Aktion "Deutschland spricht" Reden hilft (tatsächlich!)

Tausende Deutsche mit sehr unterschiedlichen Ansichten über Politik und Gesellschaft werden heute miteinander ins Gespräch kommen. Bringt so eine Aktion eigentlich etwas?

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Eine Kolumne von


Zu den größten Misserfolgen der wissenschaftlichen Psychologie zählt die Tatsache, dass sie so oft recht hat, ohne dass es viele Leute mitbekommen. Es gibt eine Vielzahl von gut gesicherten Erkenntnissen, die, wenn man sie beherzigte, Gesellschaften wirklich weiterbringen würden. Unglücklicherweise dauert es gerade bei dieser Wissenschaft oft äußerst lang, bis ihre Erkenntnisse sich tatsächlich im gesellschaftlichen Diskurs oder gar in konkreten Maßnahmen niederschlagen.

Die Verfügbarkeitsheuristik und andere kognitive Verzerrungen, die Daniel Kahneman und Amos Tversky schon in den frühen Siebzigern beschrieben, formt den gesellschaftlichen Diskurs - aber dass das so ist, wissen die meisten Menschen bis heute nicht. Es zählt nicht zur Allgemeinbildung, dass häufige Berichterstattung über Kriminalität das Bedrohungsgefühl der Menschen erhöht, selbst wenn die reale Bedrohung stetig abnimmt. Es ist heute möglich - und zwar auf einfache Weise - zu wissen, dass viele Menschen in einer unnötig Furcht einflößenden Scheinwelt leben. Aber es weiß trotzdem kaum jemand.

Kennen Sie Gordon Allport? Nein? Aber Freud, stimmt's?

Ähnlich hilfreiche Erkenntnisse hat die Psychologie in vielen Bereichen zu bieten. Zum Beispiel, wenn es um die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts geht, das Großthema dieser Tage also.

Ich würde zum Beispiel fast wetten, dass Sie noch nie von Gordon Allport gehört haben - außer, Sie haben zufällig Psychologie studiert. Dabei hat Gordon Allport, gemeinsam mit diversen Kolleginnen und Kollegen, schon ab den frühen Fünfzigerjahren begonnen, die Frage zu untersuchen, wie Menschen möglichst vorurteilsfrei zusammenleben können. In der Sozialpsychologie ist Allport eine Berühmtheit. Nichtpsychologen aber denken beim Thema Psychologie noch immer eher an Freud, Jung und Adler.

Man muss, um die Brisanz von Allports 1954 erschienenem Buch "Die Natur des Vorurteils" (1954) zu verstehen, einen kurzen Blick in die Geschichte der Menschheit werfen. Man vergisst leicht, dass die meisten Bewohner dieses Planeten bis ins 19. Jahrhundert hinein über Tausende von Jahren in kleinen, überschaubaren, stabilen Gemeinschaften gelebt hatten. In Gemeinschaften, in denen fast alle den gleichen Beruf ausübten, jeder jeden kannte, und zwar lebenslang. In denen man Fremden höchstens in Gestalt durchreisender Händler und Gaukler - oder Krieger - begegnete.

Aus Gemeinschaft wird Gesellschaft

Mit der industriellen Revolution, dem Wachstum der Städte, neuen Transport- und Kommunikationstechnologien wurde diese ans Bauerndasein gewohnte Menschheit plötzlich mobil - und individuelle Lebensentwürfe wurden möglich. Plötzlich lebten überall Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen, das Dorfkollektiv als Kontrollinstanz und soziales Sicherheitsnetz fiel weg. Die Begegnung mit Fremden war nicht mehr Ausnahme, sondern Alltag. Aus Gemeinschaften wurden Gesellschaften, wie der Soziologe Ferdinand Tönnies das schon 1887 formuliert hat.

Innerhalb dieser Gesellschaften aber existieren weiterhin mehr oder weniger klar definierte Gruppen. Etwa, das war schon in den Dreißigern und Vierzigern ein beliebter Forschungsgegenstand in den USA, die Nachkommen schwarzer Sklaven und die Nachkommen weißer europäischer Einwanderer. Zwischen solchen Gruppen können gesellschaftliche Konflikte entstehen, das war offensichtlich. Die Frage, die Sozialpsychologen seitdem zu beantworten versuchen, ist: Wie kann man solche Konflikte abbauen?

Die Kontakthypothese

Allport war einer der Vertreter der auf den ersten Blick scheinbar schlichten Kontakthypothese: Vorurteile lassen sich abbauen, wenn man dem anderen begegnet. Allport formulierte die Annahme, dass Kontakte über Gruppengrenzen hinweg Vorurteile abbauen helfen können, wenn sie:

  • tatsächlich die Möglichkeit eröffnen, Bekanntschaften zu schließen;
  • es keine Statusunterschiede zwischen den sich Begegnenden gibt;
  • die Begegnung Kooperation, ein gemeinsames Ziel beinhaltet;
  • und wenn die Kontakte in einem unterstützenden Klima stattfinden, das die Begegnung an sich mit einer positiven Bewertung versieht.

