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Grabung in Afrika: Forscher entdecken älteste Steinwerkzeuge

Von Henning Engeln

Vormenschen: Die ersten Werkzeugmacher Fotos
MPK-WTAP

Was aussieht wie ein schlichter sandiger Brocken ist ein Sensationsfund: In Kenia haben Forscher die bisher ältesten Werkzeuge der Menschheitsgeschichte ausgegraben. Einst dienten die Steine als Fleischmesser.

Manche Forscher haben es bereits vermutet, nun bringt eine Entdeckung Gewissheit: Bereits vor 3,3 Millionen Jahren - 700.000 Jahre früher als gedacht und lange, bevor die Gattung Mensch (Homo) überhaupt entstand - stellten Vormenschen Steinwerkzeuge her. Es sind die bei Weitem ältesten bislang bekannten Werkzeuge der Menschheitsgeschichte.

Der Fund erlaubt Rückschlüsse auf die geistige Entwicklung unserer Vorfahren - und er bringt Vorstellungen von der Evolution des Menschen ins Wanken, die davon ausgehen, mit der Ausbildung eines großes Gehirns hätte sich auch der Gebrauch von Werkzeugen entwickelt.

Nicht auf natürlichem Weg entstanden

Die einfach wirkenden Werkzeuge aus Stein haben Sonia Harmand von der Stony Brook University in New York und Kollegen in Kenia geborgen, westlich des Turkana-Sees, in der Grabungsstätte "Lomekwi 3". Das Alter von 3,3 Millionen Jahren bestimmten sie Anhand der Lagen aus vulkanischer Asche, in der sie die Artefakte gefunden hatten.

Insgesamt sind es 149 Fundstücke, von denen sich die Forscher sicher sind, dass sie nicht auf natürlichem Weg entstanden sein können. Stattdessen gehen sie davon aus, dass Vormenschen die Werkzeuge herstellten, indem sie Steine gezielt aneinander schlugen, um scharfe Kanten zu erhalten, berichten sie im Fachmagazin "Nature". Es war die Geburt einer neuen Technologie.

"Die Werkzeuge werfen Licht auf ein unerwartetes und bislang unbekanntes Kapitel des homininen Verhaltens", erklärt Harmand. "Sie können uns eine Menge über die geistige Entwicklung unserer Vorfahren erzählen." Vermutlich schabten die Vormenschen mit den Stein-Artefakten Fleischfetzen von den Knochen gefundener Tierkadaver, zertrümmerten Nüsse und harte Knollen, brachen vielleicht auch abgestorbene Baumstämme auf, um an die darin lebenden Insektenlarven zu gelangen.

Werkzeuge und Hirnvolumen

Solche Verhaltensweisen hatten die Paläoanthropologen bis vor wenigen Jahren nur Menschen zugetraut, also Wesen der Gattung Homo, die über ein deutlich größeres Gehirn verfügen als die Vormenschen. Zwei Kandidaten kamen dafür infrage: Entweder Homo habilis mit etwas mehr als 600 Kubikzentimeter Hirnvolumen oder Homo rudolfensis mit 750 Kubikzentimeter.

Beide lebten in Ostafrika vor rund 2,4 Millionen Jahren und damit in der gleichen Epoche aus der auch die ältesten zuvor bekannten Werkzeuge stammen. Das Klima war damals trockener und kühler geworden, und es schien eine plausible Erklärung für die zunehmende Nutzung von Werkzeugen zu geben: Intelligente Wesen mit größeren Gehirnen, die Werkzeuge herstellen und so das Nahrungsangebot besser nutzen konnten, hatten in dieser kargen Umwelt bessere Überlebenschancen.

