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Ärzte-Betrug: Das große Geschäft mit wertlosen Studien

Von und Udo Ludwig

Tausende Ärzte erhalten Geld von Pharmafirmen für die Mitarbeit an zumeist sinnloser Forschung. Keiner prüft die Pseudo-Wissenschaft, die nur einen Zweck hat: die Gewinne von Pharmaindustrie und Ärzten zu maximieren - auf Kosten der Patienten.

Röntgenuntersuchung: Abkassieren mit überteuerten Kontrastmitteln
DDP

Röntgenuntersuchung: Abkassieren mit überteuerten Kontrastmitteln

Die gute Nachricht: Die deutsche Forschungslandschaft blüht, im ganzen Lande und selbst auf dem Lande. In Cloppenburg und Olpe, in Nordhorn und Herford - jeder Ort ein Zentrum des medizinischen Fortschritts. 39 Namen stehen in einer Liste von Ärzten, die ebendort vermeintlich dem Streben nach Erkenntnis dienten; in einer zweiten sogar 162 Doktores, und alle beseelt davon, teilzuhaben an den Früchten der Wissenschaft.

Die schlechte Nachricht ist, dass die gute Nachricht nicht stimmt, weil die Ärzte die Forschung nur zum Schein beförderten - und um Scheine zu kassieren: in einem Fall 84.000 Euro, in einem anderen 35.000 Euro. Deshalb stehen ihre Namen auch nicht in einer wissenschaftlichen Studie, sondern in zwei Urteilen, die das Landgericht Bochum binnen eines halben Jahres geschrieben hat, das letzte im Dezember. Hinter jedem der Namen notiert: die Summe, die der Arzt erhalten hat, für Alibi-Forschung, die keinen Cent wert war.

Ein besonders ausgefallener Trick? Tatsächlich geht es um den Betrugsklassiker im deutschen Gesundheitswesen: Ärzte bestellen für ihre Praxis Pharmazeutika, in diesem Fall Röntgen-Kontrastmittel, die sie mit den Kassen abrechnen, und zwar zu einem Tarif, der nur knapp unter dem Hersteller-Listenpreis liegt. In Wahrheit bezahlen sie dafür allerdings viel weniger, was die Kasse nur nicht merken darf - der stünde der Rabatt nämlich zu. Also nimmt der Arzt an einer Pseudo-Studie des Herstellers teil, füllt zu den Wirkungen der Mittel fleißig Zettel aus, deren Erkenntniswert selten über ihrem Heizwert liegt, und kassiert. Pro Blatt mal fünf, mal zehn Euro, die Menge macht's.

Für scharfe Kontrollen fehlt Rechtsgrundlage

"Anwendungsbeobachtung" nennt sich diese Einladung zum Betrug, der seit vielen Jahren in immer neuen Versionen dargeboten wird, ohne dass die Gesundheitspolitik je eine wirksame Kontrollinstanz für solche Sinnlos-Studien aufgebaut hätte.

Nun soll das gerade erst von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt geschaffene Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen auch solche Schlupflöcher schließen. Dies müsse sogar eine Hauptaufgabe des neuen Hauses sein, fordert Stefan Etgeton, Gesundheitsreferent beim Bundesverband der Verbraucherschützer. Doch daraus wird wohl wieder mal nichts. So sinnvoll auch für Abteilungsleiter Stefan Lange eine scharfe Kontrolle dieser Studien ist - auch sein Institut in Köln habe zurzeit weder die rechtlichen Möglichkeiten noch die Mittel dazu.

Ministerin Schmidt: Keine Kontrolle
AP

Ministerin Schmidt: Keine Kontrolle

Gegenwärtig laufen 380 Anwendungsbeobachtungen von 120 Unternehmen mit rund 400.000 Patienten, so gemeldet bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Dort, beim Bundesverband der Betriebskrankenkassen sowie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn müssen die Firmen ihre Datensammelei zwar anzeigen, allerdings nur für Arzneimittel, nicht für Medizinprodukte wie Herzschrittmacher, und sie müssen die Testreihen auch nur registrieren, nicht überprüfen lassen. Deshalb weiß auch niemand, wie oft nun wirklich für den medizinischen Fortschritt geforscht wird. Und wie oft nur nach der Kontonummer und Bankleitzahl der teilnehmenden Ärzte.

Wissenschaftlicher Wert? Nicht bekannt

Für das BfArM ist mit der Zulassung eines Arzneimittels der Fall nämlich abgeschlossen. Wenn die Industrie danach noch weiterforschen will - ihre Sache. Und Medizinprodukte lässt nicht das BfArM zu, sondern der TÜV oder die Dekra. Auch die verhindern keine Nonsens-Testreihen, warum auch: Was ohne Auswirkungen ist, schadet ja auch niemandem. Außer den Kassen. "Ich kenne nicht eine Anwendungsbeobachtung, die einen wissenschaftlichen Wert gehabt hätte", urteilt der Arzt Peter Schönhöfer, Mitherausgeber des Branchendienstes "Arznei-Telegramm" und früher Chefarzt in der Pharmakologie des Bremer Zentralkrankenhauses. Einziger Zweck: "Ein Marketingmittel der Industrie. Und hinterher heißt es dann auch noch: ,Unser Mittel wurde herausragend getestet.'"

Herausragend ist bestenfalls der Klartext, mit dem die zwielichtige Zettelwirtschaft nun in den Bochumer Urteilen angeprangert wird - angefangen mit dem lakonischen Satz von Richter Wolfgang Mittrup, man habe es ja nur mit den "weit verbreiteten, wenn nicht sogar allgemein üblichen Praktiken im Pharmageschäft zu tun". In beiden Fällen ging es um Großhändler für Kontrastmittel und ihr Kundennetz, meist niedergelassene Radiologen. Manche forschten sogar an mehreren Kontrastmitteln gleichzeitig, stellte Richter Mittrup fest; ein wunderlicher Ehrgeiz. Genauso gut könnte man nämlich auch Strom aus der Steckdose testen, gelben gegen farblosen, weil die Mittel zum Teil schon seit Jahrzehnten auf dem Markt und weitgehend auch noch identisch gemixt sind.

Weiter im zweiten Teil:

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