Ausgegraben

Ausgegraben Babyskelette unterm Herd

UAF/ Ben Potter

Über das Leben früherer Nomanden in Alaska ist wenig bekannt. Archäologen machten nun eine Entdeckung, die helfen könnte, mehr über ihren Alltag zu erfahren.

Vor 11.500 Jahren, als man noch trockenen Fusses vom Osten Sibiriens bis in den Westen Alaskas gelangen konnte, lebte am Delta des Upward Sun River in Zentralalska eine kleine Gruppe saisonaler Nomaden. Für die Ruhezeiten hatten sie sich runde Hütten von etwa drei Metern Durchmesser gebaut, die Fußböden halb in die Erde vertieft. Ganz ähnliche Hütten hatten auch ihre Vorfahren schon errichtet, als sie noch durch die sibirische Halbinsel Kamtschatka streiften. Die Menschen vom Upward Sun River aßen lachsähnliche Fische, Eichhörnchen und fasanenartige Wasservögel, die sie über den Feuerstellen in ihren Hütten zubereiteten.

Doch sonst ist wenig über ihren Alltag bekannt. Wie sah ihre Gesellschaft aus? Welchen Stellenwert hatten die Kinder darin? Wie gingen sie mit dem Tod um und welche Rituale halfen ihnen dabei? In der kleinen Siedlung machten der Archäologe Ben Potter von der University of Alaska Fairbanks und sein Team eine Entdeckung, die helfen könnte, diese Fragen ein Stück weit zu beantworten.

Knochen sorgfältig angeordnet

Bereits im Jahr 2010 hatten die Ausgräber unter der Feuerstelle eines der Häuser die verkohlten Knochen eines etwa dreijährigen Kindes entdeckt. Im vergangenen Herbst gruben sie noch tiefer - und wurden erneut fündig. Etwa 40 Zentimeter unter dem Kleinkind lagen zwei weitere Skelette. Eines davon gehörte einem wenige Wochen alten Säugling, das zweite Kind war bereits im Mutterleib etwa um die 33. Schwangerschaftswoche gestorben. Es ist schwierig, bei so kleinen Kindern bereits das Geschlecht zu bestimmen, weil die Knochen noch keine deutlichen Unterschiede hergeben. Die Forscher vermuten jedoch nach einer Vermessung der Beckenknochen, dass diese beiden Kinder Mädchen waren.

Eine Datierung ergab, dass alle drei Kinder etwa zur selben Zeit gelebt hatten: vor rund 11.500 Jahren. Möglicherweist starben sie sogar alle innerhalb weniger Wochen. Mit weiteren Untersuchungen wollen die Ausgräber nun klären, ob es sich um Geschwister handelt. Das ältere der beiden zuletzt entdeckten Kinder wurde kurz nach seinem Tod in die Grube gelegt - auf den Rücken mit dem Gesicht nach oben, die Beine angewinkelt. Die Knochen des Fötus aber erzählen eine andere Geschichte. Sie lagen ungeordnet übereinander, als ob der kleine Körper zunächst aufrecht sitzend platziert wurde, dann aber in sich zusammensackte.

Waren es vielleicht Zwillinge?

Eine andere Möglichkeit aber ist, schreiben die Forscher in ihrem Aufsatz im "Proceedings of the National Academy of Sciences", dass der Fötus ursprünglich an einem anderen Ort begraben lag. Erst als das ältere Baby starb, grub man seine Knochen aus, um die beiden gemeinsam in der Grube unter der Feuerstelle zu beerdigen. Zu dem Zeitpunkt aber waren die Muskeln und Sehnen schon so weit verwest, dass sie die Knochen nicht mehr zusammenhielten. Waren die beiden vielleicht gar Zwillinge, von denen der erste bereits im Mutterleib starb und tot geboren wurde, und der zweite die Geburt auch nur wenige Wochen überlebte? Wollte man deshalb die beiden Kinder gemeinsam beerdigen, auch wenn das eine bereits schon länger tot war?

"Ihr Land bedeutet ihnen viel"

Auf jeden Fall ist es außergewöhnlich, mit welcher Sorgfalt die beiden bestattet wurden. Sogar Beigaben für das Jenseits legte man ihnen mit ins Grab: vier große, kunstvoll gearbeitete Pfeile. Die Schäfte sind aus Geweih geschnitzt und mit einem Muster verziert, die Steinspitzen wurden angeklebt - es sind die ältesten aus zwei unterschiedlichen Materialien gefertigten Waffen, die bisher in Nordamerika gefunden wurden. Von einem verzierten Leichentuch sind Gewebe- und Ockerreste erhalten.

Die Nahrungsreste in der Feuerstelle helfen den Archäologen, die Jahreszeit zu bestimmen, in der die Kinder begraben wurden. Sowohl die Lachsgräten als auch Knochen von jungen, noch nicht ausgewachsenen Eichhörnchen deuten auf die Tage zwischen Mitte Juli bis Anfang August. In den Spätsommerwochen geht es Menschen, die als Jäger und Sammler leben, normalerweise sehr gut. Die Nahrung ist reichlich: Es gibt viele Jungtiere und die Natur strotzt nur so vor reifen Früchten. Hunger muss im Spätsommer niemand leiden. Dass die drei Kinder trotzdem ausgerechnet in dieser Jahreszeit starben, könnte auf eine außerordentliche Tragödie hindeuten.

Bei der Ausgrabung arbeiteten Potter und sein Team eng mit den heute in der Region lebenden Stämmen der Einheimischen zusammen. "Es ist bei uns Gesetz, dass wir die Wünsche und Absichten der Einheimischen bei unserer Arbeit berücksichtigen müssen", erklärt der Archäologe. "Denn es ist ihr Land und bedeutet ihnen sehr viel. Wir versuchen, wiedergutzumachen, was frühere Archäologen angerichtet haben, als sie menschliche Überreste, die oft erst wenige Generationen alt waren, ohne Erlaubnis aus den Gräbern entfernt haben."

Seit 1990 stehen die Funde archäologischer Ausgrabungen, die mit den einheimischen Stämmen in Verbindung gebracht werden können, unter dem Schutz des Native American Graves Protection and Repatriation Act. "Wir geben unser Bestes, um eine gute und respektvolle Wissenschaft zu betreiben."



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Tiananmen 23.11.2014
nathaniel76 23.11.2014
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stacylein 23.11.2014

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