawine zu.
Machtmensch im Blutrausch - Aushungern und Plündern lautete die Antwort für widerspenstige Städte. Kirchenhistorikern galten diese Gräuel später als entschuldbar
Die oberitalienische Stadt Aquileia ergab sich kampflos der vorüberstampfenden Streitmacht, aber als Konstantin Verona erreichte, verrammelten die Bewohner die Tore. Aushungern und Plündern waren die gängigen Antworten auf widerspenstige Städte. Verona wurde in die Knie gezwungen.
Konstantin - ein gewaltsamer Zerstörer? Nicht in der christlichen Geschichtsschreibung. Bei den Kirchenhistorikern der Spätantike und des Mittelalters galten die Gräuel in Oberitalien als entschuldbar. Konstantin habe so furchtbar handeln müssen, weil die Veronesen verrückt geworden seien, als sich ihnen die Legionen des Christenfreunds näherten. Was blieb ihm übrig als Gewalt? Im Eifer des Gefechts konnten schon mal ganze Schlachten unter den Schreibtisch fallen, wie jene beim Zug durch Oberitalien, von der man heute nur weiß, dass Konstantin sie verlor - ihren Namen, das genaue Datum und die Umstände der Niederlage hielt niemand für überliefernswert.
Das Heer erreichte Rom. Der letzte Rivale im Westen, Maxentius, kam vor die Tore, um ein für alle Mal klarzustellen, wer das Sagen hatte. Was vor der Schlacht geschah, veränderte das Abendland - so will es die Legende. Ein Kreuzzeichen sei Konstantin im Sonnenlicht erschienen, berichtete die Nachwelt, mit den Worten "In diesem Zeichen siege". Oder war es ganz anders? Die Biografen des Kaisers ließen die Fantasie spielen. Einmal erscheint die Schrift griechisch (das Konstantin nie beherrschte), dann wieder auf Latein, einmal heißt es "In diesem Zeichen", einmal ist "siege" angehängt, ein anderes Mal "wirst du Sieger sein", auch "In diesem Zeichen liegt der Sieg des Vaters" kommt vor. Einig waren sich die Autoren wohl nur darüber, dass es ein christliches Zeichen gegeben haben muss.
Aber auch in diesem Punkt scheinen christliche Autoren den Irrtum umarmt zu haben. Angesichts der Erscheinung soll Konstantin seinen Soldaten befohlen haben, das kreuzförmige Christusmonogramm aus den Buchstaben X und P auf die Schilde zu malen. Durchaus korrekt, bestätigten die Archäologen, Schilde mit Kreuzen sind bekannt. Der Althistoriker Manfred Clauss weiß mehr darüber: "Es bleibt die Frage, ob Konstantin für dieses neue Siegeszeichen überhaupt viel verändern musste. Römische Feldzeichen besaßen schon lang eine Kreuzform." Die hatte allerdings nichts mit dem Christentum zu tun.
Visionär oder nicht - der ehrgeizige Feldherr besiegte Maxentius im Jahr 312 an der Milvischen Brücke und nahm Rom ein. Er wurde Kaiser des Westens. Im Osten setzte sich Licinius durch. Und obwohl er noch nicht einmal getauft war, wurde Konstantin zum ersten christlichen Kaiser. Dennoch behaupten böse Zungen, Konstantin habe nicht einmal gewusst, was für ein Gott ihm da geholfen haben soll. Tatsächlich ist es fraglich, ob ein friedensstiftender Heiland das Pantheon eines Reichs hätte ersetzen können, dessen größtes Talent seit eintausend Jahren das Kriegführen und Erobern war. Durch seinen Beistand in der Schlacht aber trug Christus die Züge eines Kriegsgotts, und damit war er im spirituellen Rom ein gefragter Gott.
