Älteste Holzskulptur der Welt Der wundersame Mann aus dem Moor

Fünf Meter hoch, Tausende Jahre älter als die Pyramiden: Forscher melden den Fund einer spektakulären Holzfigur in Russland. Allerdings tun sie das schon zum zweiten Mal. Warum?

E.F. Tamplon/ Antiquity Publications Ltd/ Georg-August-Universität Göttingen

Für Außenstehende ist der Wissenschaftsbetrieb manchmal etwas schwer zu verstehen. Ein aktuelles Beispiel dafür haben gerade Forscher aus Göttingen geliefert. Es geht um ein faszinierendes archäologisches Artefakt, genauer gesagt, die älteste bekannte Holzskulptur der Welt, es geht um fachliche Anerkennung - und es geht um Wissenschaftskommunikation.

Was ist passiert? Anfang der Woche verbreitet die Universität Göttingen eine Pressemitteilung mit dem Titel "Älteste Holzskulptur der Welt ist 11.500 Jahre alt". Entdeckt hatten sie Goldschürfer schon im Jahr 1894 nördlich der russischen Stadt Jekaterinburg.

Aus dem heute überfluteten Schigir-Moor hatten sie eine verblüffend große Figur aus Lärchenholz gezogen. Insgesamt zehn Fragmente förderten sie aus vier Metern Tiefe ans Licht. Eine spätere Rekonstruktion zeigte, dass es sich um Teile eines Standbildes gehandelt haben dürfte. Es war groß, sehr groß - vermutlich mehr als fünf Meter hoch. Es hatte einen großen runden Kopf, der Körper war mit Zickzack-Ornamenten und Gesichtern verziert.

Und es war wohl alt. Sehr alt.

Dieser Fund, ausgestellt im Museum von Jekaterinburg, ist zuletzt neu untersucht worden. "Ein deutsch-russisches Forscherteam mit Beteiligung der Universität Göttingen hat nun erstmals eine systematische Radiokarbondatierung der Figur organisiert", heißt es in der Pressemitteilung aus Göttingen. Und weiter: "Mit einem Alter von rund 11.500 Jahren ist die Figur deutlich älter als erwartet und die älteste bekannte Holzskulptur der Welt." Außerdem habe man belegen können, dass "das Holz damals in frischem Zustand bearbeitet wurde".

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Holzskulptur: Spektakulärer Fund im Schigir-Moor

Das ist in der Tat beeindruckend. Die meterhohe Holzskulptur aus dem Sumpf am Ural ist also, etwas vereinfacht ausgedrückt, ungefähr doppelt so alt wie die Pyramiden in Ägypten. Sie entstand, ebenso vereinfacht gesprochen, in etwa 5000 Jahre vor Stonehenge oder 7000 Jahre früher als die Himmelsscheibe von Nebra. Nur die 11.000 Jahre alten Steinstelen an der Fundstelle Göbekli Tepe im Südosten der Türkei weisen ein ähnliches Alter auf wie der Mann aus dem Moor.

"Es war kein Schnellschuss, aber ein mutiges Unterfangen"

So weit, so gut. Allerdings hatten die Beteiligten Forscher all diese Erkenntnisse schon vor rund drei Jahren öffentlich gemacht. "Russische Holzskulptur ist 11.000 Jahre alt" titelte damals etwa SPIEGEL ONLINE. Die aktuelle Pressemitteilung scheint also eher unglücklich formuliert. Denn es stellen sich Fragen: Was genau ist eigentlich neu an der Sache? Und warum entsteht der - falsche - Eindruck, das Alter sei bislang nicht bekannt gewesen?

Ein Anruf bei einem der beteiligten Forscher bringt Aufklärung. Thomas Terberger vom Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen berichtet, 2015 habe man, auf Wunsch der russischen Kooperationspartner, die ersten Erkenntnisse auf einer Pressekonferenz mitgeteilt. Dabei war man noch mitten bei der Arbeit.

"Es war kein Schnellschuss, aber ein mutiges Unterfangen", erklärt Terberger heute. "Jetzt ist das Ganze auf soliden Füßen. Es wäre mir lieber gewesen, wenn man es andersherum gemacht hätte." Klar, Schlagzeilen sind wichtig. Journalisten - und mit ihnen Leser - sind oft ungeduldig. Forscher brauchen aber Zeit zum Arbeiten. Und wenn der Druck erst einmal aus dem Kessel ist, kann man das womöglich in mehr Ruhe tun.

Vermutlich ein ritueller Pfahl

Man habe inzwischen mehr Daten sammeln können, habe mit Kollegen diskutiert, sagt Terberger. Nun veröffentliche man die Erkenntnisse im Fachmagazin "Antiquity", auch die Begutachtung dort habe noch einmal Zeit gebraucht. Solch eine unabhängig begutachtete Veröffentlichung, Peer Review genannt, ist die Währung des Wissenschaftsbetriebs, nicht die Pressemitteilung. Zumindest im Prinzip.

