ADHS-Studie: Gendefekt im Ohr macht Mäuse hyperaktiv

Von Julia Merlot

M.W. Antoine/ C.A. Hübner/ J.C. Arezzo/ J.M. Hébert

Eine Doktorandin entdeckte zufällig hyperaktive Mäuse im Labor, untersuchte die Tiere und stellte fest: Verantwortlich für die Störung ist ein Genfehler im Innenohr. Die überraschende Beobachtung könnte helfen, ADHS-Therapien zu entwickeln.

Sie können kaum stillsitzen, sich nur schwer konzentrieren und überfordern Eltern, Mitschüler und Lehrer. Immer mehr Kindern erhalten die Diagnose ADHS und werden mit Psychopharmaka behandelt. Die Ursachen der psychischen Störung sind weitgehend unklar. Eine Studie an Mäusen im Fachmagazin "Science" zeigt nun einen kuriosen Zusammenhang: Ein Gendefekt im Innenohr kann Hyperaktivität auslösen.

"Wir haben eigentlich erwartet, dass eine Genveränderung im Gehirn verantwortlich ist", sagt Jean Hébert vom Albert Einstein College of Medicine in New York. Dass der Neurologe eines Besseren belehrt wurde, verdankt er einem Zufallsfund: Seiner Doktorandin Michelle Antoine war bei der Arbeit im Labor aufgefallen, dass sich einige Mäuse ungewöhnlich viel bewegten. Sie untersuchte die Tiere und stellte fest, dass sie alle einen Schaden am Innenohr hatten. Die Mäuse hörten nichts und waren ungewöhnlich wackelig auf den Beinen, Hörschnecke und Vestibularapparat, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, waren beschädigt.

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Maus-Studie: Das Rätsel Hyperaktivität

"Die Entdeckung bot eine gute Gelegenheit, den Zusammenhang zwischen Innenohrdefekten und Verhaltensauffälligkeiten zu untersuchen", sagt Hébert. Die Forscher identifizierten das fehlerhafte Gen im Innenohr der tauben Mäuse. Anschließend manipulierten sie es in verschiedenen Hirnbereichen von ansonsten gesunden Mäusen oder im gesamten zentralen Nervensystem (ZNS) und beobachteten die Tiere. Hébert berichtet: "Zu unserer Überraschung führte nur der Gendefekt im Ohr zu Hyperaktivität."

Einseitig taube Kinder fallen zuerst durch ADHS auf

"Dass ADHS und Ohrdefekte zusammenhängen könnten, spielte bislang in der Ursachenforschung kaum eine Rolle", sagt Roland Laszig, Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der Uniklinik Freiburg, der nicht an der Maus-Studie beteiligt war. "Es scheint aber plausibel." Defekte im Innenohr sind typischerweise angeboren und genetisch bedingt. Im Klinikalltag beobachtet Laszig, dass betroffene Kinder überdurchschnittlich häufig hyperaktiv sind. "Viele Kinder, die nur auf einem Ohr taub sind, fallen zunächst gar nicht wegen ihrer Taubheit auf, sondern wegen ADHS", so der Mediziner.

Erstmals direkte Hinweise, dass die Veranlagung für ADHS in den Genen liegen könnte, fanden Forscher 2010. ADHS ist die häufigste psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen und macht sich bei einigen Betroffenen auch im Erwachsenenalter noch als Gefühl innerer Unruhe bemerkbar. "Wahrscheinlich gibt es mehrere Ursachen", sagt Hébert. Neben den genetischen Faktoren werden psychische und soziale Einflüsse vermutet.

Einer neuen Therapie auf der Spur

In der aktuellen Studie führte die Suche nach der molekularen Ursache für den Bewegungsdrang der ADHS-Mäuse die Forscher schließlich doch ins Gehirn. In einer Region namens Striatum, die unter anderem die Ausprägung von Bewegungen steuert, erfassten sie die Menge von 26 Proteinen, die an der Signalweiterleitung beteiligt sind und verglichen sie mit der Proteinmenge in gesunden Mäusen. Auffällig hoch war in den tauben und hyperaktiven Tieren die Menge der Proteine pERK und pCREB. Offenbar treiben sie in großen Mengen das Striatum dazu, eine übermäßige Bewegung des Körpers zu veranlassen, schlussfolgern die Neurowissenschaftler.

