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AKW Brunsbüttel und Krümmel: Serie von Wasserstoff-Explosionen enthüllt

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Eine gefährliche Detonation im AKW Brunsbüttel Ende 2001 hat eine brisante, bisher unbekannte Vorgeschichte. SPIEGEL ONLINE vorliegende Dokumente belegen, dass es schon früher Explosionen gab - Atomaufsicht und Vattenfall bestreiten einen Zusammenhang.

In den drei deutschen Siedewassereaktoren Brunsbüttel, Krümmel und Gundremmingen hat es zwischen 1987 und 1999 Explosionen gegeben, deren Hintergründe der Öffentlichkeit bis heute nicht bekannt sind. Bisher geheim gehaltene Dokumente der deutschen Atomwirtschaft zeigen, dass Experten schon früh vor den Risiken von Wasserstoffdetonationen gewarnt haben - ohne dass die Kraftwerksbetreiber adäquat darauf reagierten hätten, sagt Henrik Paulitz, Atomkraft-Experte des Vereins Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), zu SPIEGEL ONLINE. "Weder die Betreiber noch die Aufsichtsbehörden haben die Warnungen hinreichend Ernst genommen." In allen drei betroffenen Kraftwerken hatte sich in Leitungen oder Ventilen hochexplosiver Wasserstoff gesammelt, der aus Wasser entsteht, wenn es starker radioaktiver Strahlung ausgesetzt ist - ein Prozess namens Radiolyse.

Kommt es zur Detonation, kann dies im Extremfall die Sicherheit des Kraftwerks gefährden - wie am 14. Dezember 2001, als in Brunsbüttel eine Rohrleitung in unmittelbarer Nähe des Reaktors auf einer Länge von rund drei Metern zerbarst. Die zuständige Atomaufsicht sprach damals von einem "gravierenden Störfall". Wäre die Explosion nur drei bis vier Meter weiter in Richtung des Reaktordruckbehälters aufgetreten, urteilten die Prüfer, hätte dies zu einem Kühlmittelverlust führen können, Notkühleinrichtungen wären erforderlich gewesen.

Vorwarnung für den gravierenden Störfall von 2001?

Doch die Detonation, die vom damaligen Betreiber HEW (heute Vattenfall) zunächst als harmlose Leckage dargestellt wurde, kam nach Meinung der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW mit Vorwarnung. Sie hat SPIEGEL ONLINE Dokumente übergeben, die eindeutig belegen, dass die Gefahr solcher Explosionen in der Branche seit 1987 bekannt war. Laut den sogenannten Weiterleitungsnachrichten (WLN), herausgegeben von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), gab es vor dem "gravierenden Zwischenfall" in Brunsbüttel am 14. Dezember 2001 bereits drei ähnliche Fälle:

  • Am 6. Mai 1987 wurden im AKW Gundremmingen radioaktive Edelgase freigesetzt, weil ein Ventil nicht geschlossen werden konnte. Prüfer stellten später fest, dass das Ventil durch eine Wasserstoffexplosion verformt worden war. In der Nachricht WLN 09/87 vom 30. Juli 1987 wurden Kraftwerksbetreiber und Atomaufsichtsbehörden vor derartigen Ereignissen gewarnt.
  • Sechs Monate später, am 6. November 1987, gab es im AKW Krümmel Probleme an Sicherheits- und Entlastungsventilen. Die Ursache: mehrere Wasserstoffexplosionen, bei denen die Ventile verformt worden waren. Wieder warnte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit vor dem Risiko der Radiolyse (WLN 18/87).
  • Am 17. September 1999 führte eine Detonation zum vollständigen Bruch einer vier Zentimeter dicken Leitung im AKW Brunsbüttel. Sechs Tonnen radioaktiver Dampf entwichen.

Paulitz von der Ärzteorganisation IPPNW kritisiert, dass der damalige Betreiber des AKW Brunsbüttel, HEW, trotz "eindeutiger Vorwarnungen" nicht adäquat gehandelt habe. "Die Veränderungen in Brunsbüttel reichten überhaupt nicht aus, wie die Wasserstoffexplosionen 1999 und 2001 klar gezeigt haben", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Vorwurf an die Landesregierung von Schleswig-Holstein

Der Stromkonzern Vattenfall, zu dem die einstige HEW mittlerweile gehört, weist die Vorwürfe der Ärzteorganisation zurück: "Wir haben unsere Kraftwerke nachgerüstet, um durch Überwachungs- und Vorsorgemaßnahmen auszuschließen, dass es zur Ansammlung von Radiolysegas und zu Explosionen kommen kann", sagte Vattenfall-Sprecher Ivo Banek SPIEGEL ONLINE. In Brunsbüttel sei es jedoch 2001 zu einem anderen Ablauf als in den vorher bekannten Fällen gekommen. Nach den "neuen Erkenntnissen in Brunsbüttel" habe man umfangreiche Änderungen im dortigen Atomkraftwerk und in den anderen deutschen Anlagen vorgenommen, "um solche Fälle für die Zukunft auszuschließen", sagte der Vattenfall-Sprecher.

Das Unternehmen weist darauf hin, dass die Zwischenfälle in Krümmel 1987 und Brunsbüttel 1999 "ordnungsgemäß gemeldet" worden seien. Das Bundesamt für Strahlenschutz habe sie als sogenannte meldepflichtige Ereignisse in seinen Berichten veröffentlicht. Das ist richtig. Allerdings tauchen die Explosionen in dem Behördenreport nur jeweils in einer Zeile auf, ohne dass auf Hintergründe eingegangen wird.

Die Ärzteorganisation IPPNW wirft der Landesregierung von Schleswig-Holstein zudem vor, im Jahr 2002 den Landtagsabgeordneten wichtige Informationen über den Störfall in Brunsbüttel vorenthalten zu haben. In dem von der Atomaufsicht erstellten Bericht über die Wasserstoffexplosion im Dezember 2001 (Drucksache 15/1735) fehle jeder Hinweis auf die vorangegangenen Explosionen. "Man hat das Parlament belogen, denn in den internen Dokumenten zu Brunsbüttel wurde wiederholt sehr deutlich auf die früheren Vorfälle hingewiesen", sagte Paulitz.

Im schleswig-holsteinischen Sozialministerium, der zuständigen Atomaufsichtsbehörde, sieht man hingegen keinen Zusammenhang zwischen den Explosion von 2001 und jenen der Jahre 1987 und 1999. "Die früheren Ereignisse waren abgeschlossen und deswegen nicht in dem Bericht, der sich mit dem aktuellen Störfall und den dabei gewonnenen neuen Erkenntnissen befasste", sagt Ministeriumssprecher Christian Kohl SPIEGEL ONLINE. Man habe nach den Zwischenfällen 1987 und 1999 reagiert und Gegenmaßnahmen vorgeschlagen, etwa den Einbau von Katalysatoren in den erkannten Bereichen. Kohl: "Die Vorgaben sind von dem Kraftwerksbetreiber umgesetzt worden."

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