2000 Jahre Medizingeschichte Schatzkiste der Anatomie

Es sind einzigartige Einblicke in das Leben: Eine britische Stiftung hat Zehntausende Medizinfotos und -zeichnungen im Internet veröffentlicht. Die Bilder zeigen Menschen und Tiere aus unerwarteten Perspektiven. SPIEGEL ONLINE präsentiert eine Auswahl.


Wenn es um Bildrechte geht, kennen Fotoagenturen meist kein Pardon. Wer ein Foto im Internet veröffentlicht, ohne die Erlaubnis des Rechtinhabers zu haben, muss zahlen. Die britische Stiftung Wellcome Trust hingegen hat nun Zehntausende der von ihr gesammelten Medizinfotos im Internet veröffentlicht - zur freien Nutzung, solange diese keinen kommerziellen Hintergrund hat.

Ölgemälde von Florence Nightingale, eine Zeichnung, die Charles Darwin als Affen zeigt, mikroskopische Aufnahmen von Spermien, die in eine Eizelle eindringen - das sind nur einige Beispiele aus der Bildersammlung, die allein 40.000 aktuelle Aufnahmen aus der klinischen und biomedizinischen Forschung umfasst. Dazu kommt noch ein wahrer historischer Schatz: Tausende teilweise Jahrhunderte alte Aufnahmen und Zeichnungen, die ebenfalls auf der Webseite von Wellcome Images abrufbar sind.

Wellcome Images hat die Bilder unter zwei verschiedene Nutzungslizenzen, sogenannte Creative Commons Licences, gestellt. Lehrer, Studenten, private Homepage-Betreiber können sie frei herunterladen und nutzen. Nur die kommerzielle Nutzung wird ausdrücklich untersagt. Wer ein Foto beispielsweise in einer Werbeanzeige verwenden will, braucht dazu die Zustimmung der Rechteinhaber und muss für die Nutzung zahlen.

Das restriktive Urheberrecht ist vielen Surfern schon seit langem ein Dorn im Auge, weil es ihrer Meinung nach den Austausch von Informationen und Wissen behindert. Die Creative Commons Licence soll den mitunter komplizierten Umgang mit Urheberrechten vereinfachen.

Die Datenbank sei ein "außerordentlich wertvolles Werkzeug für Lehrer und Forscher", sagte Catherine Draycott, Chefin von Wellcome Images. "Was ungewöhnlich an dieser Bild-Bibliothek ist, ist dass sie komplett frei ist." In der Tat verlangen Anbieter wie Getty Images oder das von Bill Gates gegründete Unternehmen Corbis für praktisch jede Nutzung Geld. Allerdings stellen auch immer mehr Fotografen ihre Arbeiten unter eine Creative Commons Licence und veröffentlichen sie beispielsweise auf Wikipedia beziehungsweise dem Ableger Wikimedia.

Leider arbeitet die Datenbank von Wellcome Images zurzeit sehr langsam - möglicherweise angesichts des ersten Ansturms neugieriger Nutzer. Und nicht alles Bildmaterial ist erstklassig: So findet sich in der Sammlung auffällig viel "art work" - stark nachbearbeitete oder gleich ganz per Grafiksoftware erstellte Werke. Sie mögen sich zur Illustration medizinischer Sachverhalte eignen, das Faszinosum des Wunders Leben transportieren sie nicht. Wer jedoch etwas länger stöbert, stößt tatsächlich auf Perlen - nicht nur aus der jüngeren Zeit.

Stiche und Skizzen entreißen der Anatomie ihr Geheimnis

So zeigen die vielen historischen Darstellungen, wie sich die Vorstellung des Menschen von seinem eigenen Körper in den vergangenen Jahrhunderten gewandelt hat: Eine Skelettdarstellung aus der "Anatomia Corporis Humani" (1685) zeigt einen Knochenmann mit Sanduhr in der Hand. Die Geste mag philosophisch inspiriert sein, die medizinische Erkenntnis erschöpft sich aber in der korrekten Anordnung der Knochen.

Doch der Wissensdrang moderner Anatomen fragte: Wozu sind die Organe gut, wie arbeiten sie zusammen? In einem Kupferstich aus dem Jahr 1707 (aus "The Work of Tobias") wird etwa der aufgeklappte Körper eines Mannes einem mehrstöckigen Haus gegenübergestellt - komplett mit metaphorischem Oberstübchen und Kanalisation im Keller.

Es war jener Drang, vom Körper des Menschen eine möglichst naturgetreue Landkarte zu zeichnen, mit der die moderne Medizin begann. Nicht zufällig werden in der Wissenschaftsgeschichte der frühen Neuzeit der flämische Anatom Andreas Vesalius (1514-1564) und sein Landsmann, der Kartograf Gerhard Mercator (1512-1594), in einem Atemzug genannt: Während Mercator mit seiner akkuraten Projektion der Kontinente die äußere Welt ordnete, leitete Vesalius den Blick in den Körper hinein. Seine anatomischen Stiche von Innenansichten menschlicher Körper popularisierten Leichenschau und Sektionen. Jahrhundertelang war dieses Vordringen der Wissbegierde in den vermeintlich heiligen (weil Gott ebenbildlichen) Körper des Menschen streng verboten gewesen.

Wie die Medizin sich nach dem Perspektivenwechsel der Moderne zur Wissenschaft aufschwang, zeigen unzählige Abbildungen aus Lehrbüchern und historische Fotos in der digitalen Bibliothek des Wellcome Trust: Von der berühmtesten Krankenschwester des Krimkrieges, Florence Nightingale (1820-1910), welche die Hygienevorstellungen in Lazaretten revolutionierte, über den Penicillin-Entdecker Alexander Fleming (1881-1955) in seinem Labor bis hin zu mikroskopischen Blicken ins Innere unter die Haut des Menschen und ins Innere seiner Organe.

hda/stx



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