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150 Jahre Sigmund Freud: Der Überschätzte

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Vor 150 Jahren wurde Sigmund Freud geboren - und ist heute wichtiger denn je, glaubt man den zahlreichen Gratulanten. In Wahrheit ist Freud für die Psychologie der Gegenwart irrelevant. Dennoch ist das Couch-Klischee aus den Köpfen der Menschen nicht wegzukriegen.

Es ist ein bisschen wie im Naturkundemuseum. Vor den Vitrinen mit 20.000 Jahre alten Höhlenzeichnungen stehen Besucher und sagen ungläubig: "Toll, was die schon alles konnten!" Vor 150 Jahren wurde Sigmund Freud geboren - und heute steht die Öffentlichkeit ebenso staunend vor seinem Lebenswerk: "Toll, was der schon alles konnte!" Freud werde "wiederentdeckt" heißt es überall, die Neurowissenschaften "bestätigten seine Theorien", Traumdeutung und Sexualtheorie erlebten "eine Renaissance".

Sigmund Freud: Was soll er nicht alles erfunden haben
AP/ Sigmund Freud Museum

Sigmund Freud: Was soll er nicht alles erfunden haben

All dies erfüllt Psychologen mit ungläubigem Staunen. Denn von der Freud-Renaissance, die scheinbar wie ein Wirbelsturm über Europa hinwegfegt, bekommen sie gar nichts mit. Freud spielt nicht einmal in ihrer Ausbildung eine Rolle. Zu Recht - denn Freuds Lehre, so formuliert es zum Beispiel Wolfgang Prinz, Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, "ist keine Wissenschaft". Die Psychoanalyse Freudscher Prägung ist ein quasi-literarisches Selbst-Deutungssystem, das sich der empirischen Prüfung weitgehend entzieht. Eines, das nicht nur wissenschaftstheoretischen Grundprinzipien zuwiderläuft, sondern auch noch auf teilweise frisierten, teilweise frei erfundenen "Beobachtungen" basiert. Das ist lange bekannt - tut der Begeisterung für den Jubilar aber keinen Abbruch.

Der Ödipuskomplex und die Mär vom gesunden Spinat

Die Psychoanalyse als Therapieform wird überwiegend von Medizinern betrieben, die selbst viel Geld und Zeit in eine Lehranalyse investiert haben - nicht von Psychologen. Ihre Anhänger führen seit vielen Jahren einen zunehmend verzweifelten Verteidigungskampf gegen andere Behandlungsformen. Vor allem die kognitive Verhaltenstherapie auf der einen und die medikamentöse Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen auf der anderen Seite setzen der Psychoanalyse zu.

Freud sei Goethepreisträger gewesen, lernen angehende Psychologen, "und zwar zu Recht - denn das ist ja ein Literaturpreis". Psychologiestudenten hassen es, auf Freud angesprochen zu werden. Gegen die - nicht zuletzt aufgrund der sensationell schlecht organisierten Außendarstellung der Psychologie selbst - zementierte Assoziation "Psychologie-Couch" hilft auch noch so viel händeringendes Argumentieren jedoch nichts. Ödipuskomplex und orale Phase gehören ebenso zur pseudowissenschaftlichen Folklore wie die (einem verrutschten Komma geschuldete) Behauptung, Spinat enthalte besonders viel Eisen.

Die wahren Väter der Disziplin kennt kaum jemand

Die moderne Psychologie verdankt Freud so gut wie nichts. Fragt man Psychologen, nicht Mediziner oder Literaturwissenschaftler, nach den wichtigsten Vätern der "Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen", wird man andere Namen zu hören bekommen. Edward L. Thorndike zum Beispiel. Sein "Law of Effect" ist die Basis aller modernen Lerntheorien und auch der wirksamsten Therapiemethoden, die die Psychologie bislang hervorgebracht hat (die Psychoanalyse zählt nicht dazu). Oder Wilhelm Wundt - der erste, der in Deutschland ein psychologisches Forschungslabor an einer Universität einrichtete. Oder Hermann Ebbinghaus, der im 19. Jahrhundert in mühevollen Selbstversuchen die sogenannte Vergessenskurve ermittelte - und damit den Grundstein für alles legte, was heute über das menschliche Gedächtnis bekannt ist.

Freud habe alles schon vorher gewusst, ist überall zu lesen, und die Neurowissenschaften würden das jetzt langsam merken. Sieht man aber genau hin, ist ziemlich dürftig, was von den Freudschen Voraussichten übrig bleibt.