"Die Geschichte ist viel komplizierter"

Doch 2009 gab es einen verblüffenden Befund, der diese Sicht erschütterte. In Äthiopien hatten Forscher 3,4 Millionen Jahre alte Knochenrelikte aufgespürt, die eindeutige Schnittspuren zeigten, die nur von Steinwerkzeugen stammen konnten. Offenbar waren bereits die Australopithecinen - aufrecht gehende Arten von Vormenschen, die nur Gehirne von 400, maximal 500 Kubikzentimeter Größe besaßen - in der Lage, mit Steinwerkzeugen zu hantieren und Fleischfetzen von Knochen abzuschaben oder das nahrhafte Knochenmark aus ihnen herauszubrechen.

Zudem berichteten Anfang 2015 Forscher im Fachmagazin "Science" anhand von anatomischen Analysen der Mittelhandknochen, dass Vormenschen der Art Australopithecus africanus mit ihren Händen sehr wohl präzise greifen und wohl auch Werkzeuge benutzen konnten.

"Die Geschichte ist viel komplizierter, als wir uns das haben träumen lassen", sagt Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt, der nicht an der aktuellen Studie beteiligt war. Womöglich, so Kullmer, gab der Werkzeuggebrauch den Homininen den Anstoß, neue Dinge auszuprobieren, was dann die Gehirnentwicklung mit einer gewissen Zeitverzögerung angeregt habe.

