Aids Debatte um HIV-Zwangstest in China

Das Milliardenland China hat Nachholbedarf beim Thema Aids. Die offiziellen Schätzungen zur Ausbreitung der Krankheit, halten viele westliche Experten für noch zu niedrig. Doch mit ihrer Testkampagne stößt die Regierung in Peking auch auf Kritik - denn Risikogruppen sollen landesweit zwangsgetestet werden.

Von Stefan Schmitt


Eine Überbetonung von Persönlichkeitsrechten dürfte in der Frühzeit von Aids zur Ausbreitung der Krankheit in den USA beigetragen haben. Gut, dass die chinesische Regierung sich zu härterem Durchgreifen und Zwangstests für Risikogruppen entschieden hat: So argumentieren vier Epidemiologen im Magazin "Science".

Aids-Plakat in China: Aufklärung ja, aber auch Zwang? 
AP

Aids-Plakat in China: Aufklärung ja, aber auch Zwang? 

Kurz nachdem im jüngsten Weltaidsbericht zum ersten Mal halbwegs belastbare Schätzungen über die Zahl HIV-Infizierter und Aids-Kranker in China vorgelegt wurden, beleuchtet der Meinungsbeitrag der Mediziner in dem renommierten Wissenschaftsjournal ein Dilemma für Anti-Aids-Aktivisten und Gesundheitsexperten.

Vor 25 Jahren dokumentierten Mediziner die ersten Aids-Fälle, in Kalifornien.Lange - und sicher nicht völlig zu Unrecht - warf die Weltgemeinschaft der Regierung in Peking vor, das Aids-Problem zu ignorieren, zu vertuschen oder wenigstens herunterzuspielen. Nun untersuchen die Chinesen das wahre Ausmaß der Seuche, zwingen dabei aber ganze Gruppen zum Test: Prostituierte, Fixer, homosexuelle Männer, alle Patienten, die mit irgendeiner sexuell übertragbaren Krankheit auffallen, und Gefängnisinsassen.

Ende 2003 hatten die Vereinten Nationen und das chinesische Gesundheitsministerium gemeldet, 840.000 Menschen in China seien HIV-positiv, 80.000 davon bereits an Aids erkrankt - eine grobe Schätzung. Kurz darauf warnten Mediziner in der Fachzeitschrift "The Lancet": Im Jahr 2010 könnte China zehn Millionen Infizierte haben, wenn nicht besser getestet würde.

Infektionsquote immer noch verdächtig niedrig

Im jüngsten Weltaidsbericht liegen erstmals von Unaids als belastbar bezeichnete Daten vor. Aus ihnen geht hervor, dass derzeit rund 650.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert sind. Das entspräche - nur - einem Anteil von 0,1 Prozent der Bevölkerung, merken Gesundheitsexperten an und vermuten, die Wahrheit liegt darüber. Mehr Tests seien nötig für bessere Schätzungen, lautete die Reaktion.

Auch die Autoren des "Science"-Meinungsstücks vertreten diese Meinung. Was sie - ein US-Amerikaner, eine Australierin und zwei Chinesen - schreiben, mag beiden Seiten nicht so recht passen: Westliche Beobachter werden die Stirn runzeln ob der Art, wie ein robustes staatliches Vorgehen gelobt wird - in einem Staat, der für autoritären Umgang mit seinen Bürgern bekannt ist. Und die chinesische Regierung wird sich wohl fragen, was die ganze Nörgelei wegen Privatsphäre, Menschenrechten, Druck und Ausgrenzung soll.

"China hat als primäre Verantwortung für die Kontrolle der HIV/Aids-Epidemie erkannt", schreiben Wu, Xinhua Sun, Sheena G. Sullivan und Roger Detels, "die Nicht-Angesteckten zu schützen, indem es die Infizierten identifiziert." Das erinnert an Debatten in der Bundesrepublik der Achtziger Jahre und besonders im Freistaat Bayern um eine Aidstests-Pflicht. Hierzulande wurde diese Idee eines Zwangstests verworfen, und Aids gelangte dennoch ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Das würde man auch den Chinesen wünschen.



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