Erbgut-Analyse So erreichten die Aborigines Australien

Lange rätselten Forscher darüber, wie die australischen Ureinwohner auf den Kontinent kamen. Die Antwort darauf könnte in ihren Haaren liegen.

Aborigine im Arnhemland Reservat
REUTERS

Aborigine im Arnhemland Reservat


Die ersten Menschen erreichten Australien wahrscheinlich vor etwa 50.000 Jahren. So alt sind die ältesten menschlichen Skelette und Werkzeuge, die dort gefunden wurden. Doch wie sind die Menschen eigentlich dorthin gekommen?

Antworten liefert eine Haarsammlung von Aborigines, die nun im Fachblatt "Nature" analysiert wurde. Die überraschende Antwort: Alle Aborigines stammen wahrscheinlich von einer Population ab, die vor 50.000 Jahren den Kontinent erreichte. Innerhalb einiger Jahrhunderte haben sich die ersten Menschen in Australien demnach entlang der Küste ausgebreitet. Über die darauffolgenden Jahrtausende blieb die Population nahezu isoliert.

Für die Forscher ist die Erkenntnis ein Durchbruch, der erst durch Jahrzehnte alte Haare gelingen konnte. Wenn Forscher die Geschichte der Aborigines rekonstruieren wollen, haben sie ein Problem: Viele leben längst nicht mehr dort, wo ihre Vorfahren zu Hause waren. Im 20. Jahrhundert wurden viele zwangsumgesiedelt, Kinder wurden in einigen Fällen von ihren Familien getrennt. Dadurch hat sich das Erbgut der Ureinwohner durchmischt. Es ist deshalb schwer, den Zustand vor der Kolonialisierung zu untersuchen.

111 Haare liefern die Antwort

Die Haare von 111 australischen Ureinwohnern, die für die Studie analysiert wurden, wurden bereits zwischen 1926 und 1963 gesammelt. "Diese Sammlung ist der beste Weg, um die präkoloniale Geschichte der Aborigines zurückzuverfolgen", sagte Alan Cooper von der Universität in Adelaide, der an der Studie mitarbeitete. Die Forscher holten sich das Einverständnis der Nachkommen, die Proben untersuchen zu dürfen.

Das Erbgut zu extrahieren war besonders schwierig, da die Haare schon so alt sind. Ein weiteres Problem: Die Haare wurden mit der Schere geschnitten. Die besten Chancen, an Erbgut aus dem Zellkern zu kommen, haben die Forscher jedoch an den Haarwurzeln. Deshalb entschlossen sie sich dazu, die Mitochondrien in den Haarzellen zu untersuchen. Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zelle, auch sie enthalten Erbinformationen, allerdings nur von der Mutter.

Die Aborigines erreichten Australien vor 50.000 Jahren

Die Forscher verglichen die Proben aus den Haaren mit denen von Menschen aus anderen Teilen der Welt und fanden heraus: Die Aborigines stammen alle von einer Population ab. Das spricht dafür, dass sie innerhalb einer einzigen Wanderungswelle auf den Kontinent kamen.

DNA aus Mitochondrien kann zudem als eine Art molekulare Uhr genutzt werden, da sie sich vergleichsweise regelmäßig verändert. Die Forscher konnten so zurückrechnen, dass der letzte gemeinsame Vorfahre der untersuchten Aborigines vor etwa 50.000 Jahren gelebt haben muss. Das stimmt mit den ältesten archäologischen Funden überein.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Australien vor 50.000 Jahren noch eine Landmasse mit Neuguinea gebildet hat. Die ersten Aborigines könnten so über Südostasien nach Neuguinea und weiter nach Australien gelangt sein. Dort besiedelten sie in Gruppen den ganzen Kontinent.

Kern-DNA könnte neue Erkenntnisse liefern

Einmal niedergelassen, sind die einzelnen Gruppen aber offenbar in einer bestimmten Region geblieben und haben sich untereinander kaum vermischt. Die DNA aus den Mitochondrien liefert zumindest keine Hinweise darauf. Davon sind jedoch nicht alle überzeugt.

Peter Bellwood, ein Archäologe von der Australien National University, weist daraufhin, dass viele Gruppen von Aborigines ähnliche Werkzeuge benutzten und eine ähnliche Sprache teilten. "Wenn Menschen nicht wandern, warum sollten es dann Werkzeuge und Sprache können?", hinterfragt er in der "New York Times". Andere Forscher kritisieren, die DNA aus den Mitochondrien reiche nicht aus, um detaillierte Aussagen treffen zu können.

