AfD Auf diese Werte kann ich verzichten

Die AfD spricht gern von Werten. Klingt gut, bedeutet aber: Die Partei will Menschen vorschreiben, wie sie zu leben und zu lieben haben.

AfD-Politiker Björn Höcke
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AfD-Politiker Björn Höcke

Eine Kolumne von


Als ich noch ein Kind war, benutzten aktive konservative Politiker gern und oft den Begriff "Werte". Damals fiel es mir schwer zu entschlüsseln, was sie damit eigentlich meinten. Später verstand ich: In Wahrheit ging es den "Werte"-Verfechtern in der Regel um die Ablehnung von Irgendetwas - Homosexualität, urbanes Single-Leben, alleinerziehende Mütter, arbeitende Frauen, liberale Abtreibungsgesetze, laute Musik, originelle Frisuren, Jeans mit Löchern.

Hätte man nachgefragt, hätten die Freunde der Werte vermutlich eher von Anstand gesprochen, von Pflichtgefühl, Pünktlichkeit, Disziplin, Ehe und Familie, Ehrlichkeit und womöglich sogar Vaterlandsliebe. Tatsächlich aber waren Werte für sie stets das, was sie selbst gut fanden und woran sich die anderen gefälligst zu halten hätten. Weitergehende Begründungen überflüssig.

Heute ist der Begriff im tagespolitischen Diskurs etwas außer Mode gekommen - dafür gebrauchen ihn Bundespräsidenten besonders gern und häufig. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass so viele von den damals unter der Chiffre "Werte" versteckten Vorstellungen davon, was eine Gesellschaft zu tolerieren hat oder eben nicht, schlicht obsolet geworden sind. Kein potenzieller Schwiegervater fragt mehr "haben Sie gedient?", und dass Hosen mit Löchern darin einen umfassenden Sieg davongetragen haben, kann man in jeder deutschen Fußgängerzone beobachten.

AfD = "Werte" + "Sitten und Normen"

Heute treten "Werte" meist in Gestalt der sogenannten westlichen Werte auf. Christian Wulff etwa hat den Begriff in seiner kurzen Amtszeit als Bundespräsident oft gebraucht und einmal so charakterisiert: "freiheitlich-demokratische Staatsform, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenwürde". Dagegen ist nichts zu sagen. Solche Werte, wie sie auch in demokratischen Verfassungen stehen, sind in westlichen Gesellschaften in der Regel konsensfähig, Ansichten zum Thema "anständige Garderobe" eher nicht.

Nun aber gibt es wieder eine Partei in Deutschland, deren aktive Vertreter den Begriff "Werte" bei jeder sich bietenden Gelegenheit bemühen, gern in Kombination mit "Sitten und Normen". Wenn etwa Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke "Werte" sagt, dann ist das Wort "Familie" meist nicht weit. Höckes Vorstellungen von "Werten" umfassen aber auch eine "positive Identifikation mit ihrer Geschichte", die der deutschen Jugend in der Schule heute "vorenthalten" werde. Oder die Ablehnung einer angeblichen "Früh- und Hypersexualisierung unserer Kinder". Und so weiter.

Wenn Höcke "Werte" sagt, dann meint er zum einen das gute alte "es war nicht alles schlecht", deshalb will er auch lieber wieder "Denkmäler errichten" statt "Mahnmale" und beschwört ständig unser "liebes deutsches Volk". Und zum anderen das, was konservative Politiker noch in den Siebziger- und Achtzigerjahren unter "Werte" verstanden: die Ablehnung aller Lebensformen, die nicht einem konservativ-bürgerlichen Familienbild entsprechen. Es ist anzunehmen, dass Höcke auch keine Hosen mit Löchern darin mag.

