Wissens-Illusion Ahnungslose sind oft besonders laut

Wer keine Ahnung hat, tut seine Meinung oft am lautesten kund, Planeten geben den Takt für ein Musikstück vor und der "Graue Tod" geht um. Hier kommen die Wissenschafts-Nachrichten der Woche aus den USA.

Mann mit Megafon
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Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

Drogen-Epidemie

Nicht nur die Zahl der Drogensüchtigen in den USA steigt immer weiter, sondern auch die der Präparate, die diese rauchen, schnupfen oder spritzen. "Grauer Tod" nennen die Ermittler das jüngste Teufelszeug, das im Straßenverkauf feilgeboten wird. Es ist ein Mix aus Heroin, dem rund 50fach wirksameren Fentanyl und dem Elefantenbetäubungsmittel Carfentanil. Zusätzlich ist noch ein hochgefährliches Opiat namens U-47700 beigemischt.

Drogenfahnder sehen sich derzeit der schlimmsten Sucht-Epidemie der US-Geschichte gegenüber. Rund 50.000 Menschen starben im letzten Jahr an Überdosen - weit mehr als im Straßenverkehr. Und die Dealer sind erfinderisch: Immer neue Opiate sind im Umlauf. Oftmals kommen sie per FedEx aus Drogenlabors in China. Die Preise sind erschreckend niedrig. Schon die für zehn Dollar erhältliche Menge "Grey Death" kann tödlich sein.

Die lauten Ahnungslosen

Die Menschen wissen viel weniger, als sie zu wissen glauben. Egal ob es um Fahrrad, Kaffeemaschine oder Toilettenspülung geht: Die meisten bilden sich ein, sie verstünden die Geräte, die sie alltäglich nutzen. Wer die vermeintlichen Durchblicker jedoch befragt, stößt oft auf bodenlose Ahnungslosigkeit. Die Kognitionsforscher Steven Sloman und Philip Fernbach haben diese "Wissens-Illusion" gründlich untersucht und ihr ein neues Buch gewidmet.

Eigentlich, meint Sloman bei der Buchvorstellung im MIT Bookstore, sei Unwissen nicht schlimm. Denn statt auf eigene Expertise könnten die Menschen ja allerorten auf die anderer zurückgreifen. Für problematisch hält er jedoch, dass oftmals gerade jene Menschen besonders lautstark ihre Meinung vertreten, die am wenigsten von einem Thema verstehen. Das zeigte sich zum Beispiel, als er Probanden befragte, ob die USA militärisch in der Ukraine eingreifen sollten. Einige waren vehement dieser Meinung - und zwar genau jene, die am weitesten daneben lagen, als sie die Ukraine auf einer Weltkarte lokalisieren sollten.

Planeten kreieren Himmelsschlager

Vielleicht hatte Pythagoras doch recht? Der antike Philosoph von der griechischen Insel Samos lehrte, die Himmelskörper seien an durchsichtige Schalen geheftet, deren harmonisch aufeinander abgestimmte Bewegungen Töne erzeugten. Nun scheint es, als hätten Astronomen etwas am Himmel aufgespürt, das solcher Sphärenmusik erstaunlich nahe kommt.

Es geht um die sieben Planeten, die den erdnahen Stern Trappist-1 umkreisen. Ihre Bahnen sind extrem eng; der innerste der Trabanten braucht für einen Umlauf gerade einmal anderthalb Tage. Vor allem aber: Die Umlaufzeiten aller Trappist-1-Planeten stehen in ganzzahligem Verhältnis zueinander. Die Forscher sprechen von "Resonanz".

Der Jazzmusiker Matt Russo hat sich von diesem außergewöhnlichen Phänomen inspirieren lassen: Er übersetzte die Umlauffrequenzen in Töne und markierte anschließend jede Annäherung zweier Nachbarplaneten mit einem Trommelschlag. So entsteht ein auf wundersame Weise harmonischer Himmelsschlager - Sphärenmusik eben.

Der Heißhunger Schwarzer Löcher

Im Sheraton Hotel nahe des Harvard Square ging es in dieser Woche um eines der großen Mysterien der Astrophysik: Schwarze Löcher. Die Harvard-Universität hatte Astronomen, Mathematiker und Philosophen geladen. Gemeinsam rätselten sie nun: Sitzt im Zentrum jeder Galaxie ein bis zu 10 Milliarden Sonnenmassen schweres Schwarzes Loch? Warum wechseln sich bei diesen gigantischen Materieschluckern lange Fastenzeiten und kurze gefräßige Episoden ab? Und kann es wirklich sein, dass Information, die in einem Schwarzen Loch verschwindet, unwiderruflich verloren geht?

Schwarzes Loch (Animation)
Nasa

Schwarzes Loch (Animation)

Vor allem eines machte die Konferenz deutlich: Die Erforschung Schwarzer Löcher ist in eine neue Phase eingetreten. Lange Zeit war sie ein Fach für Theoretiker, jetzt ist sie zur beobachtenden Wissenschaft geworden. Seit der Gravitationswellen-Detektor LIGO Signale Schwarzer Löcher aufgefangen hat, können sich die Forscher erstmals auf reale Daten stützen. Nun fiebern sie den Ergebnissen der zweiten LIGO-Messkampagne entgegen, die voraussichtlich im Sommer veröffentlicht werden.

Menschlichen Zellen das Hungern lehren

Nacktscanner am Flughafen durch Gummibäume zu ersetzen, die selbst geringste Spuren von Sprengstoff durch Farbwechsel anzeigen, mag eine reizvolle Vorstellung sein. Aber wird so etwas wirklich gebraucht?

Mit Ideen wie der von pflanzlichen Sprengstoffmeldern an der Sicherheitskontrolle warben in der letzten Woche 250 Forscher, die sich in New York City versammelt hatten. Sie wollen das "Genome Project write" (GP-write) vorantreiben, dessen Ziel es ist, künftig ganze Genome im Labor herzustellen.

Eines muss man zugeben: Die GP-write-Visionäre haben gelernt. Bei ihrem ersten Treffen vor einem Jahr ernteten sie viel Kritik, weil sie die Presse ausschlossen. Diesmal war die Öffentlichkeit zugelassen. Ob ihre Idee zünden wird, bleibt trotzdem offen.

Statt der erhofften 100 Millionen Dollar konnten sie bisher nur 250.000 einwerben. Die Zusage für ein weiteres 500.000-Dollar-Projekt bekamen sie in New York. Ziel soll es sein, menschliche Zellen das Hungern zu lehren. Die Forscher wollen ihnen beibringen, Nährstoffe, die der Mensch sonst aus seiner Nahrung gewinnt, selbst herzustellen.

Auftraggeber allerdings ist die Militäragentur Darpa. Das nährt die Befürchtung, dass die Militärs bereits von besonders entbehrungsreichen Designer-Soldaten träumen. Jef Boeke, einer der GP-write-Begründer, versichert, so etwas habe niemand im Sinn: "Wir wollen nur die guten Sachen machen, nicht die schlechten." Ob solche Beteuerungen reichen werden, um die Ängste verstummen zu lassen?

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