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Älterwerden: Anti-Aging für die Zukunft

Von Stefan Schmitt, München

Gerontologen sehen sich als Retter einer lebenswerten Zukunft, denn schon bald wird es mehr Alte als Junge auf der Erde geben. Heute beherrschten den Markt mit Anti-Aging allerdings noch die Scharlatane.

"Als moderne Gesellschaft waren wir bemerkenswert erfolgreich dabei, den frühen Tod abzuschaffen. Aber wir zahlen den Preis dafür mit dem Anstieg älterer Menschen", sagt Richard Faragher, Biologe von der University of Brighton. "Mitte des Jahrhunderts wird es mehr alte als junge Menschen in der Welt geben - zum ersten Mal überhaupt." Die Zahl der älter als 65-Jährigen wird 2050 jene der unter 15-Jährigen überschreiten. "Das Altern ist die Top-Herausforderung für Gesellschaften. Nur wenn die Forschung erfolgreich ist, werden die Menschen nicht nur lange, sondern auch gesund leben."

Das Schreckenszenario ist in westlichen Gesellschaften allgegenwärtig: Immer mehr Alte, deren Versorgung immer schwieriger wird - weil das letzte Lebensdrittel mit alterstypischen Krankheiten gespickt ist, von Alzheimer über Diabetes, Gefäßerkrankungen bis hin zu zur Knochenkrankheit Osteoporose. "Altwerden - wirklich nur schlechte Nachrichten?" war der Titel einer wissenschaftlichen Veranstaltung beim European Science Open Forum (ESOF), der größten interdisziplinären Wissenschaftskonferenz des Jahres 2006 in Europa, die derzeit in München stattfindet.

Wissenschaftler aus Deutschland, den USA, England, Wales und Italien berichteten von den neuesten Entwicklungen aus der Altersforschung - und fanden sich in einer exotischen Position: Zwar kommt die Forschung dem Mysterium des Alterns (englisch Aging) langsam auf die Schliche, gleichzeitig muss sie aber warnen vor allerlei Schindluder, der mit dem Begriff Anti-Aging getrieben wird.

Anti-Aging-Produkte als Pseudowissenschaft

Es habe eine regelrechte Flut sogenannter Anti-Aging-Therapien in den letzten 10 Jahren gegeben, berichtet der Sozialwissenschaftler Anthony Warnes von der University of Sheffield und beklagt einen "Mangel angemessener Nachprüfung, allgemeiner Überwachung und Regulierung der Anti-Aging-Vermarkter". Sein Urteil: Wenn es nicht um zulassungspflichtige Medikamente geht, sondern eher um Lifestyle-Produkte wie Nahrungsergänzungen oder Diäten, findet keine Kontrolle statt. "Normalbürger können die pseudo-wissenschaftlichen Behauptungen in der Anti-Aging-Werbung nicht überprüfen", sagt Warnes und warnt vor Misstrauen in alle über-optistischen Versprechen.

"Allerdings findet tatsächlich jede Menge faszinierende Forschung statt", sagt der Forscher. Sein Kollege David Kipling von der walisischen Cardiff University präsentiert so ein faszinierendes Beispiel. Er erforscht Patienten mit dem höchst seltenen Werner-Syndrom, das 30-Jährige wie 100-Jährige aussehen lässt. "Der Körper altert viel schneller, weil ein Teil seiner Zellen viel schneller altert", erklärt Kipling. "Zellen können sich nur begrenzt teilen - und jene von Werner-Patienten teilen sich viel seltener als normal."

Seit der Entdeckung des Proteins P38mark, das diesen Prozess steuert, schöpfen Forscher Hoffnung. "Im Labor können wir einzelne Zellen von Werner-Patienten bereits heilen", sagt Kipling. "Es ist noch keine Behandlung für das Werner-Syndrom", betont Faragher, "aber ein Anfang und ein bedeutender Durchbruch." Denn jene Moleküle, die P38mark blockieren, könnten auch bei anderen Patienten die Lebensspanne erhöhen - denn hier regulieren sie Entzündungen und Tumorbildung.

