Aids-Bekämpfung: Hoffen auf Benedikts geheime Kondom-Studie

Von und Stefan Schmitt

Denkt die katholische Kirche endlich um? Die geheime päpstliche Kondom-Studie, über die der Vatikan jetzt erstmals öffentlich sprach, macht den Aids-Bekämpfern Hoffnung: "Auf ein solches Signal haben wir lange gewartet." Auch wenn manche die Untersuchung reichlich absurd finden.

Die Aussichten für dieses Jahr sind düster. Bis Ende Dezember werden sich 4,3 Millionen Menschen neu mit dem HI-Virus angesteckt haben - 2,9 Millionen Menschen werden binnen zwölf Monaten an Aids gestorben sein. 39,5 Millionen Menschen sind derzeit mit dem todbringenden Virus infiziert. Nie zuvor waren es mehr. Das Aids-Bekämpfungsprogramm der Uno (Unaids) gab diese Rekordzahlen gestern bekannt, nachdem sie ihren Welt-Aids-Bericht vom Sommer aktualisiert und um einige deprimierende Details ergänzt hatte.

Protest-Aktion mit Riesen-Kondom in Hamburg (1998): Die geheimnisumwitterte Vatikan-Studie ist fertiggestellt worden - und unter Verschluss
AP

Protest-Aktion mit Riesen-Kondom in Hamburg (1998): Die geheimnisumwitterte Vatikan-Studie ist fertiggestellt worden - und unter Verschluss

Doch fast zeitgleich kamen im Kampf gegen Aids deutlich hoffnungsvollere Signale - und zwar von einer Stelle, von der seit langem keiner mehr ein Umdenken erwartete: Im Vatikan deutet sich eine neue Aids-Politik an.

Die immer größere Verbreitung der Immunschwächekrankheit bereite auch Papst Benedikt XVI. Sorgen, sagte Kardinal Javier Lozano Baragàn in Rom - und bestätigte die Existenz einer päpstlichen Kondom-Studie: "Gemäß dem Wunsch von Benedikt haben wir den Gebrauch von Kondomen sorgfältig untersucht, sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus moralischer Sicht", sagte Baragàn, der Gesundheitsminister des Vatikans. Er schwieg zum genauen Inhalt, erklärte aber vielsagend, man habe "alle Aspekte" in die Untersuchung einbezogen.

Eine vom Vatikan initiierte Kondom-Studie - das ist durchaus eine kleine Sensation. Schließlich hat die katholische Kirche sich bislang strikt gegen die Verwendung von Kondomen ausgesprochen, eheliche Treue und Enthaltsamkeit als bestes Mittel gegen Aids gepriesen und so aus Sicht vieler Kritiker die Aids-Katastrophe in Afrika und Asien mitverschuldet.

Die Studie ist eines der stärksten Indizien dafür, dass der Vatikan seine kompromisslose Haltung zum Kondom als wichtigstem Anti-Aids-Accessoire aufweicht. Erste Spekulationen darüber, dass Benedikt XVI. mit der dogmatischen Ignoranz seines Vorgängers brechen könnte, gab es schon im Frühjahr: Damals hatte Benedikt XVI. "eine Prüfung dieser besonderen Frage einer Benutzung von Kondomen von Seiten Aids-Kranker verlangt" (Baragàn).

Nun hat Baragàn immerhin so viel verraten: Im Auftrag des Papstes habe das vatikanische Gesundheitsministerium eine Studie über den Gebrauch von Kondomen im Kampf gegen Aids erstellt. Der Hörfunksender "Radio Vatikan" berichtete, das 200-seitige Dossier sei an die Glaubenskongregation weitergegeben worden. Dieses Gremium ist das ideologische Machtzentrum der Kirchenregierung. Joseph Ratzinger stand ihm vor seiner Berufung zum Papst selbst lange vor.

Bisherige Haltung der Kirche "ein großes Hindernis"

"Auf ein Signal dieser Art haben wir lange gewartet", sagt Kai-Uwe Merkenich, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Berlin, zu SPIEGEL ONLINE. Grundsätzlich sei zu begrüßen, dass der Vatikan eine Kondom-Studie durchgeführt habe. "Auch wenn es nicht die Intention des Verbots ist, ist die Ablehnung von Kondomen durch die katholische Kirche mit Sicherheit ein großes Hindernis in der HIV-Prävention".

Marianne M. Raven, deutsche Geschäftsführerin der überkonfessionellen Hilfsorganisation Plan International, würde einen Richtungswechsel begrüßen. Sie hält "vom Kondomverbot gar nichts" und hofft: "In Lateinamerika und auf den Philippinen - also Ländern, in denen das katholische Christentum die vorherrschende Religion ist -, hätte es sicherlich Auswirkungen, wenn der Vatikan seine strikte Ablehnung der Verwendung von Kondomen aufgäbe."

Der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Volker Beck, spricht von einer "unbarmherzigen Haltung, unter dem moralischen Postulat der Enthaltsamkeit eine wirksame HIV-Prävention durch Kondome unmöglich zu machen und der Aids-Ausbreitung tatenlos zuzusehen". Ein Aufweichen dieser Haltung mache "die Sexuallehre des Heiligen Stuhls zwar immer noch nicht mit der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen vereinbar, aber ein wesentlicher Fortschritt wäre erreicht".