Eine unter AfD-Rhetorikern beliebte Referenz ist der Jurist Carl Schmitt, einst ein großer Freund der Nazis, später ostentativ geläutert. Interessanterweise hat Schmitt in den Sechzigerjahren einmal ein Traktat namens "Die Tyrannei der Werte" verfasst, in dem zwei Sätze stehen, die das wahre Wesen des Wertegeredes von heute überraschend präzise entlarven: "Wer Wert sagt, will geltend machen und durchsetzen. Tugenden übt man aus; Normen wendet man an; Befehle werden vollzogen, aber Werte werden gesetzt und durchgesetzt." Das ist bei Werten wie Rechtsstaatlichkeit nicht nur kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit. Bei der Sexualmoral eher nicht.

Dass es bei der AfD rückwärts gehen soll, steht fest

Es ist in den Reden von AfD-Politikern nicht immer ganz klar, wie weit sie zurückwollen: Bloß in die Fünfzigerjahre oder vielleicht doch in die Dreißiger? Dass es aber rückwärts gehen soll, steht zweifelsfrei fest. Zurück in eine Zeit, in der man Schwule noch offen ablehnen durfte, ohne Widerspruch fürchten zu müssen, und Frauen, deren Lebensstil einem nicht passt, offen "Schlampe" nennen konnte, Schwarze "Neger" und Türken "Kanaken".

Wenn Höcke und Co. "Werte" sagen, meinen sie, ganz im Sinne Schmitts, das Setzen und Durchsetzen ihrer eigenen gesellschaftlichen Vorstellungen und Ressentiments. Die derzeit offenbar bei Arbeitern und Arbeitslosen männlichen Geschlechts und über 45, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind, besonders populär sind. Aber eben auch zu den Rückwärtsgangbedürfnissen von 10 bis 15 Prozent der westdeutschen Wähler gut passen.

Und jetzt kommt das Problem für die alteingesessenen Parteien, besonders für die Union: Werte wandeln sich nun einmal, man kann heute schwul sein und trotzdem Außenminister oder Bürgermeister einer Metropole werden, kein Problem. Als Partei kann man es machen wie die AfD und alte Werte zurückwollen.

Man kann sich aber nicht neue Werte zulegen - etwa Toleranz gegenüber Minderheiten, die selbstverständlich auch die Union für sich in Anspruch nimmt - und gleichzeitig doch noch ein bisschen Rassist sein, wenn es gerade passt - Stichwort Andreas Scheuer und "ministrierender Senegalese". Entweder, man hat den gesellschaftlichen Wandel als Partei mitvollzogen oder eben nicht. Beides geht auf Dauer nicht, es zerstört die Glaubwürdigkeit, und das merken auch die Wähler.

Bei ihren "Werten" wären viele Flüchtlinge Verbündete der AfD

Seltsamerweise führen AfD-Politiker übrigens das Wort "Freiheit" noch viel häufiger im Mund als den Begriff "Werte". Unklar bleibt dabei, welche Freiheit da gemeint sein könnte, denn die des Individuums, so zu leben, wie er oder sie will, kann es nicht sein. Das würde sich ja kaum mit all dem Setzen und Durchsetzen vertragen.

Noch ein kurioses Faktum: Die "Werte" der AfD-Führung decken sich in Teilen erstaunlich gut mit denen vieler Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind. Eine Studie der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, für die etwa 450 Geflüchtete befragt worden waren, kam kürzlich zu folgendem Schluss, was deren "Werte" angeht: "Führt man sich die dominierenden Haltungen z.B. zu außerehelichem Sex, zu interreligiösen Ehen oder zur Homosexualität vor Augen, fühlt man sich ins Deutschland der vergangenen Fünfzigerjahre zurückversetzt."