Neuere Erkenntnisse könnte das Erbmaterial aus dem Zellkern bringen. Genau dort wollen Cooper und sein Team jetzt ansetzen. Denn die Haarproben sind besser erhalten als gedacht und verfügen noch über DNA-Material aus dem Zellkern. Die Forscher wollen deshalb die Tests noch mal an DNA aus dem Zellkern durchführen. Sie sind bereits dabei, dafür die Erlaubnis der Nachkommen der Aborigines einzuholen.

"Ich selbst habe Aborigines als Vorfahren. Mein Großvater hat aber nie darüber gesprochen, weil er seiner Familie weggenommen wurde. Viele Leute in meiner Situation interessieren sich für ihre Geschichte. Dieses Projekt gibt ihnen die Möglichkeit dazu", sagte Ray Tobler, der ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat.

koe



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kenterziege 09.03.2017
1. Die Angabe in der Überschrift....
... "So erreichten die Aboriginies Australien" wird nicht beantwortet. Dass die Aboriginies etwa vor 50000 Jahren nach Australien kamen ist bekannt. Eine Landbrücke im heutigen Sinn hat es zwischen Indonesien und Australien sicher nicht gegeben. Aber es gab sicher wegen eines flacheren Meeres die Möglichkeit des "Inselhopping" mit primitivsten Schwimmgeräten. Dabei ist den Aboriginies sicher ihr außerordentliches Vermögen zum weiten Sehen zugute gekommen. Dies ist belegt durch den Einsatz der Aboriginies bei Walfängern, wo man Wale über weiteste Entfernungen aufspüren musste. Die weißen Siedler haben diese Fähigkeit genutzt. Die DNA-Untersuchungen sagen zur Überschrift nichts Neues.
tuvalu2004 09.03.2017
2. @kenterziege: Gutes weites Sehen ...
Gutes weites Sehen kann sich auch erst nach der Ankunft auf Australien entwickelt haben. Weites Sehen ist je nach Umwelt sicherlich ein evolutionärer Vorteil. Ob das Schwimmgerät "primitiv" sein muß ist reine Spekulation.
moewenzahn 09.03.2017
3. Primitiv ...
war zu der Zeit zu der Zeit noch ziemlich vieles, im Sinne des lateinischen Wortes, hier etwas frei übersetzt "zuerst gehen", aber ganz sicher sind die ersten Australier nicht auf einem Sack voller Kokosnüsse über die Timorsee geschippert. Lesenwertes Buch zu diesem Thema: "Nale Tasih" von R. Bednarik und M. Kuckenburg (1999). Der australische Archäologe hat mit vier weiteren Kollegen auf einem einfachen Bambusfloß in 13 Tagen die Überfahrt gewagt und Australien erreicht. Schaut man sich an, welchen technischen Stand die Europäer im Aurignacien vor ca. 40.000 Jahren hatten, dann ist das alles andere als primitiv im Sinne von "langhaarige halbnackte Dumpfbacken frieren in Höhlen und fürchten sich".
gerhard5260 10.03.2017
4. aus Südostasien...
"...könnten über Südostasien...nach Australien gelangt sein." Diese Mutmassung (!) ist schon fast eine Frechheit. Man schaue sich die Physiognomie dieser Menschen an. Weniger asiatisch kann man nicht aussehen.
Sissy.Voss 10.03.2017
5.
Zitat von gerhard5260"...könnten über Südostasien...nach Australien gelangt sein." Diese Mutmassung (!) ist schon fast eine Frechheit. Man schaue sich die Physiognomie dieser Menschen an. Weniger asiatisch kann man nicht aussehen.
Sie gehen davon aus, dass sich die Ostasiaten ebenso wie die auf dem australischen Kontinent "gestrandeten" Vorfahren der Aborigines nicht mit anderen Volksgruppen aus Asien mischen und dadurch verändern konnten? Diese Vermutung ist ziemlich tollkühn. Es ist immer eine Falle, heutige Zustände ("asiatisches Aussehen") zurück in eine so ferne Vergangenheit (50.000 Jahre) zu verlagern. Offene Populationen und völlig isolierte können sich völlig unterschiedlich entwickeln. Insbesondere, wenn es stimmt, dass "die einzelnen Gruppen aber offenbar in einer bestimmten Region geblieben und haben sich untereinander kaum vermischt" haben, kann man annehmen, dass die frühen Erbanlagen über lange Zeiten erhalten geblieben sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.