Man wisse heute, dass die frühkindliche Entwicklung extrem wichtig für die Psyche des erwachsenen Menschen sei, genau wie Freud es gelehrt habe, heißt es beispielsweise. Was man heute für wichtig hält, ist die Plastizität des Gehirns Neugeborener: Geeignete Sinneseindrücke in den ersten Lebensmonaten sind wichtig, um ein effektiv arbeitendes und womöglich kreatives Denkorgan zu schaffen. An sexuelle Gefühle für die eigene Mutter, erotische Erlebnisse beim Breichen-Essen oder die Angst, seines Geschlechtsteiles beraubt zu werden, ist dabei nicht gedacht.

Alles soll er erfunden haben, der Arzt aus Wien

Eine direkte Linie von Freuds Ideen über die frühe Kindheit zu den derzeitigen Thesen zu diesem Thema zu ziehen, ist ungefähr so, als lobe man die mittelalterlichen Verfechter eines geozentrischen Weltbildes für ihre Weitsicht: Weil man ja inzwischen wisse, dass sich tatsächlich Himmelskörper umeinander drehen.

In der "Neuen Zürcher Zeitung" war kürzlich zu lesen, eine von Freuds "kontroversesten Thesen" sei gewesen, dass "wir Menschen … Tiere sind". Das überrascht, gilt die Evolutionstheorie doch eigentlich als Werk von Charles Darwin. Und erforscht wurden die tierischen Grundlagen menschlichen Verhaltens nicht auf einer Couch in Wien, sondern in den Rattenkäfigen von Edward L. Thorndike, John B. Watson und Burrhus Frederic Skinner. Mit so großem Erfolg, dass die aus ihren Ergebnissen abgeleiteten Erkenntnisse - als Basis der Verhaltenstherapie - auch heute noch zahllosen Menschen helfen, mit Ängsten, Sucht und anderen psychischen Problemen fertigzuwerden. Aber Rattenforschung ist nicht sexy.

Auch die Libido soll gerade wiederkehren - als universelle Triebkraft menschlichen Verhaltens, im Gewand des Dopamin-Belohnungssystems im Gehirn. Das Belohnende als allgemeines, verhaltensformendes Grundprinzip aber wurde von Pawlow, Thorndike, Skinner erforscht, und nicht von Sigmund Freud. Der beschränkte sich darauf, das Sexuelle als Universaltreibstoff zu postulieren - und degradierte dabei andere Belohnungen wie Nahrung oder elterliche Zuwendung zu Spielarten des Geschlechtlichen.

Auch das Unbewusste ist keine Idee von Freud

Als größte Leistung Freuds wird die Entdeckung des "Unbewussten" gefeiert, das heute, auf der Grundlage neurowissenschaftlicher Erkenntnisse, auch wieder eine Renaissance erleben soll. Tatsächlich jedoch war den großen Empirikern des 19. Jahrhunderts längst bekannt, dass viele Funktionen unseres Geistes ohne bewusstes Zutun ablaufen - nur zeichneten sie keine farbigen Bilder von in der Tiefe dämmernden Monstern, die heraufwollen ans Licht und von einem Zuchtmeister namens "Ich" im Zaum gehalten werden müssen.

Das Unbewusste der modernen Psychologie und Neuropsychologie entspricht viel eher dem, was beispielsweise William James in den "Principles of Psychology" 1890 als "habit" beschrieb: "Geistig abwesende Personen gehen zuweilen auf ihr Zimmer, um sich zum Abendessen umzuziehen, legen dann aber ein Kleidungsstück nach dem anderen ab und gehen schließlich zu Bett, nur weil das die gewohnheitsmäßige Folge der ersten Bewegungen ist." Dass wir vieles tun können, ohne dass dazu bewusste Kontrolle nötig wäre, war für die Pioniere des Fachs eine Selbstverständlichkeit. Ebenso wie die Tatsache, dass Urteile und Denkprozesse von nicht-bewussten Vorgängen beeinflusst werden. Freud hat das Unbewusste nicht erfunden - er hat es nur mit Sex, Aggression und Todestrieb gefüllt und so provokativ und damit Mainstream-fähig gemacht.

Natürlich ist Freud nicht bedeutungslos - er hat seinen Platz als Wegbereiter des Gedankens, dass man Menschen im Gespräch heilend zur Seite stehen kann, als Tabubrecher und vor allem als Ideengeber für die großen Theoretiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Lacan, Barthes, Derrida, Foucault. Es ist also mehr als angebracht, seiner zum Hundertfünfzigsten zu gedenken - aber nicht als Vater und Vordenker der modernen Psychologie. Vielleicht schaffen es deren wahre Begründer, bis zu Freuds Zweihundertstem ein bisschen aufzuholen.

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