Das Christentum manifestierte sich zunächst in großen Kirchenstiftungen. Die Lateranbasilika, deren Nachfolgebau heute noch Hauptkirche Roms ist, und der Vorgängerbau der Peterskirche entsprangen dem Geldsäckel des frischgebackenen Augustus. Die Tempelspende durch den siegreichen Kaiser war üblich, der Gott war allerdings ein neuer. Vier Monate später im Jahr 313 traf Konstantin mit Licinius zum Gipfeltreffen in Mailand zusammen und unterzeichnete das Mailänder Edikt, das allen Kulten religiöse Toleranz gewährte und den Christen ihre zuvor konfiszierten Güter zurückgab. Die Zeit der Christenverfolgung war vorbei. Der Kampf um die Macht ging weiter.
18 Jahre Kampf um die Macht, dann Bau einer neuen Hauptstadt, die über Tausend Jahre stehen sollte
Bei aller Demonstration von Einigkeit - das Säbelrasseln zwischen Ost- und Westrom verklang nie und bald krachten auch die beiden Augusti wieder zusammen. Licinius nämlich hielt sich nicht ans eben unterzeichnete Edikt und nahm die Christenverfolgungen in seinem Herrschaftsbereich wieder auf. Konstantin bekam einen Grund, im Namen des Imperiums zu kämpfen. Zehn Jahre rangen die Kaiser, bis Licinius bei den Massenschlachten vor Adrianopel (Edirne in der Türkei) und Skutari (heute der Istanbuler Stadtteil Üsküdar) die Waffen strecken musste. Nach 18 Jahren hatte Konstantin den Kampf um die Macht gewonnen.
York, Trier, Rom, Sofia - Konstantin hatte zu vielen Städten dauerhafte und besondere Beziehungen. Von Trier aus regierte er zwölf Jahre, heiratete dort und kehrte immer wieder an die Mosel zurück. Die große Liebe aber fand der Kaiser am Bosporus. Wo schon die Griechen ihre Kolonie Byzantion an die Meerenge zwischen den Kontinenten gepflanzt hatten, baute Konstantin 324 sein "neues Rom": Konstantinopel. Abermals erwies er sich als Mann mit Visionen. Während Rom in Bedeutungslosigkeit versank, strahlte das Juwel am Bosporus weitere tausend Jahre, bis 1453 die Osmanen die Stadt eroberten und das Kapitel vom Imperium Romanum abschlossen.
Konstantin konnte zufrieden sein: Er war Herr über das größte Reich auf Erden, Wegbereiter einer neuen Religion, Gründer einer Weltstadt. Auf dem Totenbett soll der Kaiser getauft worden sein. Happy End am Bosporus. Wenn es nur den Nachruhm nicht gäbe. Kirchliche Historiker machten sich an Konstantin zu schaffen. Einige, allen voran Eusebius, überlieferten Biografisches mit einem Schuss Mystik. Andere verwässerten das Leben des Kaisers zu einer trüben Brühe.
Konstantin war noch nicht lange tot, schon kursierte das Gerücht, der Bischof von Rom habe den Kaiser beerbt. Den Lateranpalast, Rom, ja ganz Italien und alle Provinzen des westlichen Reichsteils habe der Kaiser dem Papst vermacht. Konstantinische Schenkung hieß diese Mär. Sie hielt sich hartnäckig und wurde im 8. Jahrhundert durch eine gefälschte Urkunde salonfähig. Fortan zerrten Klerus und Adel an dem Dokument, Konstantin geriet in Verruf. Kollektives Jammern klang durch Europa. Dante Alighieri (1265 - 1321) wünschte gar, dass der Kaiser "nie geboren worden wäre". Der Schwindel flog erst im 15. Jahrhundert auf. Und letztlich musste auch der Heilige Stuhl zugeben, dass die Konstantinische Schenkung eine Fälschung war. Das geschah im 19. Jahrhundert.
Die Wahrheit über Konstantin gibt es nicht. Eckart Köhne wünscht sich die Passage eines Texts des Ammianus Marcellinus über Konstantin herbei, den dieser im 4. Jahrhundert schrieb. Doch ausgerechnet die ist nicht erhalten. "Hier hätten wir eine gewisse Objektivität erwarten dürfen", sagt der Ausstellungsmacher mit Bedauern.
Die Augen himmelwärts, der Kopf so schwer wie ein Lastwagen. Was mag hinter dieser Stirn vorgegangen sein?
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