Abgelehnte Studie Macho-Gutachten empört Forscherinnen

Zwei Forscherinnen reichen eine Arbeit zur Begutachtung bei einem Fachmagazin ein - und bekommen eine mit frauenfeindlichen Sprüchen garnierte Ablehnung zurück. Inzwischen hat sich der Verlag dafür entschuldigt.

Kein Mann unter den Autoren? Das ist schlecht, meint ein Gutachter
Corbis

Kein Mann unter den Autoren? Das ist schlecht, meint ein Gutachter


Es ist der ganz normale Ablauf bei seriösen wissenschaftlichen Verlagen: Forscher verfassen einen Artikel über eine ihrer Studien und schicken ihn an das Fachblatt. Dort wird das Paper kurz geprüft und anschließend zur Begutachtung an externe Wissenschaftler weitergereicht. Diese sollten sich mit dem Thema der Arbeit gut auskennen. Erst wenn der Artikel dieses sogenannte Peer-Review-Verfahren bestanden hat, wird er veröffentlicht. Das soll eine hohe Qualität sichern.

Die beiden Biologinnen Megan Head (Australian National University) und Fiona Ingleby (University of Sussex) waren genauso vorgegangen. Ihr Artikel beschäftigte sich mit Unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Forschern beim Verfassen wissenschaftlicher Aufsätze. Es ging unter anderem um die Anzahl der Artikel, die nötig sind, um nach der Promotion eine Postdoc-Stelle zu bekommen. Aber auch um die Anzahl von Studien, in denen jemand als Zweitautor auftaucht.

Die Arbeit von Head und Ingleby wurde abgelehnt. Das kommt vor. Doch der Kommentar des anonymen Gutachters empörte die beiden Forscherinnen so sehr, dass sie Auszüge davon auf Twitter publizierten:

"…suchen Sie sich noch ein oder zwei männliche Biologen", heißt es in dem Kommentar. So ließen sich Interpretationen vermeiden, die sich von empirischer Evidenz hin zu "ideologisch geprägten Annahmen" entfernten.

Auch ein Ergebnis aus dem eingereichten Artikel interpretierte der Gutachter in diesem Macho-Stil:

"Vielleicht ist es nicht überraschend, dass männliche Doktoranden häufiger als Zweitautor von Fachartikeln auftauchen als Doktorandinnen. Es ist ja auch so, dass männliche Studenten eine Meile schneller laufen können als weibliche."

Keine Frage: Genderfragen werden oft emotional diskutiert. Doch ein Gutachter sollte sachlich argumentieren, wie gut oder schlecht die eingereichte Studie auch war.

Die Postings der Biologin Ingleby machten in den sozialen Medien schnell die Runde. Viele empörten sich über den Macho-Kommentar.

Head und Ingleby wollten das Magazin selbst nicht nennen, bei dem sie ihre Studie eingereicht hatten. Offenbar handelt es sich dabei um ein Open-Access-Magazin des Verlags PLOS.

In einem Posting auf der Webseite retractionwatch.com entschuldigt sich zumindest einer der PLOS-Herausgeber, David Knutson. Man bedaure Ton und Inhalt des Review-Kommentars. Man nehme Peer Review sehr ernst und prüfe den Fall derzeit.

Der Verlag PLOS hat im Jahr 2014 nach eigenen Angaben mehr als 33.000 wissenschaftliche Artikel publiziert. Sie erscheinen in sieben verschiedenen Fachblättern, darunter "PLOS Biology" und "PLOS ONE". Am Peer Review seien mehr als 90.000 Gutachter beteiligt.

hda

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insgesamt 150 Beiträge
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Seite 1
Mathesar 30.04.2015
1. Sorry...
..die Kommentare empfinde ich nicht als sexistisch, sondern durchaus rational. Schon beim Thema habe ich geschluckt und die Kommentare lassen mich ahnen, wie es in der Ausarbeitung so zugeht.
spon-facebook-10000004408 30.04.2015
2.
"… suchen Sie sich noch ein oder zwei männliche Biologen", heißt es in dem Kommentar. So ließen sich Interpretationen vermeiden, die sich von empirischer Evidenz entfernten hin zu "ideologisch geprägten Annahmen". Ist dies nicht der Grund, weshalb in jedem noch so sinnlosen Gremium immer mindestens eine Frau sitzen muss? Damit die Jungs die armen Frauen nicht aus ihren Clubs ausschließen? Lustig was passiert, wenn man die Forderung umkehrt. Die Gender-Debatte entlarvt sich mal wieder selbst... Der zweite Kommentar aus der Peer Review ist hingegen tatsächlich dämlich und hat dort nichts verloren.
Fackus 30.04.2015
3. in der Tat
also ich den Artikel durchgesehen hatte, fragte ich mich: Und wo war jetzt der Skandal? Wenn sich eine Arbeit mit "Unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Forschern" befasst und nur Autorinnen auftauchen, hat der Verlag natürlich schlechte Karten, das Material unter die Leute zu bringen. Denn in der heutigen Zeit wittert wohl fast jeder Leser, dass da nicht unbedingt unvoreingenommen an die Sache gegangen wird. Man kennt das je zur Genüge. Das sind halt die Rückschläge in dem ganzen Gender-Hype, da müssen die mit leben.
123456789abc 30.04.2015
4. Ist doch interessant, womit Biologie sich befasst
früher wäre sowas glatt ein Thema für qualifizierte Soziologen gewesen. Der Vergleich mit der Geschwindigkeit beim Rennen ist natürlich recht dümmlich, aber wenn jemand sagt, dass eine auf den geschlechterunterschied abzielende Arbeit überzeugender ist, wenn beide Geschlechter einen nachweisbaren Einfluss haben, dann ist das nichts anderes als bei einer Berufungskommission immer zu verlangen, dass auch Frauen darin sind ... eben weil man einem Geschlecht allein (hier die Männer) keine Objektivität zutrauen kann. Ansonsten ist es prinzipiel Unfug, mit Auszügen aus einem Gutachten an die Öffentlichkeit zu gehen... wenn schon, dann muss alles veröffentlicht werden, damit sich Aussagen in den Kontext einordnen lassen--- hier wäre zentral zu beurteilen, ob sich die Schlussfolgerungen der Autorinnen empirisch belegen lassen/belegt wurden oder nicht. Von diesem zentralen Kriterium dürfen keine Spekulationen über die (ideologischen) Ursachen dieses eventuellen Problems ablenken.
annoo 30.04.2015
5. Sorry
Zitat von Mathesar..die Kommentare empfinde ich nicht als sexistisch, sondern durchaus rational. Schon beim Thema habe ich geschluckt und die Kommentare lassen mich ahnen, wie es in der Ausarbeitung so zugeht.
Sorry, aber nur weil Sie etwas nicht als sexistisch empfinden, heißt das ja noch lange nicht, dass es nicht sexistisch IST. Das Zitat "Vielleicht ist es nicht überraschend, dass männliche Doktoranden häufiger als Zweitautor von Fachartikeln auftauchen als Doktorandinnen. Es ist ja auch so, dass männliche Studenten eine Meile schneller laufen können als weibliche." finden Sie also wertneutral und sachlich??? Das lässt tief blicken. Sexismus sitzt offensichtlich deutlich tiefer als man so ahnt...
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