12. Juli 2007, 10:57 Uhr

Steinzeit-Segler

"Sorry, Kolumbus!"

Von Marc Pitzke, New York

Elf Freunde und ein Schilfboot: Der Chemnitzer Abenteurer Dominique Görlitz will der neue Thor Heyerdahl werden. Zum Abschied seines experimentell-archäologischen Schilfboots in Manhattan gab es Steinzeitklänge und altägyptische Glücksbringer - die hat die Crew auch nötig.

Zu jeder Expedition gehört eine ordentliche Abschiedszeremonie - auch weil man nie so genau weiß, ob es hinterher ein gutes Ende zu Feiern geben wird. Umso mehr gute Wünsche gibt es, bevor die "Abora III" vom Pier 83 in Manhattan ablegt. Daumendrücken, allerlei Reden, Jeff Stolzer vom legendären Explorers Club überreicht feierlich die Clubflagge. Schon bei den ersten Expeditionen zum Mount Everest, zu Nord- und Südpol flatterte sie im Wind. Der Berliner Juwelier Jens Lorenz schickt eine "Friedensuhr" mit auf Reisen. Ein Herr aus Gotha übermittelt "die allerbesten Wünsche unserer Bürger".

Aus Gotha kommen auch Doris und Peter Usbeck, ein älteres Ehepaar, das sich am Kai zum Ständchen aufgebaut hat. Doris spielt die Bongotrommel, Peter tutet steinzeitlich in ein Didgeridoo. Ein Freund trällert dazu den "Abora Blues": "I sing the blues about Abora. I sing Abora Blues." Dann verfällt er in einen gutturalen Sprechgesang: "Humba-humba, homm-homm, bapapapp!" Gestern früh am Hudson River, wo sonst die Sightseeing-Dampfer der Circle Line ankern: Eingerahmt von folkloristischem Bohei soll hier Expeditions-Geschichte geschrieben werden. Und zwar von einem Abenteurer aus Chemnitz namens Dominique Görlitz und seinen Segelgefährten.

"Sorry, Kolumbus", ruft Görlitz, ein strahlender Mann in Khaki-Shorts, Sandalen und orangenem T-Shirt, "du warst nicht der Erste!" Hinter ihm liegt die "Abora III", das Gefährt, das Christoph Kolumbus und auch die abenteuerlustigen Wikinger der vorletzten Jahrtausendwende auf die Plätze verweisen soll. Zehn Tonnen bolivianisches Schilf, ohne Nägel zusammengehalten von vielen Kilometern Seil, das 60-Quadratmeter-Leinensegel noch sorgsam eingerollt: Mit dieser knirschenden, 12,5 Meter langen Steinzeit-Barke wollen Görlitz und seine Crew gleich in See stechen.

"Keine große Segelerfahrung"

Ein riskantes Unterfangen: Sie wollen so den Nordatlantik überqueren und beweisen, was bisher noch niemand belegen konnte - dass schon vor 14.000 Jahren reger prähistorischer Handel zwischen Alter und Neuer Welt bestanden haben könnte. Experten unken zwar, dieser Beweis sei gar nicht zu erbringen - doch dann bliebe immerhin der Ansporn, alles zu erreichen, wenn man es sich nur in den Kopf setzt.

"Das größte maritim-wissenschaftliche Abenteuer seit Thor Heyerdahl", nennt der 41-jährige Ex-Lehrer, Hobby-Archäologe und Vegetationsgeograf Görlitz sein Vorhaben, die erste derartige West-Ost-Atlantikkreuzung - der Neuzeit wohlbemerkt. Sein Idol, der norwegische Abenteurer Heyerdahl hatte das Gleiche schon 1970 mit dem Schilfboot "Ra II" bewerkstelligt, allerdings von Ost nach West. Was bekanntlich, sagt Görlitz, viel einfacher sei.

Zehn Monate lang hat sein Team an der zwölf Tonnen schweren, nach einem Sonnengott benannten "Abora III" gewerkelt. Den Schilfrumpf banden Bootsbauer des Aymara-Stammes in Bolivien nach alten Zeichnungen zusammen, der Rest wurde in New Jersey erledigt. Am Dienstagabend dann haben sie sich nach Manhattan rüberschleppen lassen. Eine Abfahrt von dort, mit der Skyline als Kulisse, ist ja auch viel besser für die ganzen Fernsehteams.

"Ich bin vorgestern erst dazugestoßen", sagt die Dresdner Romanistik-Studentin Andrea Müller, die Görlitz auf einer Feier kennenlernte. Müller, 21, feenhaft und zart, hat zwar "keine große Segelerfahrung", war aber auf dem Kahn schon "einmal drauf". Bei der Überfahrt hofft sie "an neue persönliche Grenzen zu stoßen". In der Hand hält sie ein ägyptisches Armband, das ihr jemand als Talisman geschenkt hat.