Es gibt eine gewaltige Zahl von empirischen Befunden, die zeigen, dass die Kontakthypothese in der Regel und im Grundsatz richtig ist. Beispielsweise zeigten zwei Forscher schon 1951, dass weiße Frauen, die in Gegenden wohnten, in denen auch schwarze Familien lebten, deutlich weniger negative Stereotype gegenüber Schwarzen hegten als Frauen aus Wohngegenden mit strikter Rassentrennung.

Später zeigte sich sogar, dass nicht alle von Allports Bedingungen unbedingt erfüllt sein müssen, damit Kontakt zwischen Gruppen positive Effekte hat. Alle vier sind aber hilfreich.

In Deutschland ist heute bekanntlich zu beobachten, dass negative Einstellungen gegenüber Zuwanderern besonders dort ausgeprägt sind, wo in Wahrheit wenige Migranten leben.

Andere Studien haben gezeigt, dass auch die Begegnung mit einer einzigen Vertreterin einer bis dahin feindselig betrachteten Gruppe Vorurteile abbauen helfen kann - wenn diese Vertreterin als typisch für diese Gruppe betrachtet wird. Vor diesem Hintergrund ist das, was heute in Deutschland passiert, nämlich Gespräche zwischen bislang Fremden, die sehr unterschiedliche politische Ansichten vertreten, ein wichtiger, ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Bei der Aktion "Deutschland spricht!" sind, wenn man genau hinsieht, sogar alle vier Allport'schen Bedingungen erfüllt, wenn nichts schiefgeht. Schließlich haben sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer freiwillig und in hoffentlich konstruktiver Absicht zu der Aktion angemeldet. Alle wollen, dass etwas besser wird, eine großartige Voraussetzung. In diesem Sinne wünsche ich gute Gespräche: Reden hilft!

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insgesamt 126 Beiträge
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Seite 1
GeMe 23.09.2018
1. Kommt darauf an mit wem man reden soll
Ich habe mehrfach versucht mit AfD Anhängern ernsthaft zu reden. Das ist in etwas genauso erfreulich wie wenn man sich mit einem 1Kg Hammer auf den Daumen haut. Es hilft, wenn man sich intelektuell anpasst, aber es bringt einen auch dann nicht weiter. Siehe dazu: https://www.hogesatzbau.de/was-die-afd-ueber-ihre-waehler-denkt/
syracusa 23.09.2018
2. komme gerade zurück vom Gespräch
Ich komme gerade zurück vom Gespräch mit einem von "Deutschland spricht" vermittelten Rechten. Das "Gespräch" war ein Fiasko. Ich hatte es mit einem im buchstäblichen Sinn extrem pathologischen Fall von Verschwörungsfanatiker zu tun. Als ich ihn z.B. fragte, was für ihn der Begriff der Demokratie bedeutet, meinte er, dass er davon nichts halte, denn die sei sowieso nur die Diktatur der Mehrheit. In der Folge kam das kurze Gespräch auch auf Assads Ehefrau, die er als humanistische Heilige verehrte, die von unbedingter Liebe zu "Ihrem" Volk erfüllt sei. Meinen Hinweis darauf, dass sie sich immerhin noch nicht von ihrem Ehemann getrennt hat, der Giftgas auf sein und ihr Volk wirft, konterte er darauf, dass das alles nur CIA Lügen seien, und dass er über höhere Einsichten verfüge und deshalb auch schon vorhersagen könne, dass die CIA bereits am nächsten Giftgaseinsatz in Syrien arbeitet, für den sie dann Assad verantwortlich machen werde. Ich hab' das "Gespräch" an der Stelle abgebrochen, weil es unmöglich war, diesen Panzer von Verschwörungstheorien zu durchbrechen. Dieser Rechtsextreme jedenfalls ist ein Fall für den Psychiater, und nicht für "Deutschland spricht".
brooklyner 23.09.2018
3.
Warum das Logo zu "Deutschland spricht" ein Gesicht ohne Mund ist, erschliesst sich mir nicht ganz.
tomkey 23.09.2018
4. Absage des Gegenüber
Leider hat mein ausgesuchter Gegenüber, ein älterer Herr der sich u.a. über die Abgehobenheit des Establishments und offene Grenzen beschwerte, unseren heutigen Termin nicht bestätigt. Das bedaure ich sehr, denn mit älteren (weißen) Herren ernsthaft über solche Themen und andere zu diskutieren ist wirklich nicht einfach.
biber01 23.09.2018
5. @GeMe
Das angeführte Hammerszenario ist in dieser Sache natürlich aeusserst zielführend. Würde ja gern mal die andere Seite zu diesen Gesprächsversuchen hören.
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