Nachgeforscht Aktivkohle im Shampoo - braucht man das?

Aktivkohle soll in neuen Nivea-Produkten für besonders viel Sauberkeit sorgen. Aber hätte für Bürohengste nicht auch ein normales Shampoo gereicht?

Nivea-Shampoo mit Aktivkohle
Nivea/ Beiersdorf AG

Nivea-Shampoo mit Aktivkohle

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Wie sieht im Jahr 2016 der Held der Arbeit aus? Glaubt man der Werbung von Nivea, dann in etwa so: öltriefende Haare, schwarze Schmiere im Gesicht und ein Schraubschlüssel in den Händen, der so gewaltig in seinen Ausmaßen ist, als hätte das Werbemodel gerade eine Bohrinsel von Hand zusammengeschraubt.

Mit diesem Bild wirbt Nivea für seine neuen Active Clean-Produkte und preist sowohl Shampoo als auch Pflegedusche als "die richtigen Werkzeuge für echte Männer" an.

Nun kann man sich zu Recht fragen, wie viel Dreck der "echte Mann" in seinem Bürojob noch aufwirbelt und ob gleich eine Sonderbehandlung nötig ist, wenn es mal "etwas schmutziger wird". Auch erschließt sich nicht wirklich, wieso in dieser dreckigen, martialischen Arbeitswelt plötzlich der cleane, aber selten malochende Jogi Löw auftaucht.

Wundermittel gegen den Dreck?

Doch was die wissenschaftliche Neugierde an den beiden Produkten weckt, ist etwas anderes. Es ist der Claim, dass Shampoo und Pflegedusche besonders wirksam sind, weil in ihnen ein Wundermittel steckt: Aktivkohle.

Aktivkohle ist ein chemischer Alleskönner. Als Tablette geschluckt, kann sie Gifte im Körper binden und gegen Durchfall helfen. Eingesetzt in Filtern kann sie Chlor aus Trinkwasser oder Feinstaub aus der Luft entfernen.

Möglich ist all das, weil Aktivkohle wie ein Schwamm aufgebaut ist, voll mit feinen Poren. Fünf bis fünfzehn Gramm der Spezialkohle haben schon die Fläche eines Fußballfelds. Reichlich Platz also, um Dreck aufzusagen und einzulagern.

Nur: Wie weiß die Aktivkohle im Nivea-Produkt, was Dreck ist und was nicht? Wieso saugt sie nur den Schmutz auf, nicht aber das Shampoo oder die Haarpflege, die sie umgibt?

Außen wasserlöslich

Beiersdorf, der Hersteller der Nivea-Produkte, erklärt es folgendermaßen. Die Tenside, die Shampoo auf molekularer Ebene ausmachen und Fette und Öle binden, ordnen sich als eine Art Kugel an. In dieser Kugel ist der wasserunlösliche Teil der Tenside innen und der wasserlösliche Teil der Tenside außen. Dadurch wird verhindert, dass die Tenside sich an die Aktivkohle binden. Die Poren des Zauberstoffs saugen darum die Shampoobestandteile, etwa die Haarpflege, nicht auf.

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Dass das tatsächlich so funktionieren kann, bestätigt Stefanie Hild von der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie, Dechema, in Frankfurt. Sie hat sich als Forscherin unter anderem damit beschäftigt, wie Aktivkohle Arzneimittelrückstände aus dem Wasser entfernen kann und hält die Ausführungen von Beiersdorf für plausibel - zumindest, was die Tenside und ihre Kugelform angeht.

Dennoch zweifelt Hild an anderen Behauptungen und Erklärungen, die der Konzern zu seinen Produkten macht. Dass der maskuline Duft des Shampoos und der Pflegeeffekt von der Aktivkohle stammen, kann sie sich beispielsweise nicht vorstellen.

Fraglicher Zusatznutzen

Und auch was das Mehr an Sauberkeit angeht, bleiben Fragen offen. Zwar sagt eine Sprecherin des Unternehmens, dass man "in diversen Studien" nachgewiesen hätte, dass das neue Shampoo und die neue Haarpflege besser reinigen als herkömmliche Produkte. Veröffentlichen will man diese Studienergebnisse aber nicht.

Das Magazin "Ökotest" dagegen stellte vor Kurzem Kosmetikprodukten mit Aktivkohle vernichtende Urteile aus und hielt es für fraglich, ob diese wirklich einen Zusatznutzen haben.

Denn was genau soll die Aktivkohle binden, was Tenside nicht können? Insektizide wie DDT oder Lösungsmittel wie Chlorbenzol, gegen die Aktivkohle besonders gut hilft, sollten sich normalerweise weder im Haar noch auf der Haut finden. Und gegen herkömmliche Gerüche und Fette dürften auch handelsübliche Shampoos ausreichen.

Stefanie Hild von Dechema glaubt jedenfalls, dass das Plus der Aktivkohle überschaubar ist: "Nach meiner Meinung sollten eigentlich Wasser und Tenside reichen, um allen Schmutz zu entfernen." Für "echte Männer" dürfte also auch im Zweifel das normale Shampoo genügend Reinigungskraft haben. Auch wenn es im Büro mal schmutziger wird.

Bloß keine Glatze!


insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
tomtom 29.05.2016
1. Das beste Shampoo ist...
...gar kein Shampoo, bzw. ein Bio Shampoo von z.b. Weleda, nur ein mal pro Woche angeblendet. Ich hatte einmal massive Kopfhautprobleme. Den o.g. Tipp gab mir mein Hautarzt. Seit ich diesen befolge, sind alle Kopfhautprobleme Geschichte. Gilt übrigens analog für Duschgels etc.
locke27 29.05.2016
2. komisches weltbild
normale männer arbeiten im Büro??? also die meisten männer sitzen bestimmt nicht im büro. die meisten männer gehen "hart" arbeiten. mit echtem schmutz an den fingern. im bau, in der industrie oder im Handwerk!
jakopp.auckstayn 29.05.2016
3.
Seitdem ich mich mit Aktivkohle wasche,fühle ich mich soviel sauberer.
5b- 29.05.2016
4. Was für ein Claim?
Have wir forgotten manche German Wörter, oder what? Ich believe dass it besser ist, if wir bei one language bleiben, when wir write. Warum? Wenn wir ausländische Worte in deutsche Sätze quetschen, passen wir die der Grammatik nach an die deutsche Sprache an. Es passiert so nebenbei, wenn wir zum Beispiel "Claim" statt "claim" schreiben. Im Englischen werden nur "proper nouns" großgeschrieben. Schwieriger wird es wenn wir dinge "posten," "chatten" oder "googeln", denn diese Wörter gibt es so im Englischen nicht. Ich kann es verstehen, wenn wir in der Umgangssprache englische Wörter verwenden, da es oft landläufige Fachwörter sind. Wer kommt schon auf die Idee plaudern statt chatten zu sagen? Man würde auch nichts anheften oder aushängen, sondern einfach posten (oder auch kommentieren, antworten oder veröffentlichen). Wie man aber ohne sich komisch vorzukommen in einem Medium wie einem Online-Magazin einfach so ein "Claim" einwerfen kann, kann ich nicht verstehen. Haben wir schon vergessen, dass es auch deutsche Wörter dafür gibt oder sind wir zu faul uns kurz mal zu überlegen? Mit freundlichen Regards
Circular 29.05.2016
5. Wer braucht schon Shampoo
Die Seife kann man sich aus Fettresten in der Küche selber sieden. Das muss man nicht kaufen.
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