Offen bleibt, wer die Macher der ersten Werkzeuge der Menschheitsgeschichte waren. Infrage kämen etwa die sogenannten flachgesichtigen Keniamenschen (Kenyanthropus platyops). Diese Vormenschen hatten Paläoanthropologen im Jahr 1999 ganz in der Nähe der jetzt entdeckten Steinrelikte ausgegraben. Doch von ihnen sind nur ein stark verformter Schädel sowie einige Kieferfragmente und Zähne erhalten. Forscher streiten bis heute, wie die Funde einzuordnen sind.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Naja
ichsagwas 20.05.2015
Affen benutzen auch schon Werkzeuge (Steine, Holzstücke) und sind zu ordentlichen kognitiven Leistungen imstande. Schimpansen können Äste mit den Zähnen zuspitzen und gehen mit solchen Speeren auf Beutejagd. Einen Stein auf ein paar schärfere Kanten zurechtzuschlagen ist noch keine aussergewöhnliche Leistung. Das ist allenfalls ein kleiner weiterer Schritt.
2. Auch über die kleinen Dinge freuen
menschenkenner-mkt. 20.05.2015
Freuen Sie sich doch über diesen Zitat "kleinen weiteren Schritt", lieber ichsagwas! Ohne diese vermeintliche Kleinigkeit (Produkt eines größeren Gehirns) könnten Sie vielleicht heute keine Leserbriefe schreiben! Und das wär doch doof!
3. Okay...
pethel 21.05.2015
... Forschung in allen Ehren - das wird sicher auch alles anerkannt. Wohl gab es auch schon früher Menschen oder menschenähnliche Wesen, die Werkzeuge oder werkzeug-ähnliche Gegenstände hergestellt haben und auch nutzten. Ich erfreue mich an dem Forscherdrang der Menschheit - aus welchen Beweggründen und mit welchem Nutzen auch immer. Der Mensch ist neugierig und möchte so viel wie möglich über seine Vorfahren und über dessen Entwicklung wissen - sicher auch, um daraus zu lernen und/oder gewisse Rückschlüsse zu ziehen oder einfach "etwas zu wissen". Forschung und Entwicklung hat der Menschheit auch unbestritten viel Segen gebracht. Leider scheint sich der Mensch (Homo) trotz aller Forschung und allem Fortschritt nicht wirklich großartig weiterentwickelt oder gelernt zu haben z.B. in puncto sozialem Verhalten, Kompromissfindung, Umweltschutz, Artenerhaltung (einschließlich der eigenen Art), Lernfähigkeit, Nutzung von Ressourcen, Erkenntnis-Gewinnung aus Fehlern. Da schlummert wohl noch einiges an Neander (oder doch auch einfach "Homo") in uns... Schade - wir wissen heute, dass es vor Millionen oder Hundertausenden von Jahren menschenähnliche Wesen gab, die gewisse Werkzeuge nutzen konnten - bringen es aber heute nicht mal hin, Menschen zu retten, Frieden zu schaffen, unsere Umwelt zu erhalten, für Gleichberechtigung zu sorgen, Frieden zu sichern, Hunger zu vermeiden, für "Gerechtigkeit" einzustehen - naja, einfach "menschlich" und "sozial" zu agieren und zu sein. Irgendwas scheint schiefgelaufen zu sein in der Entwicklung des Homo Sapiens ... Evtl. braucht es noch ein paar mehr "Funde" aus der Vergangenheit der Menschheit, um festzustellen, dass wir doch nicht so arg viel schlauer geworden sind. Und was ist letztendlich ein "Faustkeil"? Nichts mehr als die Vorvorvorstufe eines multifach gehärteten und gestählten Messers - nur mit etwas bescheideren Mitteln - dem damaligen Entwicklungsstand geschuldet. (Sorry - soll jetzt nicht zynisch rüberkommen - einfach nur mal so pragmatisch drüber nachgedacht)
4. Okay ...
pethel 21.05.2015
... Forschung in allen Ehren - das wird sicher auch alles anerkannt. Wohl gab es auch schon früher Menschen oder menschenähnliche Wesen, die Werkzeuge oder werkzeug-ähnliche Gegenstände hergestellt haben und auch nutzten. Ich erfreue mich an dem Forscherdrang der Menschheit - aus welchen Beweggründen und mit welchem Nutzen auch immer. Der Mensch ist neugierig und möchte so viel wie möglich über seine Vorfahren und über dessen Entwicklung wissen - sicher auch, um daraus zu lernen und/oder gewisse Rückschlüsse zu ziehen oder einfach "etwas zu wissen". Forschung und Entwicklung hat der Menschheit auch unbestritten viel Segen gebracht. Leider scheint sich der Mensch (Homo) trotz aller Forschung und allem Fortschritt nicht wirklich großartig weiterentwickelt oder gelernt zu haben z.B. in puncto sozialem Verhalten, Kompromissfindung, Umweltschutz, Artenerhaltung (einschließlich der eigenen Art), Lernfähigkeit, Nutzung von Ressourcen, Erkenntnis-Gewinnung aus Fehlern. Da schlummert wohl noch einiges an Neander (oder doch auch einfach "Homo") in uns... Schade - wir wissen heute, dass es vor (hundert-) tausenden von Jahren menschenähnliche Wesen gab, die gewisse Werkzeuge herstellen und nutzen konnten - bringen es aber heute nicht mal hin, Menschen zu retten, Frieden zu schaffen, unsere Umwelt zu erhalten, für Gleichberechtigung zu sorgen, Frieden zu sichern, Hunger zu vermeiden, für "Gerechtigkeit" einzustehen - naja, einfach "menschlich" und "sozial" zu agieren und zu sein. Irgendwas scheint schiefgelaufen zu sein in der Entwicklung des Homo Sapiens ... Evtl. braucht es noch ein paar mehr "Funde" aus der Vergangenheit der Menschheit, um festzustellen, dass wir doch nicht so arg viel schlauer geworden sind. Und was ist letztendlich ein "Faustkeil"? Nichts mehr als die Vorvorvorstufe eines multifach gehärteten und gestählten Messers - nur mit etwas bescheideren Mitteln - dem damaligen Entwicklungsstand geschuldet. (Sorry - soll jetzt nicht zynisch rüberkommen - einfach nur mal so pragmatisch drüber nachgedacht)
5.
SichtausChina 21.05.2015
Man beachte wie auch noch im 21. Jahrhundert die Amerikanerin mit Namen und Universität identifiziert wird, während die afrikanischen Forscher (die wohl viel der Schweißarbeit gemacht hatten) gerademal anonym unter "ferner liefen" als Kenianische Kollegen auftauchen.
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Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.


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