16. Juli 2007, 20:03 Uhr

Krümmel-Ermittlungen

Atomaufseher prangern systematische Probleme in Leitstand an

Die Atomaufsicht hat Mitarbeiter des Pannen-AKW Krümmel befragt - und offensichtlich neue Schwachstellen entdeckt. Es mangelt an moderner Kommunikationstechnik, im Krisenfall droht strukturelle Überlastung: Vattenfall ist auch nach dem Rauswurf seines deutschen Atom-Chefs unter enormem Druck.

Berlin/Hamburg/Kiel - Mit Spannung war die Befragung der vier Mitarbeiter aus dem Kernkraftwerk Krümmel erwartet worden. Was ist am Nachmittag des 28. Juni im Leitstand des AKW passiert ist - das wollte die Atomaufsicht wissen. Nach knapp vier Stunden Gespräch dann das erschütternde Fazit des schleswig-holsteinischen Staatssekretärs Hellmut Körner: In Krümmel sei künftig die Nutzung modernerer Kommunikationsprinzipien nötig, wie in der Luftfahrt. Außerdem gehöre die Verantwortung auf dem Leitstand bei komplexen Störfällen anders organisiert als bisher: Eine "strukturelle Überlastung des Schichtleiters bei mehreren parallelen Ereignissen" müsse vermieden werden, verlangt Körner.

AKW Krümmel (Arbeiten an Trafo-Haus nach Brand): "Weitere Fragen" an Vattenfall
DPA

AKW Krümmel (Arbeiten an Trafo-Haus nach Brand): "Weitere Fragen" an Vattenfall

Die Schilderungen des Reaktorfahrers und den Schichtleiters aus dem Pannenreaktor haben offenbar nicht den Eindruck widerlegen können, dass in Krümmel nach dem Brand in einer Trafohalle Durcheinander herrschte. Körner sagte, dass die Atomaufsicht nun ein "klareres Bild der Abläufe" habe - aber "auch weitere Fragen".

Details zu den Abläufen wurden zunächst nicht bekannt - aber politische Forderungen an Vattenfall. Der Energiekonzern müsse technisches und menschliches Versagen in seinen Kernkraftwerken ausschließen, sagte Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), die für Reaktoraufsicht zuständig ist. "Dafür ist das Unternehmen den Beweis noch schuldig. Die Kritik der Atomaufsicht ist nicht ausgeräumt."

Sprich: Vattenfall steht weiter unter enormem Druck, den Vorfall aufzuklären und Konsequenzen zu ziehen - daran ändert es auch nichts, dass der Konzern heute rechtzeitig zur Befragung seinen deutschen Atomsparten-Chef Bruno Thomauske gefeuert hat. Der Energieriese wollte dies als Eingeständnis verstanden wissen, dass es nach dem Zwischenfall in Krümmel zu viele Fehler in der Informationspolitik gab. Doch gleich nach Thomauskes Rauswurf machten Politiker und Umweltverbände klar, dass diese Personalentscheidung nicht reicht.

"Das ist ein erster Schritt aus der Deckung", sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und attestierte dem entlassenen Atomchef Thomauske, er sei Vertreter einer "Bunkermentaliät" gewesen, ohne Interesse an Aufklärung. Nach über zwei Wochen Pannen, Kommunikationsdesastern und anhaltender Vorwürfe sei der Rauswurf "überfällig" gewesen. Es sei "höchste Zeit, dass sich Vattenfall nun endlich offensiv an der notwendigen Aufklärung der Vorfälle in Krümmel und Brunsbüttel beteiligen will".

Restlaufzeiten alter Meiler: Gabriel legt nach

Trauernicht ließ erklären, die Entlassung werde keinen Einfluss auf die Aufklärung der Vorgänge haben. Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn warf dem Konzern nach wie vor "Lügen durch Desinformation" vor. Die Bundestagsfraktion der Grünen nannte Thomauskes ein "Bauernopfer", das den Lizenzentzug für Krümmel und Brunsbüttel verhindern solle. Beides hatten Politiker in den vergangenen Tagen angedroht - wobei es sich nach SPIEGEL-ONLINE-Recherchen um eine hohle Drohung handeln dürfte.

