Ahnenforschung In jedem steckt ein bisschen Bush

Barack Obama ist ein entfernter Cousin von Brad Pitt und George W. Bush - diese Meldung sorgte nicht nur in den USA für Aufsehen. Doch was bedeutet es, Verwandte neunten Grades zu haben? Ahnenforscher sprechen von Sensationsmache.

Von Andreas Maisch


Vom Stammbau her findet der US-Vorwahlkampf mitten im Hause des Hollywood-Traumpaares Brad Pitt und Angelina Jolie statt. Es stehen sich gegenüber: Brad und sein Cousin neunten Grades Barack Obama - und Angelina mit ihrer Cousine, ebenfalls neunten Grades, Hillary Clinton. Die New England Historic Genealogical Society hat die Stammbäume der Präsidentschaftsbewerber analysiert und ein buntes Potpourri an Verwandtschaftsbeziehungen veröffentlicht: Clinton sei nicht nur mit Jolie, sondern auch mit Madonna, Celine Dion und Alanis Morissette verwandt. Obama dagegen stecke verwandtschaftlich tief im republikanischen Lager: George W. Bush, Dick Cheney und Gerald Ford seien entfernte Cousins von ihm. Aber was bedeuten solche genealogischen Studien? Ist nicht irgendwann jeder mit jedem verwandt?

"Es klingt nach äußerst dünner Hollywood-Mache", sagt Reinhard Hofer vom Verband deutschsprachiger Berufsgenealogen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der studierte Historiker arbeitet seit 1994 hauptberuflich als Ahnenforscher. "Ich kann mir selbst nicht vorstellen, was das bedeuten soll, einen Cousin neunten Grades zu haben". Schließlich verdopple sich die Zahl der Vorfahren mit jeder Generation und steige exponentiell an: Jeder Mensch hat zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern und so weiter. Nach wenigen Generationen überlappen sich die Stammbäume von Menschen, die in völlig verschiedenen Teilen der Welt leben.

Basierend auf dieser Erkenntnis, gingen 2004 Forscher vom Massachusetts Institute of Technology der Frage nach: Gibt es den Urvater, ein gemeinsamen Vorfahren aller Menschen? Wie weit müsste man in die Vergangenheit zurückgehen, um auf einen Ahnen aller lebenden Menschen zu treffen? Mit einem aufwendigen Rechenmodellmodell, in dem sie verschiedene Wachstumsraten, unterschiedlich stark isoliert Gruppen und gelegentliche Migration berücksichtigten, fahndeten die Wissenschaftler nach dem Urahn. Ihr Ergebnis: Rein rechnerisch lebte der universelle Vorfahr vor 76 Generationen, was bei einer angenommenen Generationsdauer von rund 30 Jahren bedeuten würde, dass dies vor 2300 Jahren war. Man muss also nur weit genug in die Vergangenheit reisen: Irgendwann, ist jeder mit jedem verwandt - vorausgesetzt man definiert Verwandtschaft im Sinne des Stammbaums und nicht im Sinne der Vererbung von Genen.

Lückenhafte Daten

In den USA ist die Genealogie, die Lehre von der Abstammung, äußerst populär - besonders im Internet blüht die Ahnenforschung. In Deutschland leidet die Genelogie dagegen immer noch unter dem Missbrauch durch die Nationalsozialisten - Schlagwörter wie der "Ariernachweis" klingen hier noch nach. "Bei den Amerikaner ist das Bewusstsein tief verankert, dass alle von europäischen Einwanderern abstammen", sagt Hofer. Er selbst bekomme immer wieder Anfragen von Amerikanern, die ihre deutschen Wurzeln näher kennenlernen möchten. Und genau darin sieht der Ahnenforscher auch den Sinn von genealogischer Forschung: "Es geht darum, die eigene Herkunft zu erforschen" - Meldungen von Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Politikern und Hollywood-Stars dagegen sieht er als "Dinge für die Zeitungen".

