Aids Unfall der Evolution machte HIV zum Killer

Eines der ältesten Rätsel um das HI-Virus ist geklärt. Forscher haben den Grund dafür gefunden, warum der Erreger beim Menschen Aids auslöst, den meisten Affen aber kaum etwas anhaben kann. Ein "Unfall der Evolution" habe das Virus zum Killer unter Menschen gemacht.

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Die Frage hat Wissenschaftler seit Jahren beschäftigt: Warum löst das HI-Virus nur beim Menschen die unheilbare Immunschwäche Aids aus, während beim Affen eine Infektion meist harmlos verläuft? Ein internationales Forscherteam unter deutscher Leitung hat jetzt offenbar die Antwort gefunden: Das Virus habe im Laufe seiner Entwicklung die Fähigkeit verloren, die Immunreaktion im Körper seines Wirts zu kontrollieren.

HI-Virus: Fatale Veränderung eines Proteins
CDC

HI-Virus: Fatale Veränderung eines Proteins

Beim Menschen führt eine Infektion mit HIV-1, der weltweit verbreiteten Form des Erregers, praktisch immer zum Ausbruch von Aids, dem Totalausfall des Immunsystems. Bei den meisten Primaten, die mit dem Affen-Pendant SIV infiziert sind, gibt es dagegen keinerlei Aids-ähnliche Symptome. Wie die Forscher um Frank Kirchhoff und Michael Schindler von der Universität Ulm jetzt herausgefunden haben, ist der Schlüssel zur todbringenden Aggressivität des Aids-Erregers das Protein "Negative Factor", kurz Nef.

In der ursprünglichen Virus-Variante besitzt das Eiweiß noch die Fähigkeit, das Immunsystem des Wirts im Zaum zu halten: Es kann die Aktivität der sogenannten T-Zellen regulieren. So sind genügend T-Zellen für eine Vermehrung des Virus vorhanden, jedoch nicht so viele, dass es zu einer starken Immunreaktion kommt.

Diese Fähigkeit ging jedoch während der Weiterentwicklung der Erreger bei einem der direkten Vorläufer von HIV verloren, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Cell". Die Folge: Eine HIV-Infektion führt beim Menschen zu einer permanenten Hyperaktivität der körpereigenen Abwehr. Die T-Zellen teilen und vermehren sich, sterben dann aber immer schneller ab. "Nach einigen Jahren bricht das Immunsystem zusammen, und es kommt zu Aids", sagte Kirchhoff zu SPIEGEL ONLINE.

Dosierte Immunreaktion soll Aids verhindern

Die "hohe chronische Aktivierung des Immunsystems" sei der einzige klare Unterschied zwischen krankmachenden und milderen Infektionen mit Immunschwächeviren. Die fatale Veränderung muss nach Ansicht der Wissenschaftler bei einem direkten Vorläufer des Schimpansenvirus stattgefunden haben, da auch die Schimpansenvariante von Nef keine Kontrollfunktion mehr besitzt.

Diese Vermutungen sehen die Forscher auch durch die Tatsache gestützt, dass SI-Viren mit intakter Nef-Funktion bei Affen mehr als 20-mal häufiger vorkommen können als die mit der veränderten Variante. Seit kurzem gilt auch als gesichert, dass das HI-Virus ursprünglich aus Kamerun stammt.

"Früher dachte man, eine starke Immunantwort ist das richtige Mittel gegen Aids", sagte Kirchhoff. Doch es werde immer deutlicher, dass das die falsche Strategie sei: "Es ist wichtig, die Immunreaktion zu dosieren." Vielleicht könne man eines Tages durch Medikamente erreichen, dass eine HIV-Infektion beim Menschen nur chronisch verläuft und nicht zum Ausbruch von Aids führt - wie beim Affen.



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