Nanotechnologie Umweltschützer warnen vor Nano-Invasion in Lebensmitteln

Gut rieselndes Salz und Getränke, die den Körper effektiv mit Vitaminen versorgen - das und mehr versprechen sich Lebensmittelfirmen von Nanopartikeln. Umweltschützer befürchten hingegen, dass die Mini-Teile Krankheiten auslösen könnten - und fordern ein Verkaufsverbot.

Wursttheke: Geschmacks-, Farb- und Konservierungsstoffe in Nanokapseln sollen dafür sorgen, dass der Brotbelag besser aussieht und nicht so schnell gammelt.
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Wursttheke: Geschmacks-, Farb- und Konservierungsstoffe in Nanokapseln sollen dafür sorgen, dass der Brotbelag besser aussieht und nicht so schnell gammelt.

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Den Dingern ist überaus schwer beizukommen - und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen liegt das daran, dass sie so unglaublich klein sind: Den zehnmillionsten Teil eines Meters messen Nanopartikel nach einer gängigen Definition; dagegen wirken selbst Bakterien groß. Mit klassischen Lichtmikroskopen bleiben die Teilchen deswegen unsichtbar. Wer sich auf ihre Spur machen will, muss schon mit einem Elektronenmikroskop anrücken - und braucht selbst dann Ausdauer: "Nanopartikel unter einem Mikroskop zu finden, das ist Glückssache", sagt Rolf Hertel vom Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR).

Doch schwer fassbar sind Nanoteilchen auch noch aus einem anderen Grund, jedenfalls in der Lebensmittelindustrie. Denn kaum jemand weiß so recht, wo sie derzeit zum Einsatz kommen. Es gibt Vermutungen, immerhin: "Weltweit sind schätzungsweise bereits bis zu 600 Lebensmittel mit Nanozusätzen auf dem Markt", warnt Wilfried Kühling, der Chef des Wissenschaftlichen Beirates der Umweltschutzorganisation BUND. "Weil es keine Kennzeichnungspflicht gibt, weiß man nicht, in welchen Produkten Nanomaterialien enthalten sind."

Kühling und seine Kollegen haben am Dienstag in Berlin ein Gutachten vorgestellt, in dem sie vor den Gefahren der Nano-Technologie warnen. Der Bericht basiert allerdings nicht auf Laboranalysen von Produkten, sondern auf Literaturrecherche. Und die ist alles andere als einfach, bemüht sich doch die Industrie, möglichst wenig Konkretes zum Thema verlauten zu lassen. Man hat Angst vor einer Nano-Panik unter den Konsumenten - und will kein Debakel wie bei der Gentechnologie erleben. In der Tat zeigen Verbraucher erste Zeichen von Nano-Unwilligkeit. Bei einer BfR-Befragung lehnten zum Beispiel 84 Prozent der Befragten Nanopartikel ab, die Lebensmittel länger frisch aussehen lassen.

Es sind ihre besonderen Eigenschaften, die die Mini-Teilchen so interessant machen. Vor allem sind die Wirkstoffe in Nanogröße chemisch und biologisch oft deutlich reaktionsfreudiger als mächtigere Partikel desselben Stoffs. Das liegt unter anderem daran, dass sie bei gleichem Volumen eine weit größere Oberfläche haben. Durch ihre Reaktionsfreudigkeit, so befürchten Kritiker, werden die Nano-Teile besonders gut vom Körper aufgenommen - und könnten sich dort ansammeln. Auch über Entzündungen und mögliche Erbgutschädigungen in Zellen, verursacht durch Nanopartikel, wurde berichtet. "Die möglichen Gefahren sind kaum untersucht", warnt Patricia Cameron vom BUND.

Bei den Risikoforschern vom BfR bemüht man sich, den Ball flach zu halten. Negative Effekte seien zwar in einigen Laborversuchen aufgetreten, sagt Toxikologe Rolf Hertel, doch das bedeute nicht viel. "Der menschliche Körper besteht als ganzer Organismus. Die Frage ist: Kommt die Substanz überhaupt in der Zelle an?"

Auf den Spuren der Nano-Zusätze

Auch die Lebensmittelindustrie sieht keine ernsthafte Gefährdung. Und außerdem: "Wir sehen keine Nanoflut auf die Konsumenten zurollen", beteuert Sieglinde Stähle vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL). Es sei "keineswegs so, dass auf Hochtouren geforscht" werde.

Dabei bieten die Mini-Teilchen zumindest auf dem Papier durchaus interessante Vorteile: Bei der Wurstherstellung sollen Geschmacks-, Farb- und Konservierungsstoffe in Nanokapseln dafür sorgen, dass der Brotbelag besser aussieht und nicht so schnell gammelt; in Sportgetränken sollen sie sicherstellen, dass Vitamine und andere Zusatzstoffe tatsächlich ihre Wirkung entfalten.

Und bei Ketchup, Gemüsebrühe und Salz zum Beispiel können Nanoteilchen dazu eingesetzt werden, die Fließ- und Rieseleigenschaften der Produkte zu verbessern. Siliziumdioxid, auch bekannt als Kieselsäure oder E551, findet dafür schon lange Verwendung. Doch nun können die Partikel kleiner und wirksamer sein als jemals zuvor - nanoklein.

Beispiel Ketchup: Als einen Hersteller von Nano-Siliziumdioxid, das als Fließhilfe für die oft störrische Tomatenpampe angepriesen wird, gibt der BUND-Bericht die Firma Evonik, ehemals Degussa, an. Doch Endkunden, sind dort nicht in Erfahrung zu bringen. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE heißt es aus der Essener Zentrale, das Unternehmen liefere nur an Zwischenhändler, wer das Produkt am Ende einsetze, wisse man nicht.

Im Übrigen könne von "Nano" beim Evonik-Siliziumdioxid gar keine Rede sein. Die vom Unternehmen gelieferten Inhaltstoffe würden auf dem Weg zum Kunden quasi verklumpen - und seien "agglomeriert" jeweils größer als ein Mikrometer. Dann folgt allerdings eine Einschränkung: "Die Partikelgröße im Endprodukt hängt dann vom Einsatz beim Kunden ab."

Bei verschiedenen Ketchupherstellern will man von Nano-Zusätzen nichts wissen. "Es gibt keine Patente und es gibt keine Produkte", erklärt zum Beispiel eine Unternehmenssprecherin von Kraft Foods auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Setzen wir nicht ein", lautet die knappe Antwort bei Heinz-Ketchup. Und bei Werder-Ketchup, einem kleineren Produzenten vor den Toren Berlins, heißt es lapidar: "Von so einem Stoff haben wir noch nie gehört."

Obwohl ihnen viele Belege fehlen, sind sich die BUND-Experten in ihrem Bericht sicher: "Synthetische Nanomaterialien haben bereits Einzug in unseren Alltag gefunden." Damit Verbraucher das auch erkennen können, fordern sie deswegen eine klare Kennzeichnung der entsprechenden Produkte. Doch die Lebensmittelhersteller, die daran im Übrigen kaum ein Interesse haben können, winken ab: "Ein Etikett 'Nano-Lebensmittel' wäre genauso falsch wie 'nano-frei'", sagt Verbandsfunktionärin Stähle. "Weil es beides nicht gibt." Eine Kennzeichnung sei bestenfalls im Einzelfall möglich.



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