Aids-Immunität Positiv, lebenslang

Seit mindestens 22 Jahren trägt eine Frau aus Bonn HI-Viren in sich, doch sie wird nie an Aids sterben. Sie ist immun gegen die Immunschwäche, die schlimmste Seuche der Moderne. In ihren Genen soll der Schlüssel für eine Impfung gegen Aids liegen.

Von Franziska Badenschier


"Ich bin nicht typisch." Immer wieder sagt Anke Müller* diesen Satz: "Ich bin nicht typisch." Es klingt, als fühle sie sich schuldig, weil sie lebt und so viele andere tot sind. Vor 22 Jahren bekam sie die Diagnose "HIV-positiv". Sie lebt immer noch, hat kein Aids, muss noch nicht einmal Medikamente gegen die Immunschwäche nehmen. "Sie wird niemals an Aids erkranken", prophezeit der Arzt der 46-Jährigen. Anke Müller aus Bonn ist immun gegen die Krankheit, die innerhalb eines Vierteljahrhunderts zur schlimmsten Epidemie der Erde wurde und bisher bereits mehr als 25 Millionen Todesopfer forderte.

Immunschwäche Aids: Bislang 25 Millionen Todesopfer weltweit
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Immunschwäche Aids: Bislang 25 Millionen Todesopfer weltweit

Die rundliche Frau mit den hellblauen Augen und den ersten grauen Strähnen in ihren langen, dunklen Haaren hat Glück gehabt. Jeder hundertste bis dreihundertste HIV-Infizierte soll Schätzungen zufolge gegen Aids immun sein – eine Minderheit, deren Immunsystem jahrelang, gar jahrzehntelang die Kontrolle über die Viren behält. "Elite Controller" werden sie deshalb von Experten genannt, Müller spricht immer nur von "Langzeitüberlebenden". Womöglich machen Gene die Elite aus. Aids-Forscher wollen dieses Glück nicht dem Zufall überlassen – sondern die Erbgut-Fehler mit den guten Folgen aufspüren und daraus dann Gentherapien oder einen Impfstoff gegen die Seuche entwickeln.

Bei Anke Müller begann alles mit einer steilen Drogenkarriere: "Als ich 13 war, bin ich mit Büchern losgezogen, um alle Drogen zu testen, die da drin standen." LSD, Heroin, Koks hat sie genommen, auch die heutige Modedroge Crystal, die damals noch gar nicht so hieß. "Alles, was es halt gab", sagt Müller und schmunzelt. Fast neun Jahre lebte sie so – exzessiv, wenn auch "in der privaten Szene", wie sie betont, und nicht auf der Straße.

Anfang der Achtziger stieg Müller aus, von heute auf morgen. Weil es langweilig wurde, sagt sie. Weil eine damals noch unbekannte Seuche begann, sich auszubreiten. Weil die einzige Droge, die sie nicht kannte, so sagt sie selbst, Nüchternheit hieß. "Die Reste habe ich noch aufgebraucht", erinnert sie sich, "die wegzuschmeißen, wäre zu schade gewesen."

"Ich dachte, ich sterbe wie alle in ein, zwei Jahren"

Vielleicht infizierte sie sich während dieser Drogen-Jahre. Vielleicht hat sie sich bei ihrem Ehemann angesteckt. Oder hatte er den Virus von ihr? Genau lässt sich das nicht mehr nachvollziehen, denn auch ihr Mann hatte Erfahrungen mit Drogen, bevor sie ein Paar wurden. Die beiden waren kein Jahr zusammen, als 1983 die Hochzeitsglocken läuteten – für ihn aus inniger Liebe, für sie aus "Liebe und Abenteuer", wie sie sagt.

1985 entpuppten sich die Leberflecken am Hals von Anke Müllers Mann als Hautkrebs; seine Blutwerte stimmten nicht. Ein Test offenbarte: HIV-positiv. Da war Anke Müller gerade schwanger. Sie machte ebenfalls den Test, den es damals erst seit einem Jahr gab: auch HIV-positiv. Im August wurde Sarah* geboren. "Glücklicherweise war und ist sie negativ", sagt Müller. Ärzte drängten sie, das Kind zur Adoption freizugeben. Die Angst, Opfer der Aids-Seuche zu werden, wich der Panik, Sarah zu verlieren. Zwei Jahre später starb der Ehemann und Vater. "Die Chemotherapie war hart, der Krebs richtig böse", erzählt Müller. "Er hätte auch ohne Aids nicht überlebt." Das Kind blieb bei ihr.

Müller war nun eine alleinerziehende Mutter, die angeblich todbringende Viren im Blut und ein Abitur in der Tasche hatte, aber keine Ausbildung. Mit Gelegenheitsjobs hielt sie sich über Wasser. Später arbeitete sie halbtags bei verschiedenen Aids-Hilfen, dort wurde sie als Kennerin der Drogenszene gebraucht. Zum Arzt, zu regelmäßigen Kontrollen ging Müller nicht. "Ich bin ja davon ausgegangen, in ein, zwei Jahren tot zu sein - wie alle anderen auch."

Jahre ohne Symptome: Bin ich wirklich infiziert?

Sechs Jahre nach der Diagnose – wie viele Jahre seit der Infektion vergangen sind, lässt sich bis heute nicht feststellen – lebte die quirlige Frau noch immer. In ihrem Blut waren mehr T-Helferzellen als bei manchem HIV-Negativen. Diese Blutzellen sind eigentlich mitverantwortlich für die Immunabwehr gegen Krankheitserreger; HI-Viren jedoch dringen in T-Helferzellen ein, vermehren sich darin und zerstören sie. Müller begann zu zweifeln, ob sie wirklich infiziert war.

Jürgen Rockstroh, Aids-Forscher der ersten Stunde und mittlerweile Müllers Arzt, ordnete einen neuen HIV-Test an: Die Viren selbst ließen sich nicht nachweisen. Doch die mittlerweile molekularbiologisch verfeinerte Untersuchung zeigte: Im Blut sind Antikörper gegen die HI-Viren, also müssen auch die Viren da sein.

Mittlerweile lässt sich Müller regelmäßig Blut abnehmen. Alle drei Monate fährt sie auf den Bonner Venusberg, zu den Universitätskliniken, in die Immunologische Ambulanz von Rockstroh und Kollegen. Jedes Mal lautet das Ergebnis: Viruslast unter der Nachweisgrenze von 50 Viruskopien je Milliliter Blut, Immunsystem bestens.

*Name geändert



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