Afghanistan Mit Safran gegen Opium und Heroin

Der Anbau von Schlafmohn hat Afghanistan zur globalen Heroinquelle Nummer eins gemacht. Dagegen helfen soll jetzt ausgerechnet ein Gewürz, mit dem Hobbyköche Steinpilzrisotto und Fischsuppe verfeinern: Safran könnte das Opium, das den Krieg am Hindukusch befeuert, verdrängen.

Von Joachim Hoelzgen


Im Westen Afghanistans neigt sich der Sommer dem Ende zu – und damit auch die Saison der Staubstürme. Sie waren diesmal besonders stark, wirbelten die Krume der Ackerböden auf und wehten sie an vielen Stellen weg – ein schlechtes Zeichen für die Fruchtbarkeit des Landes im nächsten Jahr.

Den Bauern Mohammed Tahir im Distrikt Paschtun Zargon hat all das wenig bekümmert. Er hat die Knollen von Herbstkrokussen angebaut, die sicher im Boden verwurzelt sind. Gelassen wartet er nun auf die Blütezeit Mitte Oktober – und auf eine reiche Belohnung.

Denn Tahirs Krokusse sind nicht für Ziergärten gedacht, die es im armen Paschtun Zargon gar nicht gibt. Es handelt sich bei ihnen um Safrankrokusse (Crocus sativus), aus deren Blütenfäden seit alters her das teuerste Gewürz der Welt gewonnen wird: Safran, mit dem sich der Sage nach der zügellose Zeus im Bett bedeckte und mit dem etwa die Römer Wein und Speisen aromatisierten.

Die Geißel Afghanistans

Heute veredeln in den Ländern des Westens Hobbyköche Steinpilzrisotto mit dem erdig-rauchigen Safran, Bouillabaisse, Paella oder auch Lachs- und Garnelenravioli – oder sie backen einfach Safran-Möhrentorte. Im fernen Afghanistan versucht es der Kleinbauer Tahir zum ersten Mal mit Safrankrokussen, weil er sich nicht mehr mit den dunklen Seiten des Lebens beschäftigen will. Denn bisher stand sein Feld mit Schlafmohn voll, dessen Kapseln er zur Ernte mit einem Messer anritzte. Am nächsten Morgen schabte er den getrockneten Milchsaft ab: das Opium.

Opium ist die Geißel Afghanistans. Der Stoff ist verboten und doch der größte Exportartikel. Und immer mehr davon wird mit Hilfe von Chemikalien an Ort und Stelle weiterverarbeitet – zu noch potenterem Heroin. Im Weltdrogenbericht 2007 bezeichnete die Uno Afghanistan gar als Quasi-Monopolisten der globalen Heroinproduktion.

Vor allem aber ist das Opium der Schmierstoff von Korruption, Kriminalität und des Kriegs am Hindukusch, weil sich die Taliban mit hohen Schutzsteuern bereichern, die sie den Mohnbauern abpressen. Das Geld dient ihnen zu Waffenkäufen.

Alternative zu Granatäpfel und Rosen

Es hat viele Versuche gegeben, den afghanischen Bauern Alternativen zum Mohn anzubieten. Sie sollten es mit Granatapfelplantagen versuchen, doch dann stellte sich heraus, dass es im ganzen Süden des Landes nur ein Kühlhaus zum Lagern von Granatäpfeln gibt. Auch die Zucht von Rosen war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, obwohl sich aus ihren Blättern teures Rosenöl gewinnen lässt – im Westen ein wichtiger Bestandteil von naturkosmetischen Artikeln und Parfums.

Nun ist es der Safran, der den Schlafmohn verdrängen soll – jedenfalls, wenn es nach dem Anti-Drogenministerium in Kabul geht. Zusammen mit der Landwirtschaftsbehörde der Großprovinz Herat haben die Drogenbekämpfer 49 Tonnen Safranknollen an ehemalige Opiumbauern wie Tahir verteilt und so ein Projekt gestartet, an dem bereits 1100 neu bestallte Safranbauern teilnehmen.

