Aids und Tbc Kleinkrieg der Mediziner bremst Kampf gegen Seuchen

Viele Aids-Kranke haben auch Tuberkulose - Millionen Menschen sterben an dieser verhängnisvollen Kombination, doch Forschung und Gesundheitsprogramme vernachlässigen Tbc. Dabei wäre die Therapie vergleichweise billig, den Opfern leicht zu helfen.

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Es ist eine wahrlich unheilvolle Allianz: Tuberkulose, eine der älteren Geißeln der Menschheit, und Aids, eine junge Plage, breiten sich gemeinsam global aus. Immungeschwächte HIV-Infizierte sind eine leichte Beute für den Tbc-Erreger Mycobacterium tuberculosis. Die Patienten werden entweder frisch infiziert, oder schon in ihrem Körper schlummernde Bazillen ergreifen ihre Chance und werden aktiv.

Aids-krank: Jeder dritte Infizierte in Afrika stirbt durch eine zusätzliche Tuberkulose-Infektion
AFP

Aids-krank: Jeder dritte Infizierte in Afrika stirbt durch eine zusätzliche Tuberkulose-Infektion

Die doppelte Epidemie trifft vor allem Afrika und Teile Asiens. Dort hat sich die Zahl der Tuberkulose-Fälle in den vergangenen zehn Jahren vervielfacht, die Mehrheit der Opfer sind HIV-positiv. Beide Seuchen müssen gemeinsam bekämpft werden. Doch genau an diesem Punkt hapert es.

In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature Medicine" kritisiert Redakteur Apoorva Mandavilli Rivalitäten zwischen Aids- und Tbc-Forschern. Die Beziehungen zwischen den beiden Gruppen seien "alles andere als freundlich, was die Bekämpfung der Krise in Afrika und anderswo behindert". HIV-Experten würden Tbc-Spezialisten mangelnden Fortschrittswillen vorwerfen, während Letztere ihren Kollegen in der Aids-Forschung zu wenig Sinn für gesellschaftliche Zusammenhänge attestieren.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht - wie so oft - das Tauziehen um Finanzmittel.

"Ein tödlicher Fehler"

Weltweit wurde die Aids-Forschung im vergangenen Jahr mit mehr als drei Milliarden US-Dollar subventioniert. Die Tuberkulose-Fachleute mussten mit knapp einem Zehntel dieser Summe auskommen. Gleichwohl starben 2006 an Tuberkulose laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1,7 Millionen Todesfällen - sie ist die gefährlichste globale Seuche nach Aids, die 2,8 Millionen Tote forderte.

Als Hauptursache für die ungleiche Verteilung der Forschungsgelder gilt vielen Forschern der gesellschaftliche Status der Opfer beider Krankheiten. Tbc grassiert unter den Armen und Vergessenen, HIV sucht dagegen auch Prominente heim. Anti-Aids-Aktivisten haben eine starke Lobby entwickelt und sammeln fleißig Spenden. Für Tuberkulose interessieren sich dagegen nur wenige Wohltäter. Die Stiftung von Bill und Melinda Gates gehört zu den Ausnahmen.

"Es ist ein tödlicher Fehler, Tuberkulose in Zusammenhang mit HIV zu ignorieren", warnt WHO-Experte Mario Raviglione im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Direktor der Abteilung "Stop TB" erklärt, dass in Entwicklungsländern mindestens ein Drittel der Aids-Patienten direkt an Tuberkulose stirbt. Global dürften es etwa 15 Prozent sein.

Mehr Engagement für Aids als für Tuberkulose

Auch die Therapienkosten liegen weit auseinander: Ohne Pflegeaufwand erfordert die Behandlung eines HIV-Infizierten mit sogenannten retroviralen Präparaten jährlich 200 bis 300 US-Dollar. Eine sechsmonatige Tbc-Kur kostet dagegen nur 16 Dollar. Der Patient ist danach geheilt, sofern er die Medikamente auch tatsächlich ein halbes Jahr einnimmt, also auch nach Abklingen der Symptome; er steckt niemanden mehr an.

Mario Raviglione ist unzufrieden mit Deutschlands Rolle in der internationalen Tbc-Bekämpfung. "Die Regierung hat eine für kommenden April geplante Strategie-Konferenz auf Oktober verschoben, weil sie im Rahmen der EU-Präsidentschaft zu sehr mit anderen Gesundheitsthemen beschäftigt ist." Stattdessen wurde eine Expertenrunde zum Thema HIV organisiert. Robert Loddenkämper, Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose, kritisiert: "Ich habe den Eindruck, dass sich das Bundesministerium für Entwicklungshilfe im Moment mehr um Aids als um Tuberkulose kümmert. Es mangelt an gemeinsamen Projekten beider Forschungszweige."

In Deutschland nimmt die Zahl der Tuberkulose-Fälle laut Loddenkämper kontinuierlich ab. 2005 wurden hierzulande 6045 registriert, nur in 188 starben die Erkrankten. Die Zahl der erfassten HIV-Neuinfizierten lag nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) 2006 bei 2611. Von den Aids-Patienten leiden etwa zwölf Prozent unter einer akuten Infektion mit Tuberkulose-Erregern.

Erheblicher Kommunikationsbedarf

Trotz ungleicher Verteilung der Fördermittel wollen viele Fachleute von einer direkten Rivalität untereinander nichts wissen. "Tbc-Forschung ist zwar kein großes Thema in Deutschland, aber die Zusammenarbeit mit den HIV-Experten ist gut", sagt Osama Hamouda, HIV-Epidemiologe am RKI. Al Hinman, Pressesprecher der Global Alliance for TB Drug Development, empfiehlt Pragmatismus: "Weltweit sind mindestens zwölf Millionen Menschen gleichzeitig mit HIV und Tbc infiziert. Da darf es keine Kontroversen geben, man muss beides aggressiv bekämpfen." Die Allianz betreut derzeit zehn Projekte zur Entwicklung neuer Medikamente gegen Tuberkulose. "Alle müssen mit Präparaten gegen HI-Viren kompatibel sein", sagt Hinman.

Doch nicht nur eine Tuberkulose-Infektion selbst schwächt Aids-Kranke, auch das sogenannte "Immune Reconstitution Inflammatory Syndrome" (Iris) bedroht die Infizierten. Normalerweise stärkt die Behandlung von HIV mittels antiretroviraler Medikamente das Immunsystem. In einigen Fällen passiert jedoch genau das Gegenteil: Es kommt zu schweren Entzündungsreaktionen, jeder siebte stirbt an Iris.

Über die Ursachen des Syndroms tappen Mediziner noch weitgehend im Dunkeln, den bisherigen Wissenstand haben Wissenschaftler im "Journal of Antimicrobial Chemotherapy (Vol. 57, 2006: S. 167-170) zusammengefasst. Normalerweise tritt Iris in den ersten drei Monaten einer antiretroviralen Therapie auf. Die Häufigkeit schwankt zwischen 15 und 25 Prozent.

Unter Seuchenbekämpfern scheint sich das Problem bisher kaum herumgesprochen zu haben: "Iris-Fälle sind uns nicht bekannt, Zahlen werden hierzu nicht erhoben", sagt RKI-Experte Osama Hamouda. Auch bei der WHO zeigt man sich gelassen. Mario Raviglione: "Zurzeit ist Iris kein wichtiges Thema." Südafrikanische Forscher sprechen dagegen von einem häufigen Problem - offensichtlich gibt es erhebliche Kommunikationsprobleme.



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