Ägyptens Chef-Archäologe "Kleopatra wurde in diesem Tempel begraben"

Zahi Hawass ist Herr über Pyramiden und Mumien - und der wohl mächtigste Archäologe der Welt. Jetzt will der exzentrische Chef von Ägyptens Altertümerbehörde das Grab Kleopatras geortet haben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, was ihn so sicher macht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Hawass, Sie behaupten, das Grab der berühmten ägyptischen Königin Kleopatra VII. geortet zu haben. Sind Sie sich Ihrer Sache wirklich sicher?

Hawass: Ganz sicher, sonst hätte ich darüber kein Wort verloren. Schließlich möchte ich mich nicht blamieren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie hieb- und stichfeste Hinweise?

Hawass: Täglich mehr. Wir graben bereits seit drei Jahren. Die Fülle der Beweise zwingt mich jetzt geradezu, die ganze Welt diese erfreuliche Nachricht wissen zu lassen. Da verhalte ich mich nicht anders als andere Archäologen, die kurz vor der Entdeckung wichtiger Funde die Öffentlichkeit informierten.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie heute so sicher?

Hawass: Lassen Sie mich vorausschicken: Der Tempel von Tasposiris Magna wurde von König Ptolemäus IV. den altägyptischen Urgottheiten Osiris und seiner Gattin Isis Osiris gewidmet. Er wurde genau an der Stelle gebaut, wo bereits ein Osiris-Heiligtum aus der Pharaonenzeit mit dem Namen "Per User" ("Haus des Osiris") gestanden hatte, was auf Arabisch zu "Abu Sir" wurde. Übrigens waren damals über ganz Ägypten 14 Tempel dem hochverehrten Osiris geweiht - weil Gott Seth seinen Bruder Osiris ermordete, nach altem Volksglauben in 14 Stücke zertrennte und diese über alle Gaue verstreut hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was hat diese Legende mit Ihrer Entdeckerzuversicht zu tun?

Hawass: Sehr viel. Kleopatra verstand sich als Inkarnation der volksnahen Göttin Isis, und das in einer Zeit, in welcher der Isis-Kult in Rom und Griechenland an Einfluss gewann. Da liegt es doch nahe, dass Kleopatra in einem Tempel beerdigt werden wollte, der mit Isis und ihrem Göttergatten Osiris in direkter Verbindung stand. Die Legionen des Octavian hatten ihre Hauptstadt Alexandria besetzt und rückten weiter vor, sie und ihr geliebter Antonius begingen daher Selbstmord. Da bot sich der Tasposiris-Magna-Tempelkomplex geradezu an als würdevolle letzte Ruhestätte für das berühmteste Liebespaar der Menschheitsgeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Könnte das Paar nicht im Königspalast begraben sein, dessen noch relativ gut erhaltene Ruinen im antiken Osthafen Alexandrias nur neun Meter unter der Wasseroberfläche gefunden worden?

Hawass: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt doch das Projekt, das antike Hafenbecken trockenzulegen. Dann könnten gezielte Grabungen sogar das immer noch gesuchte Grab Alexander des Großen ans Tageslicht bringen.

Hawass: Das Alexandergrab liegt irgendwo auf dem Areal des Lateinischen Friedhofs, …

SPIEGEL ONLINE: … wo nicht gegraben werden darf, …

Hawass: … doch die Trockenlegung des antiken Hafens bringt gar nichts. Außerdem hätte (der griechische Philosoph - d. Red.) Plutarch das auf dem Pergament vermerkt, auf dem er die gemeinsame Bestattung von Kleopatra und Antonius festhielt. Der Königspalast wäre viel zu bedeutsam gewesen, um nicht erwähnt zu werden. Dann hätten auch andere Zeitgenossen darüber berichtet. Der Osiris-Tempel dagegen war sicher nur wenigen als letztes Refugium der Königin bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie an materiellen Belegen?

Hawass: Die Anlage des Tempels, denn die in die Tiefe gehenden Tunnelgänge müssen zu Grabkammern führen. Daran arbeiten wir eifrig. Auch die Erkenntnisse eines amerikanischen Radar-Spezialisten bestärken mich in meinem untrüglichen Gefühl, einen sensationellen Fund zu machen. Es gibt auch andere untrügliche Anzeichen für meine Vermutung. Die in Tempelnähe gefundenen Gräber gehörten hochstehenden Persönlichkeiten, die zum Teil aus Gold gefertigten Beigaben beweisen das. Der Leichnam einer Königin wäre hier gut aufgehoben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch von Goldmünzen als Belegmaterial gesprochen.

Hawass: Das erste Mal sehe ich Goldmünzen mit dem Gesicht einer ungewöhnlich schönen Kleopatra mit einem Kinngrübchen, das die Attraktivität der Königin besonders hervorhebt.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ansicht von Wissenschaftlern soll Kleopatra keineswegs eine Schönheit gewesen sein.

Hawass: Das ist eine nicht mehr haltbare Annahme. Nicht nur die jetzt gefundenen Münzporträts zeigen, wie schön die ägyptische Königin war. Schon der bloße Verstand sagt einem, dass nur eine über alle Maßen schöne Frau ihren ursprünglichen Feind Julius Cäsar und später den Feldherrn Antonius faszinieren und zu politischen Abenteuern verführen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll es jetzt weitergehen?

Hawass: Heute bringen wir spezielle Sonden zum Einsatz, die uns erlauben, die Stellen im Tempelinneren zu lokalisieren, wo wir am 4. Mai den entscheidenden Schritt tun werden. Er bringt uns die Bestätigung, dass Kleopatra und ihr geliebter Antonius dort bestattet wurden.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert dann?

Hawass: Wir werden an drei Stellen 25 Meter tiefe Bohrungen vornehmen. Und dann haben wir den Beweis.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht noch einen zusätzlichen Grund für Ihren Optimismus?

Hawass: Woran denken Sie?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den letzten Beweisschritt auf den 4. Mai gelegt. An dem Tag feiert Präsident Husni Mubarak seinen 81. Geburtstag.

Hawass: (sagt nichts, grinst breit)

Das Interview führte Volkhard Windfuhr



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