"Gute Nachrichten für Würmer"

Gordon Lithgow, der im kalifornischen Buck Institute for Age Research, die biochemischen Grundlagen des Alters von Tieren erforscht, berichtet: "Wir haben uns Gene bei Würmern angeschaut, welche diesen Stress-resistenter machen. Einige lassen sie auch länger leben. Und ihre Entsprechungen beim Menschen wirken Tumor-unterdrückend." Lithgow gab aber zu bedenken: "Die Prozesse, die uns altern lassen, waren ja nicht ursprünglich entworfen worden, um uns zu töten." Verändere man sie, könnte das schlimme Folgen an anderer Stelle haben. So schützten Antioxidantien den Körper zwar einerseits vor Stress, sie könnten aber unter anderen Bedingungen das Altern beschleunigen.

Das Leben und das Labor ließen sich hier oft nicht vergleichen. In kontrollierter Umgebung, sagt Lithgow, hätten es Mäuse und Würmer auch schon auf das fünffache der erwartbaren Lebensspanne gebracht. "Gute Nachrichten für Würmer", scherzt Faragher. Der Mediziner betont, besser zu leben sei das Ziel: "Die ganze Arbeit jedes seriösen Gerontologen gilt der Verlängerung jener Phase, in der man gesund und glücklich ist im Leben."

Länger gesünder lebend - der Immunuloge Claudio Franceschi von der Universität von Bologna zeigt mit Forschungsergebnissen aus Italien, dass dies bis ins hohe Alter möglich ist. Er hat die Charakteristika von Hundertjährigen untersucht und beobachtet: "Viele Hundertjährigen geht es extrem gut für ihr Alter, aber dann sterben sie binnen weniger Tage." Ein Kollege habe über 100 solcher Hundertjährigen nach ihrem Tod autopsiert und keinen anatomischen Grund für den Tod gefunden.

Je südlicher, desto mehr Hundertjährige

Franceschi hat herausgefunden, dass in Sardinien - relativ gesehen - die meisten Hundertjährigen in Italien leben. Je weiter er in seiner Forschung nach Süden blickte, desto mehr Menschen in Methusalemalter fand er. Nicht nur, dass es im Norden Europas und auch in Norditalien noch viel weniger Hundertjährige gab - auch das Geschlechterverhältnis war unterschiedlich.

"In nördlichen Ländern kommen sieben hundertjährige Frauen auf einen Mann", sagt Franceschi. "Iin Norditalien ist das Verhältnis vier zu eins, im Süden zwei zu eins." In Sardinien sei es schließlich ausgeglichen. Untersuchungen aus Griechenland zeigten denselben Trend. "Eine Mixtur aus Genen und Lebensstil" sei wohl dafür verantwortlich, vermutet Franceschi. Das Altern müsse als umfassender Prozess der Umgestaltung im Körper verstanden werden, von den einzelnen Zellen bis zu ganzen Organen hin.

Nicht nur schlechte Nachrichten übers Älterwerden - aber Richard Faragher weist darauf hin, dass es um ein Kohortenphänomen geht. Zwar habe die Uno seit den achtziger Jahren mehrmals die Obergrenze der - statistischen - Lebenserwartung erhöht. Aber von über Hundertjährigen sei schon im alten Griechenland berichtete worden. Und der verbriefte Altersrekord der Neuzeit steht mittlerweile auch schon fast seit zehn Jahren. Ein Frau hält ihn: Jeanne Calment, sie war im August 1997 im französischen Arles 122-jährig gestorben - in einem Altersheim, in dem sie die letzten zwölf Jahre ihres Lebens verbracht hatte.

"Meine Vorstellung vom gesunden Altwerden wäre es, erschossen zu werden", sagt Richard Farragher. "Von einem eifersüchtigen Ehemann - mit 90 Jahren."

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