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03. Dezember 2017, 16:16 Uhr

Festtagsbräuche

Wir sagen euch an den irren Advent

Eine Kolumne von

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass die Weihnachtszeit ein bisschen irre ist? Das stimmt. Und das liegt bei Weitem nicht nur an Konsumterror und Glühweinexzessen. Der Aberwitz sitzt viel tiefer.

Das, was heute so mancher mit Stolz in der Stimme als "christlich-abendländische" Tradition bezeichnet, ist an Aberwitz alles andere als arm. Ab dem heutigen Sonntag aber, dem ersten Advent, manifestiert sich dieser christlich-abendländische Aberwitz in seiner extremsten, komprimiertesten Form. Das glauben Sie nicht? Dann passen Sie mal auf.

Fangen wir mal mit dem ersten Advent an sich an. Dass der immer und grundsätzlich auf die Zeit zwischen dem 27. November und dem 3. Dezember - heute ist also der denkbar späteste erste Advent! - fällt, das haben vor knapp tausend Jahren ein paar Herren beschlossen. Herren mit Namen, die noch richtig nach Bischof klangen. Namen wie Roben mit Brokatbesatz. Azecho von Worms zum Beispiel. Thietmar von Hildesheim. Reginbald von Speyer. Und Walter von Verona, was für mich heute eher nach einem erfundenen Helden des Boulevards klingt.

Vorher hatte es mal vier, mal fünf und mal sechs Adventssonntage gegeben, unter anderem in Abhängigkeit davon, ob der Heilige Abend auf einen Sonntag fiel oder nicht. Manche wollten einen vierten Advent plus Heiligabend, andere fanden es auch okay, wenn beide auf den gleichen Tag fielen. Azecho, Thietmar, Walter und ihre Kollegen machten dem ein Ende, und zwar auf Wunsch des damaligen Kaisers. So wie sich Weihnachten heute der Macht des Marktes und des Konsums beugt, folgten die Bischöfe damals brav, wenn der mächtige Herrscher einen Wunsch äußerte.

Grölende Rentiere

Konrad der Zweite, der erste Salier, hatte nämlich keine Lust auf noch mehr Advent und verlangte, diese Festsonntage bitte schön standardmäßig auf vier zu begrenzen. Und so geschah es dann auch.

Die Adventszeit war, aus westeuropäischer Sicht heute schier unglaublich, damals eine Fastenzeit. Feiern war verboten. Nicht einmal festlich heiraten durfte man in den Wochen vor Weihnachten. Heute dagegen: Weihnachtsmärkte mit Glühweingelagen, Betriebsweihnachtsfeiern, auf denen uneheliche Kinder gezeugt werden, singende Mützen, grölende Rentiere. Zu denen kommen wir gleich noch mal.

Zur Erinnerung: Jesus Christus wurde angeblich am 25. Dezember des Jahres null geboren, was für sich genommen schon mit allergrößter Wahrscheinlichkeit Unsinn ist, dieser Meinung sind sogar die Theologen. So oder so, das Weihnachtsfest soll an diese Geburt erinnern, die Adventszeit die nötige Vorfreude und andächtige Erwartung herbeiführen. Nun wissen wir alle, wie weit es mit der Andacht heute her ist, und die Vorfreude beschränkt sich in der Regel auf diejenigen, die vor allem Geschenke bekommen und nicht viele besorgen müssen. Auf die Kinder also, wogegen natürlich wirklich nichts zu sagen ist.

Nikolaus, Retter vor dem Strich

Für die Kinder beginnt der Advent am 1. Dezember, wenn der Adventskalender angebrochen werden darf, und erreicht dann seinen ersten Höhepunkt am 6., wenn der Nikolaus kommt. Der war allerdings gut 300 Jahre nach Christi vermeintlicher Geburt Bischof - in einer Gegend, die an der heutigen türkischen Mittelmeerküste liegt.

Mir hat man als Kind erzählt, Bischof Nikolaus von Myra habe damals Kindern Geschenke aufs Fensterbrett gestellt. Heute weiß ich, dass ich damals, wie so oft in Glaubensfragen, nach Strich und Faden belogen worden bin. Die echte Legende handelt nämlich nicht von Kindern, sondern von drei Frauen, die ihr Vater aus Armut auf den Strich schicken wollte. Nikolaus soll nächtens Goldklumpen durch deren Fenster geworfen haben, sodass der Vater seine Töchter mit dieser Mitgift verheiraten konnte, und ihnen ein Schicksal als Prostituierte erspart blieb.

Das Christkind ist dick und hat einen Bart

Heute rast der ikonografisch-narrative Rest dieser Legendengestalt nachts mit einem von Rentieren - Mittelmeerrentieren? - gezogenen Schlitten voller Geschenkpakete, die Zwerge in einer Eishöhle am Polarkreis eingepackt haben, am Himmel entlang. Mit Lichtgeschwindigkeit. Kombinieren Sie dieses Bild bitte jetzt in ihrem Kopf mit der Geschichte von dem blonden - blonden! - Kind in der nahöstlichen Krippe.

Immerhin ist der Nikolaus heute erbarmungslos in die Weihnachtszeit eingemeindet, ja, er hat sich in eine Art erwachsenes, übergewichtiges Christkind mit beunruhigend gefärbter Nase verwandelt, dessen Kostüm von Werbegrafikern der Getränkebranche geprägt worden ist. Santa Claus is coming to town. Who cares about the Christkind? Und wenn es dumm läuft, wenn man als Kind also in der falschen Gegend wohnt, dann hat der doch eigentlich Jungfrauen vor dem Bordell rettende Bischof auch noch diesen Kerl mit der Rute dabei, Knecht Ruprecht. Vergebung der Sünden und so. Böse, böse Kinder! Spüren Sie die kognitive Dissonanz langsam?

Damit sind die vorweihnachtlichen Widersprüchlichkeiten noch längst nicht am Ende, was vor allem daran liegt, dass Weihnachten, so ähnlich wie Ostern, eigentlich bis heute ein notdürftig verkleidetes Sammelsurium diverser ganz unchristlicher Bräuche ist. Stichwort Wintersonnenwende, Stichwort Adventskranz, Stichwort Weihnachtsbaum, Stichwort Weihnachtsgans und so weiter.

Den Kirchen, die den ganzen Irrsinn ursprünglich ja angezettelt haben, kann man zugutehalten, dass sie die extremsten Auswüchse weihnachtlichen Konsumterrors jedes Jahr rituell verdammen - gern allerdings in einer Kirche, in der ein heidnischer Weihnachtsbaum steht und ein heidnischer Adventskranz hängt.

Wenn Sie also jedes Jahr wieder das Gefühl haben sollten, dass Weihnachten ein bisschen irre ist: Das stimmt. Machen Sie sich nichts draus. Machen Sie Ihre Kinder glücklich. Denen ist gedankliche Kohärenz egal. Und sie lieben Aberwitz.

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