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Akw-Störfälle: Löste Brunsbüttel-Abschaltung Brand in Krümmel aus?

Sobald die Hitze im Inneren des Traforaums es zulässt, wollen Experten die Ursache des Feuers im Kernkraftwerk Krümmel suchen - und einen möglichen Zusammenhang zum Kurzschluss im Akw Brunsbüttel. Die zuständige Ministerin kritisiert die alten Reaktoren, auch der Staatsanwalt schaltete sich ein.

Nach den Störfällen in den beiden norddeutschen Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel am gestrigen Nachmittag läuft die Suche nach den Ursachen - und Atomkraftkritiker fordern eine Schließung. Hat gar das Herunterfahren von Brunsbüttel den Brand in Krümmel ausgelöst? "Wenn ein großer Einspeiser wie Brunsbüttel vom Netz geht, dann kommt es zu Spannungsschwankungen", sagte Ivo Banek, Sprecher des Kraftwerksbetreibers Vattenfall. Möglicherweise hätten diese Schwankungen sich auf Krümmel ausgewirkt.

Noch hält Hitze von mehreren hundert Grad die Experten von Untersuchungen vor Ort ab. Denn warum genau am gestrigen Nachmittag kurz nach 15 Uhr ein Feuer in der Transformatorenhalle neben dem Reaktor in Krümmel ausbrechen konnte, ist nach wie vor unklar. Mehrere technische Erklärungen seien möglich, "aber Spekulationen helfen uns jetzt nicht weiter", sagte die Kieler Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) am heute dem Radiosender NDR Info. Sie nimmt für das Land Schleswig-Holstein die Atomaufsicht wahr.

Auf die Aussage, dass für die Bevölkerung keine Gefahr bestanden habe, wollte die Ministerin sich indes nicht festlegen lassen. Bisher stehe lediglich fest, dass bei dem Brand keine Menschen zu Schaden gekommen seien, und dass bei dem Unfall keine Radioaktivität freigesetzt worden sei. Dies bestätigte inzwischen auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace nach eigenen Messungen. Alles Weitere, sagte die Ministerin, müsse die laufende Untersuchung klären.

Auch die Staatsanwaltschaft Lübeck hat Vorermittlungen zu dem Fall eingeleitet: Wie bei jedem Feuer mit ungeklärter Ursache werde geprüft, ob möglicherweise eine Straftat vorliege, sagte ein Sprecher. Dazu müsse aber die Untersuchung des Brandorts durch Experten abgewartet werden.

Sachverständige des TÜV Nord, des Germanischen Lloyd und des Ministeriums seien vor Ort, sagte Ministerin Trauernicht. Sie rechne aber nicht vor dem Wochenende mit ersten Ergebnissen. Ihr Ministerium habe dem Betreiber Vattenfall einen umfangreichen Fragenkatalog übergeben. Der Vorfall zeige, dass der Atomausstieg richtig sei, sagte die SPD-Politikerin. Es werde immer aufwendiger, die Sicherheit der alten Anlagen weiter zu gewährleisten. Der in zehnjähriger Bauzeit errichtete Reaktor von Krümmel speist seit Herbst 1983 Strom ins deutsche Netz.

Große Hitze - Brandexperten warten

Das am gleichen Tag zwei Vattenfall-Kraftwerke heruntergefahren werden mussten, fand selbst Vattenfall-Sprecher Banek ungewöhnlich. "Ich kann mich nicht erinnern, dass wir das schon mal hatten", sagte er am Rande der Löscharbeiten in Krümmel.

Heute sollen die Experten das Trafohaus erstmals besichtigen können - sobald die Hitze im Inneren dies zulässt. Über Nacht waren nach Angaben des Sozialministeriums noch 30 Feuerwehrleute mit der Brandsicherung beschäftigt. Ein Brandherd in der Trafohalle werde noch mit Wasser gelöscht. Es sei unklar, wann die beiden Kraftwerke wieder ihren Betrieb aufnehmen können, sagte Banek. Die Schadenshöhe im KKW Krümmel könne noch nicht beziffert werden.

Grüne fordern Stilllegung

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SPIEGEL ONLINE
Atomkraftwerke in Deutschland
Grünen-Politiker fordern unterdessen die Stilllegung des Kernkraftwerks - spätestens zum im Atomkonsens vereinbarten Zeitpunkt. "Die Vorfälle zeigen: Es ist unverantwortlich, an den Sicherheitsfragen achtlos vorbei zu gehen, wie es die Atomlobby gern täte", sagte der Parteivorsitzende Reinhard Bütikofer der "Neuen Presse" aus Hannover. Eine Laufzeitverlängerung, wie von Unionspolitikern und Kraftwerksbetreibern angestrebt, nannte er "politisch inakzeptabel".

Die Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms bezeichnete Krümmel als einen jener Reaktoren, "für die es gute Gründe gibt, sie stillzulegen". Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE verwies Harms auf eine Studie aus dem Mai 2007. In ihrem Auftrag hatte ein internationales Expertenteam sich mit Störfällen in Kernkraftwerken beschäftigt - insbesondere mit schwerwiegenden Pannen im nichtnuklearen Bereich der Anlagen.

In der Studie, die online verfügbar ist, fassen die Autoren zusammen, "dass viele sicherheitsrelevante Ereignisse Jahr für Jahr, überall in der Welt, in allen Atomanlagentypen und in jedem Reaktordesign geschehen". Diese würden oft erheblich unterbewertet. Fazit dieser Arbeit: " Solange Atomkraftwerke und Anlagen betrieben werden, wird es ein Restrisiko geben. Vorläuferereignisse können nicht ausgeschaltet, die Möglichkeit eines zukünftigen schweren Unfalls kann nicht ausgeschlossen werden."

Greenpeace-Kernkraftexperte Thomas Breuer sagte: "Es ist auffällig, dass immer wieder Reaktoren der Betreiber Vattenfall und E.on pannenanfällig sind." Er verwies auf die Störfälle im schwedischen Forsmark und Ringhals im vergangenen Jahr. "Krümmels Pannenquote wird nur von Biblis übertroffen", sagte Breuer. In einer Pannenstatistik des Bundesumweltministeriums für das Jahr 2006 liegt Krümmel dagegen sogar an der Spitze der Störfallliste. Die Aussagen zur geringen Gefährlichkeit eines Transformatorbrands seien zudem nicht richtig, meint Breuer. "Über die Kabeltrassen kann sich der Brand sehr wohl dem Reaktor nähern."

stx/ddp/dpa

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Feuersbrunst: Alarm im Kernkraftwerk Krümmel


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