"Safrankrokusse sind nicht nur legale Pflanzen, sondern auch sehr lukrativ", schwärmt Zalmai Afzali, Sprecher des Anti-Drogenministeriums, auf der Uno-Nachrichten-Website "Irin". "Damit ist Safran ein aussichtsreicher Anwärter als Schlafmohnersatz." Das gilt für die Hochburgen des Schlafmohnanbaus im Westen und Süden Afghanistans. Nur in den gebirgigen Regionen des Nordens und Ostens würden die Krokusknollen die eisigen Temperaturen des Winters nicht überleben.

Zwölfmal teurer als Opium

Selbst Suchtstoffexperten waren überrascht, wie leicht sich die Bauern in der Region Herat vom Safran überzeugen ließen. Viele von ihnen können nicht lesen und schreiben, doch Rechnen haben sie auf den Basaren der Provinzhauptstadt gelernt. Mohammed Tahir etwa hat andere Safranbauern beobachtet und mitbekommen, dass sie schon mit der ersten Ernte viel Geld verdienten. Für ein Kilo Safran hätten die Händler in Herat bis zu 1500 Dollar gezahlt, berichtet "Irin". Das ist zwölfeinhalbmal so viel wie jene 120 Dollar, die Opiumbauern für ein Kilo ihrer illegalen Ware am Hoftor erhalten. Die Opiumpreise liegen danieder, seit eine Rekordernte im vorigen Jahr eine regelrechte Opiumschwemme auslöste und die Erlöse drückte.

Mohammed Tahir und seine Kollegen sind Kleinbauern, von denen kaum einer mehr als einen Hektar Land besitzt. Doch darauf lassen sich laut "Irin" bis zu zwölf Kilo Safran abernten, die ungleich mehr als nur eine Handvoll Dollar einbringen. Die Bauern können damit endlich den Lebensunterhalt für ihre Familien bestreiten. Sie können einen Traktor kaufen und den einen oder anderen Teppich als Extraanschaffung dazu.

Interessant ist der Anbau von Krokussen auch deshalb, weil ihre Knollen genügsam und ausdauernd sind. Die Pflanzen gedeihen auch in den trockenen und sandigen Böden Afghanistans und kommen mit wenig Wasser aus – wie in der Region von Khorasan im Nordosten Irans, wo es das weltgrößte Anbaugebiet mit einer Jahresproduktion von annähernd 230 Tonnen Safran gibt.

Ernte als Familienarbeit

Den afghanischen Bauern gefällt, dass die ganze Sippe bei der Safranernte helfen kann, einer aufwendigen Kleinarbeit. Die Blütenkelche müssen frühmorgens von den Stängeln abgebrochen werden, da Sonne dem moschusartigen Aroma schaden würde. Dann werden die Safranfäden sorgfältig aus den Kelchen herausgezupft und auf kleine Schalen abgelegt. Schließlich werden sie in einem schattigen Raum gründlich getrocknet – wobei die Fäden vier Fünftel ihres Gewichts verlieren. All das trägt schon bei der Herstellung zum hohen Preis des Gewürzes bei. Im Westen wird qualitativ guter Safran für mindestens 5000 Euro pro Kilo gehandelt.

Afghanischen Bauern war der Umgang mit Safran nie fremd. Oft bauen sie Safrankrokusse in einer kleinen Ecke für den eigenen Gebrauch an, um bei Hochzeiten die große Reistafel zu würzen. Um den Safran auch zu vermarkten, sind sie jedoch auf Hilfe angewiesen. In Herat sind schon zwei Safrankongresse abgehalten worden. Begriffe wie Qualitätskontrolle, die den Afghanen bisher fremd waren, spielten dabei eine Rolle.

In Herat gibt es neuerdings auch ein Labor, das den Safran der Bauern prüft, und ein dänisches Hilfswerk hat mit einer besonders guten Idee aufgewartet. Die Dänen halten Kurse für Frauen ab, die Safran gewinnen wollen. Sie können dank des Gewürzes zum ersten Mal ein eigenes Einkommen bestreiten – und sogar als Safranbäuerinnen selbständig werden.

Die energische Najia Latif hat das in Paschtun Zargon schon geschafft. "Mit dem Geld, das ich voriges Jahr mit dem Safran verdient habe, habe ich Teppiche und neue Kleider für die Kinder gekauft", berichtet sie stolz. "Und dazu Arzneimittel, die ich benötige. Früher hätte ich mir das nicht leisten können."



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