Aachen Grenzregion auf Reaktorunfall schlecht vorbereitet

Bei einem Nuklearunfall in einem grenznahen Kernkraftwerk würden die Behörden aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden nicht gut zusammenarbeiten, heißt es in einer neuen Studie. Deutschland will nun den Notfallschutz prüfen.

Kernkraftwerk Tihange
DPA

Kernkraftwerk Tihange


Wenn es in Belgiens maroden Kernkraftwerken zu einem Unfall kommen würde, wären auch Zehntausende Deutsche und Niederländer betroffen. Doch die Behörden sind nicht ausreichend vorbereitet, heißt es in einer Studie.

Die Katastrophenhilfe in der Grenzregion würde nicht gut funktionieren, warnte der niederländische Untersuchungsrat für Sicherheit in einem in Den Haag vorgelegten Report. Die drei Länder müssten ihre Katastrophenpläne besser abstimmen und die Bürger klarer informieren.

Anlass der Studie war die große Unruhe über schwere Sicherheitsmängel bei den zwei belgischen Kernkraftwerken Tihange nahe Aachen und Doel bei Antwerpen. Deren Sicherheit ist wegen Tausender feiner Risse umstritten, außerdem kommt es immer wieder zu Pannen.

In die Untersuchung wurden außerdem das niederländische AKW Borssele und das deutsche Kraftwerk Emsland einbezogen. Bei einem Nuklearunfall wären Zehntausende Menschen auch in den jeweils angrenzenden Ländern betroffen.

Obwohl die Sicherheit der Kraftwerke selbst gar nicht untersucht worden war, heißt es in dem Bericht: "Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls bei einem Atomkraftwerk ist gering". Der Vorsitzende des Untersuchungsrates, Tjibbe Joustra, sagte: "Das internationale System von Kontrolle und Aufsicht funktioniert sehr gut".

Doch beim Schutz der Bürger ginge einiges schief: "Der Untersuchungsrat stellt fest, dass die Zusammenarbeit auf Papier zum Teil geregelt ist, aber wahrscheinlich nicht gut verlaufen wird, wenn tatsächlich ein Nuklearunglück geschieht."

Kaum gemeinsame Übungen

So ergreifen etwa alle drei Länder unterschiedliche Maßnahmen, um Bürger vor Strahlungen zu schützen. Und so könnte es passieren, dass Deutschland ein weitaus größeres Gebiet evakuiert als Belgien, oder dass ein Land mehr Jod-Pillen verteilt als das andere. "Um Panik und Unruhe zu verhindern, müssen Bürger klar und eindeutig informiert werden", forderte der Vorsitzende Joustra. Völlig unklar ist auch, wer im Notfall entscheidet. Und es gibt kaum gemeinsame Übungen.

Die Katastrophenschutzpläne müssten angepasst werden, fordert auch der Chef der Aachener Städteregion, Helmut Etschenberg. Bei einem atomaren Unfall in Belgien würden sich viele Menschen aus Belgien nach Osten, also weg vom Kernkraftwerk, in Sicherheit bringen. "Die Kurzschlussreaktion bei vielen Menschen ist ja: Ins Auto setzen und losfahren. Die kommen ja bei uns an. Und das ist bisher in den Katastrophenschutzplänen nicht berücksichtigt."

Es gebe aber kleine Schritte zur besseren Zusammenarbeit. In allen Leitstellen der Dreiländerregion würden bereits alle drei Sprachen gesprochen.

Umweltministerium prüft besseren Notfallschutz

Das Bundesumweltministerium kündigte an, die Studie auf mögliche Verbesserungen beim Notfallschutz zu prüfen. Das Ministerium dränge seit Jahren darauf, die Planungen in Europa besser anzugleichen. Zur Verbesserung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gebe es einen guten Austausch mit den Nachbarländern.