Denn andererseits hilft öffentliche Sichtbarkeit Forschern eben auch, gerade in Zeiten, wo sie immer mehr Unterstützung von außen heranholen müssen, um ihre Forschungsvorhaben zu finanzieren.

Er sei ausgesprochen zufrieden mit dem Kooperationsergebnis, sagt Forscher Terberger. "Die Schigir-Figur zeigt mit ihrer monumentalen Erscheinung eine bislang unbekannte Seite der Kunst der ersten nacheiszeitlichen Jäger- und Sammler-Gesellschaften", wird der Archäologe in der Pressemitteilung zitiert. Und so sagt er es auch am Telefon. "Wir zeigen, dass Menschen in einer - aus unserer Sicht - abgelegenen Region monumentale Dinge entwickelt haben."

Denn am Ende ist es das, was zählt: Dass die Forschungen dabei geholfen haben, die Bedeutung des Fundes zu belegen. Die Figur, heute ist sie noch 3,8 Meter groß, stand wohl längere Zeit aufrecht in der Gegend herum, vermutlich als ritueller Pfahl. Der Mann im Moor ist ein einmaliges Artefakt aus einer Zeit, aus der Forscher im Rest Europas bestenfalls kleine verzierte Objekte aus Knochen oder Geweih kennen - und Menschen höchstens als Strichmännchen gezeigt wurden.

Da kann man durchaus mal wieder drüber berichten. Man muss ja nicht so tun, als wäre das alles ganz neu.

chs



insgesamt 7 Beiträge
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zeichenkette 02.05.2018
1. Wieso "Mann"?
An den Bildern ist das Geschlecht nicht erkennbar und die ältesten Figuren stellen Frauen dar. Wenn man witzig sein will, könnte man schon an der überkreuzten Beinhaltung der rekonstruierten Figur erkennen, dass das eine Frau sein muss, zumal sie eindeutig keinen Penis hat... Wie auch immer, "Mann aus dem Moor" ist mal wieder so ein typischer Fall von "ist irgendwie wichtig, muss also ein Mann sein". So, und jetzt steinigt mich bitte.
damalswarallesbesser 03.05.2018
2. Ich hätte da noch eine Frage......
Schön, die Skulptur ist 11.000 Jahre alt. Vor 11.000 Jahren hatte also jemand die Zeit, das Teil in herzustellen. Das geht nur, wenn es in der Gemeinschaft Arbeitsteilung gibt und die Person für diese Arbeit vom täglichen "Überlebensgeschäft" freigestellt werden kann. Das daraus entstehende Bild der Gesellschaft vor 11.000 Jahren ist doch recht interessant. Scheint sich sozial nicht allzu viel verändert zu haben in den letzten 11.000 Jahren.
Kuckuck rufts 03.05.2018
3. unvollständige Meldung
In dem SPON Beitrag wird nur der Göttinger Archäologe Terberger genannt - der original-Artikel in Antiquity zeigt, dass Terberger eigentlich das Amt für Denkmalpflege Niedersachsen in Hannover repräsentierte und nicht die Universität Göttingen. Zusätzlich beteiligt waren das Deutsche Archäologische Institut (mit der Holzbestimmung und der Bestimmung der Anzahl von Baumringen), sowie natürlich die Kollegen aus Russland (Moskau und Sverdlovsk). Die Radiokarbondatierungen wurden auch nicht in Göttingen oder Hannover durchgeführt, sondern vom Klaus Tschira-Labor des Curt-Engelhorn-Zentrums Archäometrie in Mannheim, das nicht einmal mit einem Nebensatz erwähnt wird!
susanne_beck 03.05.2018
4. Naja, ...
die Vergleiche hinken etwas. Man kann nicht eine Holzfigur, auch wenn sie sehr alt ist, mit etwas wie den Pyramiden in Ägypten, Stonehenge oder etwa der Sternenscheibe von Nebra vergleichen, handelt es sich doch um ganz andere Materialien. Und einmal ehrlich gesagt: die erste Pyramide in Ägypten (Stufenpyramide in Saqqara) war etwa 60m hoch und komplett aus Stein, was schon ein bisschen etwas Anderes ist als ein eventuell bis zu 5m hoch gewesene, hölzerne anthropomorphe Figur.
betonklotz 03.05.2018
5. Muß immer alles ein Kult sein?
Die schlimmste Unart in der Ur-und Frühgeschichtlichen Wissenschaft ist es, alles wofür man keine Erklärung hat als Ausdruck irgendeines Kultes zu deuten. Als ob die Menschen der Vergangenheit nichts besseres zu tun gehabt hätten. In Ermangelung moderner Technik waren die zu Verfügung stehenden Mittel früher deutlich knapper bemessen als heute, da konnte man sich irgendwelches kultisches Zeug nur begrenzt leisten. Ich habe eine pragmatische alternative Deutung nämlich die, daß das Ding in einer Gegend, welche arm an natürlichen Orientierungspunkten war, als Wegweiser diente.
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