Schwimmwesten und Trockenmilch

Den dürfte sie auch brauchen. Der Nordatlantik ist notorisch stürmisch (erst recht jetzt, zur Hurrikan-Saison). Vor allem die letzte Etappe der auf 80 Tage geschätzten Fahrt, von den Azoren zum spanischen Cádiz, gilt für einen Kahn wie die "Abora III" als kaum navigierbar. Dort würde der Steinzeitsegler den Golfstrom verlassen und müsste gegen den Wind kreuzen. Auch wenn sie das Gegenwind-Kreuzen im Hudson schon geübt haben, will Müller lieber auf den Azoren ausschiffen und sich da "im Hawaiihemd an den Strand legen".

Navi, Funk und Satellitentelefon - und elf Menschen in zwei schwimmenden Baumhäusern

Elf Leute sind an Bord, neun Männer, zwei Frauen. Die meisten sind Deutsche: aus Chemnitz, Gotha, Dresden, Bad Hindelang, München. José Valmana, ein Exilkubaner aus Miami, ist hauptberuflich Immobilienmakler. Fotograf Tormod Granheim kommt aus Oslo. Der Zwölfte im Bunde, der bolivianische Bootsbauer Fermin Limachi, dessen Familie am Titicacasee einst schon Heyerdahls Schiffe zimmerte, muss leider an Land bleiben: Er hat kein Visum für Spanien bekommen.

Die Besatzung wird in zwei winzigen Hütten nächtigen, am Rumpf festgezurrt, schwimmenden Baumhäusern gleich. Eng verstaut sind darin Trinkwassercontainer, Lebensmittel für 100 Tage, Kühltaschen, Trockenmilch, Schlafsäcke, Feuerlöscher, Schwimmwesten, Medikamente und viele, viele Rollen mit Ersatzseilen. Am Rumpf hängt das Plakat eines der Sponsoren, des Chemnitzer Werkzeughandels Eylert.

"Sie folgten den Spuren der Götter"

Denn ganz so vorsintflutlich geht es bei all dem natürlich nicht zu. Wer zum Beispiel mal muss, kriecht in ein Kabuff, in dem sich ein Campingklo verbirgt. Die "Abora III" verfügt über ein GPS-Navigationssystem, VHF-Funk und Satellitentelefon. Ihre Position kann live im Internet mitverfolgt werden. Nervös sind sie trotzdem. Am Abend hätten sie "etwas gefeiert", sagt Görlitz zwar, er habe danach "geschlafen wie eine ägyptische Mumie". Doch seine Freundin, die Studentin Sabrina Lorenz, 26, gesteht "Nervenflattern" ein. "Wir hoffen, dass alles gut geht", sagt Bongotrommlerin Usbeck, die enge Freundschaften zur Crew geknüpft hat. Ob sie nicht mitsegeln wolle? "Um Gottes Willen!", ruft sie und wedelt mit einem Prospekt von Gotha.

Dank der Reporter, die sich auf dem Ponton balgen, verzögert sich der Abschied. Die Aboraner posieren für die Fotografen, fotografieren sich gegenseitig, fotografieren die Fotografen. Görlitz liest eine kleine Ansprache vom Blatt. Der Gesandte des Explorers Clubs zeigt sich "entzückt". Juwelier Lorenz sieht eine "Welt ohne Mauern" und wünscht kosmopolitisch "bon journey".

Ein Langhaariger namens Sasha, der die Gothaer Ur-Musikanten auf einer E-Gitarre begleitet, preist poetisch die prähistorische Seele: "Sie waren mit den Sternen verheiratet", sagt er. "Sie folgten den Spuren der Götter." Doch keiner hört mehr hin.

Von Kannibalen gefressen

Ein letztes Mal umarmen sie ihre Verwandten. Tränen fließen. "Der Abschied war schon ein bisschen traurig", sagt Student Markus Uhlig, 23, später, als er an Bord klettert. "Aber das ist jetzt gegessen. Jetzt geht's los!" Görlitz, das Logbuch in der Hand, scheucht die letzten Reporter von Deck: "Lasst uns die ganzen Landratten runterschmeißen und ablegen!"

Langsam zieht der mächtige Schlepper "Robert E. Hayes" die "Abora III" in den Hudson. Ihre bunten Länderwimpel flattern in der Brise. "Wir sehen uns!", ruft Görlitz winkend. Noch eine gute Stunde kreuzt die "Abora III" für die Fotografen im Fluss herum. Dann geht es an der Freiheitsstatue vorbei hinaus auf hohe See. Um kurz nach 12 Uhr Ortszeit fährt sie unter der gigantischen Verrazano-Hängebrücke hindurch, dem Tor New Yorks zum Atlantik.

Deren Namensgeber, der Italiener Giovanni da Verrazzano, war 1524 der erste Neuzeit-Europäer, der per Schiff Nordamerikas Ostküste erkundete. 1524 kreuzte er unter anderem vor dem heutigen New York und nahm dann eine ganz ähnliche Route zurück, wie jene der Abenteurer von heute. Verrazzano erreichte Europa. Doch kaum vier Jahre später wurde er - hier widersprechen sich die Berichte - von Ureinwohnern auf den karibischen Antilleninseln getötet oder aber von den Spaniern als Pirat gehenkt, in Cádiz.


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