Mit anderen Worten: Was ihre "Werte" angeht, wären viele Flüchtlinge natürliche Verbündete der AfD. Weil aber die Ablehnung des Fremden noch stärker zum Wesenskern dieser Partei gehört als die Begeisterung für das Gestrige, dürfte uns diese Allianz auf absehbare Zeit erspart bleiben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 281 Beiträge
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Seite 1
mhwse 25.09.2016
1. Werte
Demokratie kann nur solange tolerant sein, wie sie sich nicht selbst zerstört. Es ist nachvollziehbar warum es PEGIDA AfD und andere gibt. Viel andere Zustände und verhalten des menschlichen Geistes sind durchaus nachvollziehbar und es kann auch Verständnis dafür aufgebracht werden. Aber auch hier gilt die Regel und der Wert: Wenn die Verhaltensmuster dazu führen dass sich die Person selbst oder andere verletzt oder tötet, muss eingeschritten werden. Die Gefahr geht nicht von den Geflüchteten aus, sondern von denen, die eine latente, geistige Instabilität in sich tragen, die dadurch offen zu Tage tritt. Diese Instabilität richtet sich gegen alle Mitmenschen, manifestiert sich aber eben vor allem an Menschen die anders aussehen oder anders sind. Wer hier was nicht begriffen hat sind die Anhänger von AfD und PEGIDA die unter dem Deckmantel der Demokratie und dem Vorwand des 'Flüchtlingsterrorismus' ein totalitäres System errichten wollen. dabei ist die PEGIDA und AfD Bewegung diejenige die uns terrorisiert .. 'Alternative' als Euphemismus für reaktionäres, totalitäres Verhalten .. Igitt und dafür zahlen wir auch noch Steuer - ich finde das widerlich. Wer unsere Werte also nicht achtet, darf durchaus hier leben (eine Aberkennung der Staatsbürgerschaft, wegen geistiger Störung ist in unserem System nicht vorgesehen ..), eine Betätigung als politische Partei oder in öffentlichen Ämtern ist aber dann leider nicht möglich.
spmc-12355639674612 25.09.2016
2. Sehr gute Analyse!
Genau gegen diese Mentalität, anderen Leuten vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben, was sie zu denken haben und wie sie sich zu kleiden haben, sollten sich alle vernunftbegabten Einwohner Deutschlands verwahren. Interessanterweise laufen der AfD viele derer hinterher, die auf Grund des Parteiprogramms die wenigsten Vorteile von einem Wahlsieg zu erwarten hätten.
aleamas 25.09.2016
3. Natürlich will die AfD ihre
Die AfD steht für ein völlig anderes Verständnis von Nation, Bevölkerung und Wertekanon, als es mit unserem Grundgesetz und den freiheitlichen Überzeugungen unserer Demokratie zu vereinbaren ist. Nation begreift die AfD als eine handliche Rechtfertigung für fanatisch übersteigerten Nationalismus, Bevölkerung will die AfD über die Hintertür der angeblichen kulturellen Identität - die noch nicht einmal das Führungspersonal dieser Truppe zufriedenstellend zu definieren weiß - wieder auf völkische Rassenbegriffe zurückführen, und Werte sind ihr natürlich nur solange wichtig, wie sie sich gegen Ausländer und ihre sonstigen Feindbilder richten. Die AfD ist eine ganz reale und konkrete Gefahr für unsere Demokratie; wir müssen darauf die entsprechende Antwort finden und als freiheitliche Gesellschaft wehrhaft gegen sie auftreten. Kein sogenannter "Protestwähler" darf hinterher behaupten dürfen, er hätte von nichts gewusst.
deppjones 25.09.2016
4. Gilt leider für alle
"Wer Wert sagt, will geltend machen und durchsetzen. Tugenden übt man aus; Normen wendet man an; Befehle werden vollzogen, aber Werte werden gesetzt und durchgesetzt." Und Werte sind auch noch sowas von individuell. Und was die AfD betrifft kommt es mir eher so vor, als ob sie im westlichen Teil Deutschlands rechtsliberal und im östlichen Teil Deutschlands rechtskonservativ ist. Lustigerweise kriegen die anderen Parteien diesen Spagat gewissermaßen auch hin. Die CDU z.B. ist im Süden eher konservativ und im Norden eher sozial eingestellt. Und dann kommen auch noch die europäischen Werte :) Boah
homer-j.-simpson 25.09.2016
5. Und gleich schlagen sie wieder auf,...
...die Relativierer und Verteidiger. Mit Ihrer ewig gleichen Leier von Volk, Bürgerwillen, Blockparteien, Mainstreammedien und ähnlichen Ergüssen. Aber das läuft sicher auch unter dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein...
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