Ägyptens Antikenchef Hawass "Ich würde diesen Job liebend gerne hinschmeißen"

Sein Markenzeichen ist der Indiana-Jones-Hut: Ägyptens Altertumsminister Zahi Hawass steht seit den Plünderungen im Kairoer Museum unter Druck. Im Interview spricht er über die Schäden, die heftigen Vorwürfe gegen ihn - und seine Jagd auf Nofretete.

AFP/ SCA

SPIEGEL ONLINE: Herr Minister, während der Massenproteste vor drei Wochen gab es einen spektakulären Einbruch in das Ägyptische Museum in Kairo. Sie hatten ursprünglich erklärt, dass nichts gestohlen sei, räumten aber später ein, dass mehrere Exponate fehlen. Wie hoch ist denn nun der Schaden?

Hawass: Als ich am Morgen des 29. Januar in das Museum kam, war ich zunächst einmal erleichtert, dass keines der großen Meisterwerke fehlte. Was wir sofort feststellten war, dass 30 Glasvitrinen zerbrochen wurden und 70 Exponate beschädigt waren, davon 20 schwer beschädigt. Erst als wir eine umfassende Inventur durchführen konnten, stellte sich heraus, dass mehrere Objekte fehlen, darunter ein Teil einer vergoldeten Tutanchamun-Statue. Einige Objekte sind inzwischen wiedergefunden worden, acht fehlen noch.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie die Exponate wiedergefunden?

Hawass: Wir haben zwei alleine im Garten vor dem Museum entdeckt. Und dann hat uns am Donnerstag die Mutter eines 16-jährigen Schülers angerufen. Der Junge hat eine unschätzbare Pharao-Echnaton-Statue auf dem Tahrir-Platz gefunden, stellen Sie sich vor, zwischen zwei Müllcontainern! Das war der glücklichste Tag meines Lebens!

SPIEGEL ONLINE: Ist die Statue unversehrt?

Hawass: Ja, sie ist in gutem Zustand. Die Einbrecher waren zum Glück absolut dilettantisch, die haben nur nach Gold gesucht. Nicht nur in Kairo, auch auf Ausgrabungsstätten in Sakkara und Abusir; dort sind zwei Grabkammern aufgebrochen worden. Der Schaden dort ist aber übersichtlich. Insgesamt müssen wir Gott danken, dass diese Katastrophe halbwegs glimpflich abgelaufen ist.

SPIEGEL ONLINE: Halbwegs glimpflich?

Hawass: Stellen Sie sich mal eine Millionenstadt vor, in der für mehrere Stunden vollkommene Rechtlosigkeit herrscht, in der die Gefängnisse geöffnet wurden und es faktisch keine Polizei mehr gibt. Genau das ist in Kairo in der Nacht zum 29. Januar passiert. Bei so einem Horrorszenario hätte noch viel mehr zerstört und geraubt werden können.

SPIEGEL ONLINE: Hätte das Museum nicht trotzdem besser geschützt werden sollen?

Hawass: Was in Kairo passiert ist, hätte in New York, in London, in jedem Museum der Welt passieren können. Wie gesagt, unter der Wucht der Ereignisse müssen wir von einem Wunder sprechen, dass nicht noch mehr geraubt wurde. Im Übrigen frage ich mich das selber: Wo waren die Sicherheitskräfte in jener Nacht, wo war die Polizei? Warum war niemand zum Schutz des Museums abgestellt?

SPIEGEL ONLINE: Seit Tagen wird vor Ihrer Behörde demonstriert. Einige Archäologiestudenten fordern Ihren Rücktritt, weil Sie dem alten Regime zu nahe gestanden haben sollen. Ist das ein berechtigter Vorwurf?

Hawass: Hören Sie, diese jungen Leute demonstrieren aus einem einzigen Grund: Weil sie einen Job wollen! Nichts weiter. Tausende von jungen Archäologen in diesem Land sind arbeitslos. Wir haben viel zu viele Fakultäten, in denen am laufenden Band neue Archäologen und Ägyptologen produziert werden, viel mehr als gebraucht werden. Jetzt sehen diese Leute eine Chance, lautstark zu demonstrieren.

SPIEGEL ONLINE: Das ist doch ein verständliches Anliegen.

Hawass: Aber meine Behörde hat kein Geld. Woher soll ich die Jobs nehmen? Ich habe keine Kapazitäten, 500 neue Leute einzustellen. Und hier geht es um Tausende!

SPIEGEL ONLINE: Die Demonstranten werfen Ihnen auch vor, ein Mann Mubaraks gewesen zu sein.

Hawass: Unsinn, den Menschen da draußen geht es nur um einen Job! Oder um höhere Gehälter! Einige mögen mir auch anderes vorwerfen, aber dass die ausländische Presse solche Vorwürfe gleich als Fakt nimmt, ist beschämend. Ich bin kein Mann des alten Regimes, ich bin überhaupt kein Politiker, ich bin Wissenschaftler. Ich habe mitdemonstriert auf dem Tahrir-Platz und bin dort begeistert empfangen worden. Ich habe mich zeitlebens für die Museen und Schätze meines Landes eingesetzt und die Ägypter lieben mich dafür.