Erhöhte pERK-Werte kennen sie bereits als Nebenwirkung von Psychostimulanzien, zu denen auch diverse Drogen wie Ecstasy oder Amphetamine gehören. Sie werden für andauernde Verhaltensänderungen bei Suchtkranken verantwortlich gemacht. Enzymblocker können die pERK-Produktion unterdrücken. Wendeten die Forscher die Substanzen bei hyperaktiven Mäusen an, verhielten diese sich wieder normal.

Die Ursachensuche geht weiter

Wie die Signale, die zum hyperaktiven Verhalten führen, vom Ohr ins Hirn gelangen, ist noch unklar. Die Forscher vermuten, dass es über die gleichen Wege geschieht, über die auch Audio- und Gleichgewichtsinformationen ins Gehirn geleitet werden. Unklar in der aktuellen Untersuchung bleibt auch, ab welchem Schweregrad ein Schaden im Innenohr sich auf den Bewegungsdrang auswirken kann.

"Unsere Ergebnisse werden nicht direkt zu neuen Behandlungsmethoden gegen Hyperaktivität führen", sagt Hébert. "Sie bieten aber die Möglichkeit genauer zu untersuchen, wie Defekte im Ohr oder im sensorischen System die Gehirnentwicklung langfristig beeinflussen." Laszig könnte sich vorstellen, den Ansatz weiter zu verfolgen: "Die Untersuchung bietet Anlass, bei ADHS-Kindern mit Innenohrstörungen nach Gendefekten zu suchen."

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insgesamt 25 Beiträge
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1. optional
kumi-ori 05.09.2013
Wenn dieser Gendefekt spezifisch auf das Ohr begrenzt ist, dann handelt es sich wahrscheinlich um cre-lox knockout-Mäuse. Beim Menschen wäre es zwar theoretisch denkbar, dass bestimmte Mutationen sich in einem bestimmten Organ ereignen, aber solche Mutationen könnten dann nicht vererbt werden.
2. ADHS gibt es gar nicht...
luxmeister 05.09.2013
...es handelt sich hier um Symptome die von keiner Krankheit verursacht werden sondern von falscher Ernährung (McDonalds, Limonade mit Aspartam usw) und falscher Lebensweise kombiniert mit wenig Sport und viel süchtig machender Freizeit (Fernsehen, handysüchtig, Internetsüchtig usw). Was fehlt ist ein reinigendes Gewitter: Armut, weniger zu fressen und TV glotzen!!! Sprich eine Mega Rezession, damit würden sich die ADHS Fälle in wenigen Monaten in Luft auflösen.
3. optional
Draalo 05.09.2013
adhs gibt e seit jahrtausenden. Nur heute ind die Lehrer zu chlecht bzahlt um ihren job gut zu machen... 35 schüler po klasse? Hartz IV umgebung? Danke Herr Koh! für IHRE vorbildliche bildungspolitik
4. Hier ist ein Denkfehler
aueronline.eu 05.09.2013
Denn das gleiche Symptom kann extrem viele Ursachen haben. Nach jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Thema ADHS und ads, also ohne dem Phänomen der hyperactivity, ist deutlich auszumachen, dass fast alle betroffenen Kinder und Erwachsene extrem gut hören, beidseitig. Vielmehr funktioniert die gesunde, teils genetisch bedingte, teils erworbene Fähigkeit nicht, sich angemessen gegen akustische reizen abzuschotten, sprich, irrelevante reize auszufiltern. Dem Innenohr die schuld zu geben an der sprichwörtlich en schusseligkeit der betroffenen funktioniert auch nicht. Denn in bestimmten Situationen sind sie meist motorisch überdurchschnittlich fähig. Dass labor Mäuse genetisch retardieren und schon wegen der Haltung denkbar ungeschickte Objekte zur Beobachtung von hyperactivity sind, ist der Artikel in meinem Erachten nichts wert. Hyperaktivitat kann so unendlich viele Ursachen haben, dass, selbst wenn das Innenohr und oder der Gleichgewichtssinn ursächlich wären, es völlig irrig ist zu glauben, dass die Symptomatik eine ADHS Symptomatik zeigt. Die ursachlichkeit im cerebrum ist eigentlich durch genügend Untersuchungen bestätigt, Kernspin, mrt, enzymaktivität in korrelierenden hirnarealen, zuckermetabolismus.... Meine Wissens sind mehr als sechzig Prozent der ADHSler lispelnd im Alter bis etwa acht Jahre. Wenn sie eine lispelnde Maus finden, hat sie deswegen noch kein ads.
5. jau
Leo68 05.09.2013
Jetzt macht man auch noch Tierversuche, um erfundene Krankheiten zu erforschen. Vor hundert Jahren wären sehr aktive Kinder noch Musterkinder gewesen, weil die nie müde wurden, wenn sie auf dem Bauernhof mitgeholfen haben. Heute müssen sie still sitzen und werden als krank bezeichnet. So ändern sich die Zeiten!
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ADHS bei Kindern und Erwachsenen
Diagnose
Bei Kindern und Jugendlichen wird ADHS von Kinder- und Jugendpsychiatern oder -psychotherapeuten mit Hilfe von speziellen Testverfahren und Fragebögen diagnostiziert. Zusätzlich werden noch neurologische Untersuchungen und Verhaltensbeobachtungen durchgeführt. Bei Erwachsenen sind die Kriterien für eine Diagnose im Wesentlichen die gleichen. Hinzu kommt, dass bei Erwachsenen die Symptome aber bereits das ganze Leben über schon bestehen.