Vor allem in der Aachener Region ist die Furcht vor einem Atomunfall in Belgien groß. Das mangelhafte Kraftwerk Tihange liegt nur 70 Kilometer entfernt. Politiker und Kommunen fordern schon lange die Abschaltung des "Pannenreaktors" und strengten bereits mehrere Klagen an.

Im Juni 2017 hatten noch Zehntausende Atomkraftgegner aus allen drei Ländern mit einer Menschenkette demonstriert. "Die Behörden müssen die Sorgen der Bürger ernstnehmen", mahnte nun auch der Vorsitzende des Untersuchungsrates, Joustra.

Die niederländische Aktionsgruppe "Stop Tihange" forderte ebenfalls mehr Katastrophenschutzübungen und beklagte, dass der Rat von der Sicherheit der Reaktoren ausgeht. "Wie können sie das sagen? Sie haben das doch gar nicht untersucht", sagte der Vorsitzende Jos Gulikers. Er verwies auf wissenschaftliche Studien, denen zufolge die Sicherheit der belgischen Reaktoren eben nicht garantiert werden könne.

Eine Studie im Auftrag der Städteregion Aachen war zu dem Schluss gekommen, dass bei einem Reaktorunfall in Tihange das Grenzland, weite Teile des Rheinlands verstrahlt und die Stadt Aachen sogar unbewohnbar werden könnte.

Annette Birschel und Elke Silberer, dpa/brt

insgesamt 56 Beiträge
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Nachtsegler 31.01.2018
1. Hauptsache,
sichere deutsche AKWs werden dicht gemacht. Wenn mal der Wind nicht weht und auch die Sonne nicht scheinen mag, können wir Strom aus Belgien, Frankreich oder sonst wo her gut brauchen. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass unser Stromnetz, laut der neuen Grünen - Vorsitzenden, hervorragend dazu geeignet ist, Strom zu speichern.
betonklotz 31.01.2018
2. Wie sollte eine solche Voerbereitung denn auch aussehen?
Fakt ist, daß man bei einer echten Havarie schlicht nichts mehr machen kann. Luft anhalten und sich entgegengesetzt zur aktuellen Windrichtung absentieren ist das einzige was dann noch zu tun übrig bleibt.
tatsache2011 31.01.2018
3. internationales System von Kontrolle und Aufsicht?
"Das internationale System von Kontrolle und Aufsicht funktioniert sehr gut", sagt der Atom-Experte uns frech ins Gesicht. Darauf können wir uns verlassen. In Fukushima hat dieses internationale System sehr gut funktioniert. Die vertriebenen Japaner wissen es besser.
Flauschie 31.01.2018
4. Das Kohlekraftwerk Weisweiler ..
.. ist einer der groessten Dreckschleudern der Republik. Niemand hat die Grenzregion gefragt, ob die Abgase in Ordnung sind - und das seit 63(!) Jahren. Die Frage nach der Sicherheit von den in der Naehe liegenden AKWs im Vergleich ist fast absurd. Die Sicht auf's Kraftwerk Weisweiler hat mich meine ganze Jugend begleitet. Mir waere ein AKW ohne Arsen, Schwelfdioxid, Feinstaub, Chlor, Quecksilber und sonstigen Emissionen deutlich lieber gewesen. Wieso muss die Deutsche Presse eigentlich andauernd Ihre Meinung indoktrinieren? Frankreich ist auch heute immer noch keine nukleare Hoelle. Wieso eigentlich? (Japan ist es auch nicht)
igel-online 01.02.2018
5. Wir können
uns eigentlich ganz entspannt zurück lehnen. Als in den 70ern die Anti-Atom-Bewegung entstand, erklärte die Nuklearindustrie breitbeinig, ein Supergau könne sich statistisch nur alle 25.000 Jahre ereignen. Alles andere sei hysterische Panikmache. Mittlerweile haben wir bereits 3 Gaus hinter uns - da brauchen wir uns dann ja frühestens im Jahr 77018 wieder Gedanken darüber zu machen.
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