"Eine wissenschaftliche Studie des Vatikans zu Kondomen ist schon absurd - alle Fakten liegen seit Jahren auf dem Tisch", sagt dagegen Tobias Luppe, Leiter der Medikamentenkampagne bei Ärzte ohne Grenzen. "Der Vatikan muss in der Realität ankommen und akzeptieren, dass Sexualität auch außerhalb und vor der Ehe stattfindet". Er kritisiert das Studien-Design: "Wenn es so war, wie ich gehört habe, dann war es absurd: Man wollte die Nutzung von Kondomen bei Ehepaaren untersuchen, bei denen ein Partner mit HIV infiziert war."

"Enormer Regenbogen" der Meinungen

In der Kondom-Studie des Vatikan heißt es nach Angaben der italienischen Zeitung "La Repubblica", die Benutzung von Präservativen sei als "geringeres Übel" anzusehen, wenn es darum gehe, die tödliche Ansteckungsgefahr abzuwenden. Diese Aussage ist bisher unbestätigt - entspricht aber wörtlich dem Argument, mit dem der ehemalige Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini schon im Frühjahr für einen Richtungswechsel der katholischen Kirche geworben hatte. Viele andere Kardinäle wiesen den Vorstoß zurück, nicht so aber der vatikanische Gesundheitsminister Baragàn. Schon dass er jetzt offen sagt, es gebe in der katholischen Kirche "einen enormen Regenbogen" an Meinungen zu Kondomen, ist ungewohnt offen.

Im April waren in Rom zum ersten Mal Gerüchte über die nun offenbar fertiggestellte Studie in Umlauf geraten. Der Vatikan könne zumindest HIV-Infizierten den Gebrauch von Kondomen erlauben, hieß es damals. Der Kirchenstaat arbeite an einem entsprechenden Dokument, das demnächst veröffentlicht werden soll. Bei einer Papstaudienz afrikanischer Bischöfe im gleichen Monat stand das Thema Aids auf der Tagesordnung. Damals habe Benedikt XVI. in der Debatte das Wort Kondom immerhin unbefangen verwendet, wurde berichtet - undenkbar bei seinem Vorgänger Johannes Paul II.

Baragàns Äußerungen über die Studie kommen zu einem interessanten Zeitpunkt: In der vergangenen Woche traf sich die Spitze der römischen Kurie zu einem Gipfeltreffen - offiziell um über ein anderes Streitthema zu beraten, das Zölibat. Und ab morgen findet in Rom eine Konferenz über "Pastorale Aspekte der Pflege bei Infektionskrankheiten" statt. Mehr als 500 Teilnehmer werden erwartet - Mediziner und Seelsorger.

Die Bezeichnung von Aids als "Geißel oder Strafe Gottes" wollte sich Baragàn nicht zu eigen machen, berichtet Radio Vatikan. Eine solche moralische Schuldzuweisung könne nur Gott treffen. Baragàn wies darauf hin, dass die Kirche mit ihren Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen gerade in vielen Entwicklungsländern die Rolle einer Avantgarde im Kampf gegen Aids einnehme.

Keinesfalls soll "sexuelle Freizügigkeit" gefördert werden

Wie es weitergeht, dazu sagte der Gesundheitsminister des Vatikans: "Wir hoffen, die Theologen und der Heilige Vater werden sagen, wie man am besten mit diesem Thema umgeht." Es könne aber "keine Entscheidung der Kirche kann so ausfallen, dass sie sexuelle Freizügigkeit fördert". Das Kondom dürfe immer nur die letzte Lösung sein. Beobachter halten schon jetzt eines für sicher: Falls es ein Okay aus dem Petersdom zu Kondomen gibt, dann natürlich nur für Verheiratete.

"Ich glaube nicht an eine generelle Liberalisierung des Umgangs mit Kondomen", sagt Merkenich von der Aids-Hilfe Berlin. Dabei gilt es inzwischen als völlig unumstritten, dass genau dies ein Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen Aids wäre. In der jüngsten Ausgabe des medizinischen Fachmagazins "Lancet" berichten Wissenschaftler über eine aktuelle Untersuchung des Sexualverhaltens junger Menschen im südlichen Afrika. Besonders junge Frauen würden inzwischen öfter Kondome benutzen. Sie seien beim ersten Intimverkehr im Durchschnitt älter und hätten weniger Sexualpartner. All dies soll zum Rückgang der HIV-Infektionsrate zwischen 2000 und 2005 beigetragen haben - sie ist bei jungen Menschen in Botswana, Burundi, der Elfenbeinküste, Kenia, Malawi, Ruanda, Tansania und Simbabwe deutlich zurückgegangen.

Die Entscheidung der katholischen Kirche wird spannend - auch für eine ganz andere Weltmacht, die bei Kondomen offensichtlich Vorbehalte hat: die USA. Was nur wenige wissen: Auch im umfassenden Budget der US-Regierung zur Aids-Bekämpfung gibt es kein Geld für Präservative.

mit Material von AP/dpa/Reuters

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