Etwa ein Drittel aller ADHS-Kinder behalten die Störung ein Leben lang. Schätzungen zufolge leiden etwa drei Prozent aller Erwachsenen an der Aufmerksamkeitsstörung. Allerdings wandelt sich die Störung im Laufe der Jahre: Überaktivität und Impulsivität verschwinden meist mit der Zeit - Betroffene leiden dafür häufig unter einer allgemeinen Leistungs- und Konzentrationsschwäche.

Die Kriterien für die Diagnose sind im Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (DSM) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung sowie im Klassifikationssystem ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt. Die Neuauflage des DSM (DSM-5) soll die Kriterien künftig besser an die Beschwerden der Erwachsenen anpassen.
Symptome
Menschen mit ADHS haben oft erhebliche Schwierigkeiten im Alltag: Ihre Aufmerksamkeit ist gestört, besonders in Gruppen fällt es ihnen schwer, dem Gespräch zu folgen. Beim Lesen haben sie häufig Schwierigkeiten, sich auf den Inhalt zu konzentrieren und ihn auch zu behalten. Binnen kürzester Zeit vergessen sie ganze Passagen oder müssen eine Seite immer wieder von vorne beginnen.

Betroffene lassen sich auch leicht ablenken, haben einen starken Rededrang und schweifen gerne vom Thema ab - es ist auch schwer, sie zu unterbrechen. Ein fehlendes Zeitgefühl, Desorganisation, Unordnung können ebenfalls zu den klassischen Auffälligkeiten zählen. Manche Betroffene neigen dazu, diese Verhaltensmuster durch einen zwanghaften Perfektionismus überzukompensieren.

Weil ihre Gedanken häufig "kreuz und quer" laufen, arbeiten Erwachsene mit ADHS auch sehr langsam oder ihnen unterlaufen viele Flüchtigkeitsfehler. Betroffene gelten daher auch als besonders unfallgefährdet.

Die für die Kindheit typische Hyperaktivität kompensieren Erwachsene häufig durch ein großes Verlangen, Sport zu treiben. Bei anderen verwandelt sie sich dagegen in eine innere Unruhe - sich zu entspannen, fällt ihnen schwer.

Stimmungsschwankungen können die Folge sein. Ungeduld, Unsausgeglichenheit, Niedergeschlagenheit oder Euphorie wechseln sich häufig ab, die Betroffenen haben ihre Emotionen nur schlecht im Griff. Ebenso ist ihre Stresstoleranz eher gering. Da ihr Verhalten oft unberechenbar ist, haben Menschen mit ADHS häufiger Beziehungskonflikte.

Oft ziehen die ADHS-Symptome andere psychische Erkrankungen nach sich: Vor allem Frauen mit ADHS leiden häufig unter Depressionen.
Hilfe
Erwachsene werden ebenso wie Kinder mit dem Wirkstoff Methylphenidat (MPH) behandelt, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin. Allerdings gibt es bisher nur wenige Studien zu den Langzeiteffekten einer solchen Therapie. Dennoch lassen sich die Symptome mit Hilfe der Medikamente deutlich lindern. Insbesondere der Leidensdruck, den viele ADHS-Betroffene spüren, verringert sich dadurch. Doch erst seit April 2011 ist das Medikament auch für die Behandlung Erwachsener zugelassen. Allerdings dürfen nur Spezialisten den Wirkstoff verschreiben.

Auch psychotherapeutische Behandlungen können die Symptome mindern. In Einzeltherapien lernen die Patienten etwa, ihre Selbstwahrnehmung zu verändern und so wieder mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu gewinnen.