SPIEGEL ONLINE: Welches Verhältnis hatten Sie zum ehemaligen Präsidenten?

Hawass: Ich sage Ihnen das ganz offen, Mubarak war nicht der schlechte Mensch, als der er abgestempelt wird. Er war ein Kriegsheld und ein Mann des Friedens, er hat seine Verdienste. Aber ich sage Ihnen auch, dass es Zeit war für ihn, zu gehen. Ich kann nicht akzeptieren, dass ein Herrscher so lange an der Macht klebt. Aber muss ich ihn deswegen beleidigen, jetzt, wo er zurückgetreten ist? Jeder beleidigt jetzt jeden. Warum diese Respektlosigkeit?

SPIEGEL ONLINE: Die Protestbewegung hat es also zu weit getrieben?

Hawass: Nein! Nein! Die Demonstranten, die auf dem Tahrir-Platz waren, haben einen wundervollen Job gemacht. Ich war auch auf der Straße. Ich bin stolz auf diese Jugend, die sich die Freiheit und Demokratie auf die Fahnen geschrieben hat. Doch jetzt protestieren ganz andere Leute. Jeder sagt jetzt, was ihm in den Kram passt. Jeder kann jetzt sagen: Du bist ein Dieb! Du bist ein Spion!

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie die Rücktrittsforderungen ernst?

Hawass: Ich würde diesen Job liebend gerne hinschmeißen! Ich muss kein Minister sein! Ich bin ein Mensch, der in Grabkammern steigt, der im Sand wühlt. In normalen Zeiten hätte ich diesen Job nicht angenommen. Aber wir haben eine Ausnahmesituation. Es geht darum, Schäden zu beseitigen und Ägyptens Altertümer künftig besser zu schützen, dafür fühle ich mich verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie angesichts der unsicheren Lage in Ägypten eigentlich weiterhin die Rückgabe der Nofretete-Figur aus Berlin fordern?

Hawass: Ja natürlich, das werde ich. Dieser Kampf geht weiter. Die Nofrete gehört nach Ägypten. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Jetzt geht es erstmal darum, Normalität zu schaffen, die Museen wieder zu öffnen und die Touristen zurückzuholen. Und auch die ausländischen Archäologen, die das Land verlassen haben.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie die Touristen und Archäologen denn beruhigen?

Hawass: Ja, das kann ich. Die Lage ist längst sicher, Ägypten ist sicher. Und in wenigen Tagen werden wir auch das Ägyptische Museum wieder öffnen.

Das Interview führten Daniel Steinvorth und Volkhard Windfuhr


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Interviews war vom 29. Februar die Rede. Der Einbruch ereignete sich aber am 29. Januar 2011. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
Gebetsmühle 21.02.2011
1. warum nicht?
Zitat von sysopSein Markenzeichen ist der Indiana-Jones-Hut: Ägyptens Altertumsminister Zahi Hawass steht seit den Plünderungen im Kairoer Museum unter Druck. Im Interview spricht er über die Schäden, die heftigen Vorwürfe gegen ihn - und seine Jagd auf Nofretete. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,746438,00.html
was hindert ihn? er ist eh erfolglos.
BonChauvi 21.02.2011
2. Antikenchef Hawass
Warum redet der eigentlich immer vom 29 Februar? Ist das der Kalender von Mohammed oder kann der in die Zukunft sehen?
hantavirtual 21.02.2011
3. 29. Februar ?
Zitat von sysopSein Markenzeichen ist der Indiana-Jones-Hut: Ägyptens Altertumsminister Zahi Hawass steht seit den Plünderungen im Kairoer Museum unter Druck. Im Interview spricht er über die Schäden, die heftigen Vorwürfe gegen ihn - und seine Jagd auf Nofretete. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,746438,00.html
Kleine Bemerkung zu dem angegebenen Datum der Unruhen, den 29. Februar gibt es dieses Jahr nicht, ist ja kein Schaltjahr und der Tag wäre auch am Dienstag in einer Woche. PS: Dieser Beitrag brauchen Sie nicht zu veröffentlichen werden da er nur auf einen seltsamen Schreibfehler hinweist.
Baracke Osama, 21.02.2011
4. --
Zitat von sysopSein Markenzeichen ist der Indiana-Jones-Hut: Ägyptens Altertumsminister Zahi Hawass steht seit den Plünderungen im Kairoer Museum unter Druck. Im Interview spricht er über die Schäden, die heftigen Vorwürfe gegen ihn - und seine Jagd auf Nofretete. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,746438,00.html
SPON kann in die Zukunft sehen. "Stellen Sie sich mal eine Millionenstadt vor, in der für mehrere Stunden vollkommene Rechtlosigkeit herrscht, in der die Gefängnisse geöffnet wurden und es faktisch keine Polizei mehr gibt. Genau das ist in Kairo *in der Nacht zum 29. Februar* passiert. Bei so einem Horrorszenario hätte noch viel mehr zerstört und geraubt werden können."
dab 21.02.2011
5. Falscher Monat
Mehrfach ist vom 29. Februar die Rede, gemeint ist doch aber der Januar, oder?
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