Ausgegraben

Ausgegraben Tausend Jahre alte Stämme mitten in Hamburg entdeckt

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Helms Museum

Im Schatten der Nikolaikirche im Zentrum Hamburgs wird derzeit fleißig gebaut. Doch bevor ein neues Bürogebäude hochgezogen wird, richten sich alle Blicke erst einmal nach unten: in die Baugrube und damit tief zurück in die Vergangenheit der Stadt.

Die dunkelgraue Schicht im Boden ist glitschig. Streicht man drüber, bleibt eine feine Schleimschicht an den Fingern kleben. "Und nun stellen sie sich mal vor, sie müssten einen Wall hochklettern, der mit diesem Zeugs bestrichen ist", sagt der Hamburger Archäologe Kay Suchowa. "Während ihnen von oben Steine und Pfeile auf den Kopf regnen."

Die Schleimschicht ist feinster Kleiboden, gewonnen aus entwässertem Flussschlick. Wie unangenehm dieses Material sein kann, verrät schon sein Name: Klei komme vom mittelniederdeutschen Wort für kleben und bezeichne genau das, was dieser Boden an allem tue, mit dem er in Berührung komme, erklärt der Archäologe vom Helms Museum Hamburg.

Als äußerste Beschichtung für einen Burgwall ist er damit ideal; jedwede Steigung wird mit einer Kleischicht drauf praktisch unerklimmbar. Und der Wall, den Grabungsleiter Suchowa mit seinem Team in der Hamburger Innenstadt freigelegt hat, brauchte diesen Schutz: In ihm lag die Keimzelle Hamburgs.

Bernhard II. erkannte Bedeutung der Furt

Eine Burg hatte es an dieser Alsterschleife unweit des Rathauses zwar schon vorher gegeben: die Hammaburg, etwas weiter westlich auf einem Geestsporn gelegen. Doch nachdem zuerst die Wikinger und zuletzt wahrscheinlich noch einmal im Jahr 1018 die Obodriten die Hammaburg niedergebrannt hatten, war diese nur noch eine Ruine.

Dem sächsischen Herzog Bernhard II. (1011-1059) aber war klar, wie wichtig dieser Platz sein konnte: Über die Alsterfurt verlief der Ochsenweg, die wichtigste Handelstraße vom Heimatland der Wikinger im Norden zu den Märkten des Südens. Wer hier eine Burg platzierte, konnte diesen Handelsweg kontrollieren - und reichlich Gelder kassieren.

Der mittelalterlichen Chronist Adam von Bremen hatte Bernhards ältesten Sohn Ordulf für diese Neugründung Hamburgs gelobt. Doch Suchowa konnte nun eindeutig belegen, dass Ordulf zu Unrecht den Ruhm eingeheimst hatte. Das haben ihm die schweren Eichenstämme verraten, über denen der Wall aufgeschüttet wurde. "Einen einfachen Erdwall hätte der norddeutsche Dauerregen schnell flachgespült", erklärt Suchowa den inneren Aufbau der Verteidigungsanlage. "Also hat man Kästen aus Eichenstämmen gebaut und die Erde dort hineingefüllt - so blieb die ganze Konstruktion äußerst stabil."

Präzise Datierung mit Baumringen

Da der Boden an dieser Stelle, mitten im alten Alsterlauf, sehr feucht ist, lagen die Eichenstämme die vergangenen Jahrhunderte über fast außschließlich unter Wasser - und damit unter Sauerstoffabschluß: "Die sind so gut erhalten, als ob die Forstarbeiter Bernhards sie gestern erst gefällt hätten."

Die meisten der Stämme haben sogar noch ihre Rinde. So eignen sie sich für eine dendrochronologische Datierung - eine Bestimmung des Wachstums- und Fälldatums über die Abfolge der Baumringe. Suchowa ließ Datierungen an mehreren Stellen des freigelegten Walls vornehmen, und alle ergaben dasselbe Datum: Diese Eichen wurden im Winter 1023/24 gefällt. "Das ist für uns Archäologen in etwa so, als hätte jemand ein großes Schild an den Wall geschraubt: Diese Burg wurde im Jahr 1024 gebaut", freut sich der Ausgräber. Somit ist Adam von Bremen als Lügner enttarnt. Nicht Ordulf baute die Neue Burg im Jahr 1061, sondern sein Vater bereits 37 Jahre früher.

Und noch ein weiteres Bauwerk aus den Kindertagen Hamburgs legen Suchowa und sein Team derzeit auf dem Gelände am Hopfenmarkt frei: die Fundamente vom Neubau der Hauptkirche St. Nikolai aus dem 13. Jahrhundert. Auch für sie verwendeten die Baumeister dicke Eichenbalken. Den Verteidigungswall brauchte zu dem Zeitpunkt an dieser Stelle schon lange niemand mehr, die Kirche baute man einfach über die alten Reste. Auch sie steht, wie fast alle Gebäude der Hamburger Innenstadt, auf dicken Pfählen. Wo dabei die Eichenkästen des Walls im Weg waren, versetzte man einfach den entsprechenden Pfahl ein wenig zur Seite.

Aufstieg der Hansestadt

So wohnten die Hamburger sich Schicht für Schicht nach oben: Der heutige Straßenbelag liegt gut einen halben Meter über dem damaligen Kirchenboden. Wie jede Kirche hatte auch St. Nikolai ihre Gräber. Knochen haben die Archäologen allerdings nur wenige gefunden: "Die meisten haben die Bauarbeiter einfach weggeschmissen, als sie im 19. Jahrhundert den Keller für den Vorgängerbau aushuben." Die paar Knochen der frühen Hamburger, die Suchowa und sein Team trotzdem noch aus der Erde bergen konnten, hat der Grabungsleiter auf dem Friedhof von Rahlstedt neu bestatten lassen.

Noch bis zum Juni haben die Ausgräber Zeit - dann beginnt der Neubau an der Ecke des Hopfenmarktes. Doch die nächste Ausgrabung ist schon in Sicht: Vermutlich wird 2016 eines der Nachbargebäude ebenfalls erneuert.

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