Vattenfall kündigte heute an, noch in dieser Woche eine Expertengruppe mit hochrangigen Vertretern aus Technik und Wissenschaft einzusetzen und dafür fünf Millionen Euro bereitzustellen. Die Gruppe soll eine Gesamtanalyse vornehmen und Verbesserungsvorschläge erarbeiten, die lückenlos umgesetzt werden sollen. Nach Informationen der "taz" sind bisher der Atomforscher Adolf Birkhofer und der Atomlobbyist Peter Hirt als Mitglieder benannt. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisierte die einberufene Kommission schlicht als überflüssig.

Bundesumweltminister Gabriel interpretierte die Maßnahme gar "als Einstieg in die Diskussion darüber, dass ältere Atomkraftwerke früher vom Netz gehen und ihre Restlaufzeiten auf jüngere Anlagen übertragen werden sollten".

Dass die Krümmel-Krise längst nicht ausgestanden ist, dafür lieferte heute Vattenfall selbst den Beleg - durch die Bekanntgabe eines weiteren "meldungspflichten Ereignisses" aus dem Kraftwerk. Dort seien "weitere falsche Dübel entdeckt worden", hieß es in einer Presseerklärung.

Schon in der vergangenen Woche hatte Vattenfall eingestehen müssen, dass Bauteile eines falschen Typs verwendet worden sind. Nach der heutigen Meldung stufte das schleswig-holsteinische Sozialministerium das Ereignis von der Kategorie "N" (Normal) auf "E" (Eilt) hoch. Damit wird es als möglicher Hinweis auf einen systematischen Fehler gewertet. "E" betrifft Ereignisse, die die Sicherheitstechnik potentiell betreffen - aber nicht unmittelbar. Ihre Ursachen müssen in angemessener Frist behoben werden. Akute Mängel in der Sicherheitstechnik fallen hingegen unter die Kategorie "S" (Sofortmeldung). Eventuell müssten alle 630 Dübel dieses Typs in der Anlage untersucht werden, sagte ein Sprecher des Ministeriums.

Krümmel ist seit der Pannenkette Ende Juni vom Netz - in der vergangenen Woche waren dann erste falsche Dübel entdeckt worden. Sie sind wichtig, weil sie Arbeitsbühnen in einem Raum mit Notstromaggregaten halten und auch beispielsweise im Falle eines Erdbebens zuverlässig halten müssen. Im hessischen Atomkraftwerk Biblis stehen wegen Tausender falsch montierter Dübel beide Blöcke schon seit Monaten still.

Die Bundesregierung hat heute die internationale Atomenergieorganisation (IAEO) eingeladen, Mitte 2008 die Atomaufsicht von Bund und Ländern zu überprüfen. Dazu soll ein zwölfköpfiges Expertenteam aus dem Ausland etwa zwei Wochen lang im Bundesumweltministerium und im Umweltministerium Baden-Württemberg kontrollieren, wie die Behörden ihre Aufgaben zur Aufsicht über die Sicherheit der Atomkraftwerke wahrnehmen. Dazu haben Bundesumweltminister Gabriel und seine Amtskollegin aus Baden-Württemberg, Tanja Gönner (CDU), die IAEO-Sachverständigen eingeladen. "Unser gemeinsamer Anspruch ist - unbeschadet unterschiedlicher Positionen zur Kernenergie -, dass der Schutz von Mensch und Umwelt vor nuklearen Gefahren und Risiken jederzeit auf möglichst hohem Niveau gewährleistet wird", schreiben sie, "auch im internationalen Vergleich".

stx/AP/ddp/dpa


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