Genealogische Studien, die bis zu zehn Generationen zurückreichen, hält Hofer auch aus wissenschaftlichen Gründen für problematisch. Denn Genealogen analysieren schriftliche Dokumente - und je weiter die Forschung in die Vergangenheit zurückreicht, umso unsicherer wird sie. "In Deutschland beispielsweise gibt es erst seit 1875 Standesämter, davor muss man sich auf Kirchenbücher verlassen", sagt Hofer - und diese würden zwar oft bis zum 30-jährigen Krieg zurückreichen, aber "je weiter man zurückforscht umso ungenauer und lückenhafter wird die Datenlage".

"Der Mensch will wissen, woher er kommt"

Inzwischen betreten einige Genealogen ganz neue Pfade: Genetische Genealogie heißt der Trend. Ahnenforscher suchen nicht mehr nur in Archiven, sondern auch menschlichen Erbgut nach Verwandtschaftslinien. Mittlerweile bieten mehrere Firmen genetische Stammbaumanalysen an: Für eine Speichelprobe und mehrere hundert Euro erfährt man dort angeblich mehr über das eigene Urvolk und das Ursprungsland vor bis zu tausend Jahren. Grundlage bilden Genanalysen archäologischer Funde, zudem bauen die Firmen Datenbanken mit dem Genmaterial ihrer Kunden auf.

Aber ist das möglich, tausend Jahre genetisch zurückzuverfolgen? "Man kann schon gewisse Aussagen treffen, aber je weiter man zurückschaut, umso stärker geht es um Wahrscheinlichkeiten", sagt Claus Bartram vom Institut für Humangenetik der Universität Heidelberg zu SPIEGEL ONLINE. Er sieht die genetische Genealogie mehr als Hobby. "Wenn jemand dafür Geld ausgeben will, ist das seine private Sache". Die Nachfrage dürfte aber nicht kleiner werden, glaubt auch Bartram: "Der Mensch will nun mal wissen, woher er kommt."

Dem Genealogen Reinhard Hofer begegnet dabei in seiner täglichen Arbeit immer wieder eine Sehnsucht: der Wunsch, adelige Vorfahren zu haben. "Da geht es beispielsweise um das Gerücht, ein illegitimer Sohn Kaiser Wilhelms sei Teil des Familienstammbaums", berichtet der Ahnenforscher. Doch hier muss er seine Auftraggeber enttäuschen: "Solche Gerüchte haben sich bisher nie bewahrheitet".



insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
Summer Rain 28.03.2008
1.
Es sollen ja alle Blauäugigen den selben Urahn, einen Mutanten ;), haben. Solche wissenschaftlichen Erkenntnisse mögen ja interessant sein, für die persönliche Nutzung sind sie aber nichtssagend, weil zu weit weg. Mein Bruder z.B. konnte in unserem schwedisch/finnischen Ahnenzweig forschen, weil in Schweden standesamtliche Aufzeichnungen seit dem 16.Jahrhundert erhalten sind. Er fand heraus, von wo überall unsere Familie eingewandert und ausgewandert war, und dass fast alle Männer erst sehr spät im Leben geheiratet und Kinder bekommen haben. Diese Einsicht war für ihn sehr hilfreich, weil er nun gelassener an seine Familienplanung heranging. Und meinen Sohn konnte ich mit dieser Erkenntnis auch schon trösten. ;)
Hans58 28.03.2008
2.
Zitat von sysopBarack Obama ist ein entfernter Cousin von Brad Pitt und George W. Bush - diese Meldung sorgte nicht nur in den USA für Aufsehen. Doch was bedeutet es, Verwandte neunten Grades zu haben? Ahnenforscher sprechen von Sensationsmache. Wie verwandt sind wir untereinander?
Ich bin ein entfernter Verwandter von Adam und Eva.....
Jochen Binikowski 28.03.2008
3.
Ich möchte lieber nicht wissen, wer meine Urahnen waren. Wer weiss welche schlimmen Finger dabeiwaren...
Kristian Viesmann, 28.03.2008
4.
Wir stammen alle von simplen Einzellern ab, dem Urschlamm. Welch Bahnbrechende neue Erkenntis ;).
Taraxacum 28.03.2008
5.
Ich habe ausreichend nahe Verwandte und damit bin ich ganz zufrieden. Natürlich kann Ahnenforschung ein sehr interessantes Hobby sein, aber bei einer Verwandtschaft um 50 Ecken herum wird es langsam ein bisschen absurd.
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