1,8 Millionen Jahre alter Fund: Forscher entdecken früheste Faustkeile

Sie waren so scharf, dass sie Beine durchtrennen: Mit Faustkeilen konnten Frühmenschen in Afrika große Beutetiere zerlegen. Der Homo erectus stellte die Steinwerkzeuge wohl deutlich früher her, als angenommen - das zeigt ein Rekordfund in Kenia.

Faustkeil: Homo erectus nutzte bereits vor knapp 1,8 Millionen Jahren Werkzeuge aus Stein Zur Großansicht
DPA/ P.J. Texier/ MPK/ WTAP

Faustkeil: Homo erectus nutzte bereits vor knapp 1,8 Millionen Jahren Werkzeuge aus Stein

Hamburg - Der Frühmensch Homo erectus nutzte schon vor knapp 1,8 Millionen Jahren Steinwerkzeuge. Am Turkana-See in Ostafrika haben Forscher uralte Faustkeile entdeckt. Die Datierung habe ergeben, dass diese Funde deutlich älter seien als alle bisher bekannten Werkzeuge dieses Typs, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature". Zuvor in Äthiopien und Indien gefundene Faustkeile, die den bisherigen Altersrekord halten, sind höchstens 1,4 bis 1,5 Millionen Jahre alt.

Die nun in Kenia entdeckten Faustkeile gehören zur sogenannten Acheuléen-Kultur. Sie sind eindeutig bearbeitet worden; die Ränder sind durch mehrfaches Abschlagen von Gesteinsstücken geschärft und geglättet.

Als Erfinder solcher Steinwerkzeuge gelte meist der Homo erectus, schreiben Christopher Lepre von der Columbia University in New York und seine Kollegen. Er sei wahrscheinlich auch der erste Frühmensch, der Afrika verlassen und andere Erdteile besiedelt habe.

Werkzeug zum Zerlegen eines Beutetieres

Die Faustkeile hätten es Homo erectus in die Lage versetzt, von Raubtieren zurückgelassene Beutetiere zu zerlegen oder selbst Tiere zu jagen, erklärt Eric Delson vom Lehman College in New York, der nicht an der Studie beteiligt war. Man könnte damit ein Gelenk durchtrennen und beispielsweise ein Bein abtrennen, "Diese Werkzeuge ermöglichen es, ein Tier zu zerlegen, um es zu essen", sagt Delson.

Das hohe Alter der nun entdeckten Faustkeile wirft allerdings Fragen auf. "Wenn die ersten aus Afrika auswandernden Menschen bereits die Acheuléen-Technik beherrschten, dann sollte man erwarten, dass Belege für diese Kultur auch in anderen Teilen der Alten Welt verbreitet sind", schreiben die Forscher. Als älteste Spuren des Homo erectus in Eurasien gelten 1,8 Millionen Jahre alte Knochen aus Dmanissi in Georgien. Dort fand man aber nur weitaus primitivere Steinwerkzeuge.

"Die ersten eurasischen Frühmenschen könnten von einer afrikanischen Population abstammen, die diese Technologie noch nicht besaß", mutmaßen die Wissenschaftler. Die Acheuléen-Technologie müsse dann in einer zweiten, späteren Auswanderungswelle aus Afrika nach Eurasien gelangt sein.

Die jetzt datierten Acheuléen-Faustkeile stammen aus der Kokiselei-Ausgrabungsstätte westlich des Turkana-Sees. Sie waren 2007 mit Steinwerkzeugen primitiverer Machart entdeckt worden. Laut Datierung stammen beide Arten von Steinwerkzeugen aus der gleichen Zeit. Eventuell hat der Homo erectus damals zeitgleich mit dem primitiveren Homo habilis in der Region gelebt.

Wiege der Menschheit

Die Region um den Turkana-See im Ostafrikanischen Graben gilt als eine der "Wiegen der Menschheit". Dort hatte der Paläoanthropologe Richard Leakey bereits 1984 das Skelett eines halbwüchsigen, 1,5 Millionen Jahre alten Homo erectus entdeckt, den "Turkana Boy". Vor kurzem fanden Forscher dort einen weiteren, 1,7 Millionen Jahre alten Homo-erectus-Schädel. Belege für Acheuléen-Faustkeile aus dieser frühen Ära existierten zuvor jedoch nicht.

Die Forscher bestimmten das Alter der Faustkeile durch die magnetische Polung der Gesteinsschichten der Kokiselei-Ausgrabungsstätte. Im Laufe der Erdgeschichte hat sich die Polung des Erdmagnetfelds mehrfach umgekehrt. Gesteine konservieren die jeweilige Ausrichtung in einigen ihrer Mineralbestandteile. Durch die charakteristische Abfolge verschiedener Polungen im Untergrund lassen sich die Steinwerkzeuge also datieren.

Die Faustkeile fanden sich in einer Gesteinsschicht, welche die Forscher nun anhand der Polung auf ein Alter von 1,76 Millionen Jahre datierten. "Wir haben schon vermutet, dass Kokiselei eine ziemlich alte Fundstätte ist", sagt Lepre. Aber er sei dennoch überrascht gewesen, als die geologischen Daten ein so hohes Alter ergaben. "Sie deuten darauf hin, dass es die älteste Acheuléen-Fundstätte der Welt ist."

Als älteste Werkzeuge der Menschheit gelten gemeinhin bearbeitete Steine aus der Oldowan-Kultur. Sie bestehen aus einem einfachen groben Steinabschlag und wurden schon vor mehr als zwei Millionen Jahren genutzt.

wbr/dapd

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